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Appell an Duma Der Abgeordnete Nikita Juferew will Putin wegen Hochverrats anklagen lassen. Dem stern erklärt er die Strategie

In der Theorie wäre die Staatsduma befugt, Wladimir Putin wegen Hochverrats anzuklagen.
In der Theorie wäre die Staatsduma befugt, Wladimir Putin wegen Hochverrats anzuklagen. Auf dieses vom Gesetz vorgesehen Prozedere, machen Abgeordnete aus Sankt Petersburg aufmerksam 
© Artur Widak / Picture Alliance
Sieben Abgeordnete aus Sankt Petersburg sorgen für Furore. Ihnen ist es gelungen, in einem kommunalen Rat einen offiziellen Appell an die Staatsduma durchzubringen, in dem sie die Absetzung von Wladimir Putin fordern – wegen Hochverrats. Interview mit einem der Initiatoren.

Wladimir Putin des Hochverrats anklagen und des Amts entheben: Genau diesen Vorschlag will eine Gruppe von Abgeordneten aus Sankt Petersburg in der Staatsduma diskutiert wissen. Am 7. September beschlossen sie bei einer Sitzung des kommunalen Rats des Bezirks Smolninskoje den entsprechenden Appell einzureichen. In diesem Bezirk von Sankt Petersburg ist Wladimir Putin einst aufgewachsen. Ausgerechnet hier wird nun rebelliert. 

"Unserer Meinung nach zeigen sich seit dem Beginn der Sonderoperation auf dem Gebiet der Ukraine in den Handlungen des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin Anzeichen einer Straftat, die im Artikel 93 der Verfassung der Russischen Föderation beschrieben wird – Hochverrat", heißt es in dem Appell. 

Sieben Abgeordnete stimmten dafür – zwei von ihnen gehören der Partei "Jabloko" an, fünf sind parteilos. Wie Nikita Juferew, einer der Initiatoren des Appells. Im exklusiven Gespräch mit dem stern erzählt er, was die Lokalpolitiker mit ihrem Vorschlag an die Duma erreichen wollen, welche Chancen sie sich ausrechnen, und mit welcher Strategie sie einer Strafe zu entgehen hoffen. 

Herr Juferew, in einem Klima der Angst und allgegenwärtiger Zensur, haben Sie und Ihre Kollegen einen Schritt gewagt, der sich direkt gegen Wladimir Putin richtet. Damit machen Sie sich zum Feind eines Regimes, der nicht die kleinste Kritik duldet. Wie ist der Appell an die Duma entstanden?
Da will ich die Geschichte von Anfang an erzählen. Als am 24. Februar Präsident Putin seine Entscheidung zum Beginn der Sonderoperation uns allen kundgetan hat, haben mein Kollege Dmitrij Boltukow, ebenfalls Abgeordneter aus dem Bezirk Smolinskoje, fünf andere Stadtabgeordnete aus anderen Bezirken und ich umgehend einen Antrag auf eine Anti-Kriegs-Kundgebung gestellt. Die Erlaubnis wurde uns natürlich verweigert. Unter dem Vorwand, dass auf solchen Veranstaltungen das Coronavirus wüte. Bei Pro-Kriegs-Kundgebungen ist es anscheinend nicht der Fall. Denn solche wurden erlaubt.

Kommunalpolitiker des Bezirks Smolninskoje der Stadt Sankt Petersburg. Seit 2019 gehört er dem kommunalen Rat an. Ursprünglich kandidierte der 34-Jährige für die Partei "Jabloko" (zu Deutsch Apfel). Inzwischen ist er jedoch parteilos. 

Also haben wir uns entschlossen, eine offene Sitzung des kommunalen Rats zu veranstalten und alle Bürger dazu einladen. Das Reglementarium lässt dies zu. Am 2 März kamen mehr als 100 Menschen zusammen, was für eine Bezirksverwaltung sehr viele sind. Wir standen draußen auf der Veranda, und stimmten vor dem versammelten Publikum ab. Dahinter standen die Spezialeinheiten von Amon. Vor dieser Kulisse trafen wir die Entscheidung, einen Appell an Putin zu richten, mit der Forderung die Sonderoperation sofort zu stoppen.

Erstaunlicherweise wurde damals niemand verhaftet. Aber unsere Forderung blieb unbeantwortet.

Haben Sie das so auf sich beruhen lassen?
Im August habe ich auf Eigeninitiative eine Abgeordneten-Anfrage an die Präsidialverwaltung gestellt - ebenfalls mit der Forderung die Sonderoperation zu stoppen. Vor allem aus humanitären Gründen. Damals hatte die UN gerade Statistiken zu den Opfer-Zahlen in der Ukraine veröffentlicht. Und ich fand es richtig, diese Statistik zu veröffentlichen. Zum damaligen Zeitpunkt bezifferte die UN die Zahl der Flüchtlinge auf mehr als sechs Millionen Menschen, registrierte 5000 Todesopfer unter den Zivilisten. Und das waren nur die offiziell bestätigten Todesfälle, die sich ohne jeglichen Zweifel beweisen ließen, 300 von ihnen Kinder. Also habe ich an den Präsidenten appelliert, diese Sonderoperation zu beenden. Und dieses Mal habe ich sogar eine Antwort erhalten. Meine Anfrage sei berücksichtigt worden, hieß es bloß aus der Präsidialverwaltung.

Eine Antwort ohne Inhalt und Bedeutung. Was taten Sie dann?
Uns hatte diese Antwort auch nicht zufriedengestellt. Also schlug mein Kollege Dmitri Paljuga vor, auf der für den 7. September angesetzten kommunalen Ratssitzung, einen Appell an die Staatsduma mit dem Vorschlag zu richten, den russischen Präsidenten seines Amts zu entheben – und zwar auf der Grundlage des Vorwurfs des Hochverrats.

In Ihrem Appell versuchen Sie Putin mit seiner eigenen Rhetorik vorzuführen. Eine gezielte Strategie?
Wir haben uns bewusst dazu entschlossen, die Rhetorik von Putin selbst zu verwenden. Dmitri Paljuga war derjenige gewesen, der es vorgeschlagen hat, eben nicht jene Rhetorik zu benutzen, die Menschen, die unsere Ansichten teilen, üblicherweise benutzen – dass Krieg per se schlecht sei und Ähnliches. Sondern eben Putins Rhetorik, die an sein Auditorium gerichtet und die für sein Publikum somit auch verständlich ist. Damit diese Menschen vielleicht ins Nachdenken geraten.

Wie sieht das in der Praxis aus? Von Putin heißt es, dass die Nato Russland bedroht. Also sagen wir: Schaut doch! In Folge der Entscheidung des Präsidenten wird sich die Landgrenze zwischen den Nato-Staaten und Russland verdoppeln, nachdem nun Finnland dem Bündnis beitritt.

Putin sagt, er will die Ukraine demilitarisieren. Also sagen wir: Schaut doch! Die Ukraine hat seit dem 24. Februar Waffen und Ausrüstung im Wert von 38 Milliarden Dollar bekommen. Das zeigt doch, dass die Ziele des Präsidenten nicht erreicht werden!

Gehen Sie deswegen in Ihrem Appell auf die russischen Kriegsopfer ein – und nicht auf die ukrainischen?
Russische Kriegsopfer müssen doch bei allen einen negativen Eindruck hinterlassen, auch bei überzeugten Putinisten. Auch sie müssen es als tragisch empfinden, wenn die eigenen Bürger sterben, richtig? Deswegen haben wir auch die Folgen für die russische Ökonomie als Argument angeführt. Dass diese leidet, ist kein Geheimnis.

Eine schlaue Strategie. Wie haben Ihre Kollegen diesen Vorschlag angenommen?
Zu der Sitzung am 7. September erschienen zehn von insgesamt 20 Abgeordneten. Die Mitglieder der Regierungspartei "Einiges Russland" und der Vorsitzende sind nicht gekommen. Sie haben die Sitzung boykottiert.
Zehn Abgeordnete waren aber da. Somit erreichten wir das Mindestqourum, um eine legitime Entscheidung fällen zu können. Sieben Abgeordnete stimmten für die Entsendung des Appells an die Staatsduma. Drei Abgeordnete enthielten sich, aber sie sind geblieben! Nur dank dieser Handlung ist es nicht bei einem bloßen offenen Brief von sieben Abgeordneten geblieben. Es ist zu einer Entscheidung einer Regierungsbehörde gekommen, mit juristischer Gültigkeit. Dafür muss ich mich nochmal bei diesen drei Kollegen bedanken. Wären sie aufgestanden und wären gegangen, hätten wir das Quorum nicht erreicht.
Einen Dank bin ich auch den Abgeordneten von "Einiges Russland" und dem Vorsitzenden schuldig – für die Unterbesetzung durch ihren Boykott. Wenn sie zu der Sitzung erschienen wären, dann hätten sieben Stimmen für die Annahme des Vorschlags nicht ausgereicht. Aber sie haben die Sitzung boykottiert, und der Vorschlag wurde angenommen.

Heißt das, dass die Abgeordneten von "Einiges Russland" wussten, was auf der Tagesordnung stehen würde und sind nicht zu der Sitzung erschienen, damit Sie die Gelegenheit haben, den Vorschlag durchzubekommen?
Ich kenne die Motivation dieser Kollegen nicht. Unser Verhältnis ist sehr angespannt, ich würde es sogar als feindlich bezeichnen. Aber auf die Art und Weise haben sie uns geholfen, diese Entscheidung anzunehmen. Ich kann aber nicht sagen, ob sie das mit Absicht oder aus Dummheit gemacht haben (lacht).

Rechnen Sie sich irgendwelche Chancen aus, dass die Duma tatsächlich über Ihren Appell beraten könnte?
Wir verstehen, dass all unsere Forderungen und Appelle an Putin und die Staatsduma in Bezug auf die Sonderoperation keine juristischen Folgen haben werden. Wir verstehen, dass sie nicht auf einmal in Tränen ausbrechen und die Sonderoperation sofort beenden werden. Aber die Forderungen und Appelle haben einen Effekt auf die Menschen.
Es gibt Putinisten, die sich noch nicht eindeutig festgelegt haben. Vielleicht können wir sie mit unseren Argumenten dazu bewegen, Putin und seine Handlungen nicht mehr zu unterstützen.
Aber unsere zentrale Zielgruppe sind Menschen, die unsere Ansichten teilen. Die Propaganda trichtert den Menschen ein, dass alle in Russland Putin unterstützen; dass alle in Russland die Fortsetzung der Sonderoperation wollen. Ein Mensch, der sich in dieser Propaganda-Blase befindet, aber anders denkt, glaubt, dass er allein damit sei. Mit solchen Aktionen zeigen wir diesen Menschen, dass sie nicht allein sind! Dass wir viele sind! Dass es eine ganze Regierungsbehörde in Sankt Petersburg gibt, die die Sonderoperation nicht gutheißt und in diesem Zusammenhang den Rücktritt Putins will!

Wie viele sind "viele"? Wie viele Menschen in Russland teilen Ihre Ansichten?
In einer Umfrage des Levanda-Zentrums (eines unabhängigen Meinungsforschungsinstituts, das in Russland als angeblicher "Ausländischer Agent" eingestuft wird, Anm. d. Red.) haben 48 Prozent der Befragten im September angegeben, dass sie militärische Aktionen auf dem Gebiet der Ukraine unterstützen. 48 Prozent ist sehr viel. Aber es gibt noch die anderen 52 Prozent, die keineswegs irgendeine Art von Unterstützung für militärischen Tätigkeiten in der Ukraine angedeutet haben. Es gab in der Umfrage verschiedene Antwortoptionen, aber keine einzige von ihnen beinhaltete eine Art Unterstützung.
Und die Statistik zeigt eine eindeutige Entwicklung. Im Mai sprachen sich noch 72 Prozent der Befragten für militärische Tätigkeiten aus. Anfang September waren es nun nur noch 48 Prozent. Das ist eine kolossale Entwicklung. Deswegen darf man nicht der Propaganda-Rhetorik folgen und glauben, dass alle hier die Sonderoperation unterstützen. Das ist ganz und gar nicht der Fall! Mit unseren Aktionen versuchen wir genau das unserem Publikum zu demonstrieren.

Also wussten Sie von Anfang an, dass der Appell aus juristischer Perspektive zum Scheitern verurteilt ist?
Unsere Staatsduma ist ein politisch gesäubertes Feld. Dort sitzen absolut gehorsame Menschen, deren Reichtum von Putin abhängt. Sie werden sich nicht gegen ihn wenden – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt. Wenn irgendwann alles zu zerbröckeln anfängt, dann werden sie das Wechsel-Bäumchen-Spiel anfangen. Aber momentan hat unser Appell keine juristischen Aussichten. Er ist vielmehr ein Akt des Protests. Er wird nicht so bald zum Rücktritt des Präsidenten führen.

In Russland werden momentan Menschen für Anti-Kriegs-Äußerungen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Haben Sie keine Angst?
Wir sind tatsächlich sehr vorsichtige Menschen. Wir benutzen keine Terminologie, die die russische Gesetzgebung verbietet. Auch in diesem Gespräch benutze ich sie nicht. Weil mein Telefon abgehört wird, wie mir mein Anwalt gesagt hat. Wir benutzen bewusst das Wort Sonderoperation, wie das vorgeschrieben ist. Wir verwenden ausschließlich Informationen aus offiziellen Quellen. Das russische Verteidigungsministerium hat den Tod von russischen Soldaten schließlich bestätigt. Wir beziehen uns auf diese Angaben. Wir erfinden nichts.
Außerdem haben wir nicht zu unerlaubten Protesten aufgerufen. Wir haben eine offizielle Sitzung einer Regierungsbehörde einberufen, allen Regeln und Vorschriften entsprechend. Das Prozedere entsprach vollkommen dem 131. Artikel des föderalen Gesetzes, der festlegt, wie eine Abgeordneten-Anfrage vonstatten gehen und wie sie angenommen werden muss.
Und in dieser Anfrage verlangen wir auch nicht, etwas Illegitimes gegen den Präsidenten zu unternehmen. Wir schlagen nur vor, das vom Gesetz vorgesehene Prozedere gegen ihn anzuwenden. Das Prozedere der Amtsenthebung ist in unserer Verfassung festgelegt. Auch die Erhebung der Anklage wegen Hochverrats ist im föderalen Gesetz festgelegt. Aus juristischer Sicht sind wir sauber.

Die Polizei hat dennoch gegen fünf der Unterstützer des Appells bereits Protokolle erstellt und ermittelt wegen angeblicher "Diskreditierung der russischen Streitkräfte".
Noch ist keine Strafe verhängt worden. Ein Verstoß gegen das "Gesetz zu Diskreditierung der russischen Streitkräfte" sieht keine Haft vor, zumindest nicht für das, was man uns anlastet. Ich verstehe natürlich, was die russische Justiz an sich darstellt. Aber wir haben nichts Illegales getan. Wir haben im Rahmen des Gesetzes gehandelt. Eine kleine Chance, dass wir nicht verurteilt werden, besteht. Aber für den Fall, dass eine Geldstrafe verhängt wird, sind wir vorbereitet. Das ist es wert!

Interessanterweise hieß es in den Vorladungen der Polizei an Sie und Ihre Kollegen, dass wegen "Diskreditierung der amtierenden Regierung" ermittelt wird.
Ja, aber ein entsprechendes Gesetz gibt es nicht. Die Polizei denkt offenbar, dass man auch schon "die amtierende Regierung diskreditieren" kann. Ein Freudscher Versprecher, würde ich sagen.

Wie schnell könnte es nun zu einer Gerichtsverhandlung kommen?
Der Fall kann jetzt einen rasanten Lauf nehmen. Die entsprechenden Dokumente waren bereits am vergangenen Freitag beim Gericht eingegangen, dem Tag, an dem wir zur Polizei vorgeladen worden sind.
Alle halten unsere Tat für sehr dreist. Womit ich nicht einverstanden bin. Denn wir haben konform mit allen Gesetzen gehandelt. Die Regierung der Stadt hat aber einen moralischen Schaden davongetragen, weil sie die Lage in der Stadt nicht unter Kontrolle hat. Nun werden die Regierenden das wiedergutzumachen versuchen, indem sie jemanden bestrafen. Zumal unser Bezirk noch einen symbolischen Wert hat. Putin ist in unserem Bezirk groß geworden. Er hat einst in einem Haus in der Straße mit dem Namen Baskow Pereulok gelebt. Er ist also ein Kind unseres Bezirks Smolninskoje.

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