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Nach Tagen des Chaos Neuer Kurs vorgegeben – wie die Kreml-Propaganda den gescheiterten Blitzkrieg erklärt

Die Propagandistin Olga Skabejewa im Studio der Sendung "60 Minuten", die in Russland fünf Stunden am Tag ausgestrahlt wird
Die Propagandistin Olga Skabejewa im Studio der Sendung "60 Minuten", die in Russland fünf Stunden am Tag ausgestrahlt wird
© Screenshot Rossija 1
Aus dem Blitzkrieg Russlands gegen die Ukraine ist nichts geworden. Dies musste auch Wladimir Putin unlängst eingestehen. Nun obliegt es den Kreml-Propagandisten der Bevölkerung weiszumachen, warum. 

Die Erfolge der ukrainischen Armee haben die Kreml-Propagandisten kalt erwischt. Ohne einen festen Leitfaden, wie die ukrainischen Geländerückeroberungen im Nordosten des Landes zu erklären sind, erklang im russischen Staatsfernsehen in der vergangenen Woche eine wilde Mischung aus großspurigem Spott, fatalistischen Versprechen und angsterfüllten Aufrufen zu Gebeten. (Wie das genau ausgesehen hat, erfahren Sie hier.)

Doch die Zeit ohne einen vorgegebenen Kurs vorbei. Aus dem Kreml erreichte die Propagandisten allen Anzeichen nach eine neue Direktive. Das neue vorgegebene Narrativ lautet: Russland führt Krieg gegen die Nato, nicht gegen die Ukraine. Die Idee dahinter ist denkbar einfach. Die Nato ist ein seriöserer Feind als die kleine Ukraine. Daher dürfe man sich nicht wundern, dass der Krieg länger dauert als die angekündigten drei Tage. 

Nun ist es an den Propagandisten, diese Logik dem Publikum einzubläuen. "Die Nato benimmt sich zunehmend aggressiv und bereitet die Ukraine zu einem ewigen Krieg", erklärt Putins Liebster Einpeitscher Wladimir Solowjow in seiner täglichen Abendsendung. Dabei ist seit den Niederlagen in der Ostukraine für die Propagandisten ein Tabu gefallen: Das Wort Krieg erschallt plötzlich von den TV-Bildschirmen. Auch wenn das Recht auf den Gebrauch dieses Wort vorerst nur der Propaganda vorbehalten ist.

"Ich hoffe, dass unsere Leute keine Illusionen mehr haben. Wir haben es schon lange nicht mehr mit der Ukraine zu tun. De facto führt die Nato Krieg gegen uns", breitet Solowjow das neue Narrativ gemäß den Vorgaben aus dem Kreml aus. "Die Nato kämpft gegen Russland und die gesamte freie Welt", postuliert er. Wo er die "gesamte freie Welt" verortet, führt Solowjow geflissentlich nicht aus. Außer Diktaturen wie Belarus, Eritrea und Nordkorea wären hier schließlich nicht viele Unterstützer zu nennen. Aber das muss man dem russischen Publikum nicht verraten. 

"Wir gegen die andere Hälfte der Welt"

Die Chefin des Propagandasenders RT, Margarita Simonjan, stimmt derweil das alte Lied ein. Die USA würden einen Regierungssturz in Russland anstreben. "Und das verheimlichen sie nicht", behauptet sie glatt. Im nächsten Satz vergaloppiert sie sich aber. Bereits 1917 und 1991 hätten die USA einen Regierungswechsel erreicht. Damit spielt Simonjan auf die Oktoberrevolution und den Zerfall der Sowjetunion an – und gesteht dem Erzfeind die Macht zu, sowohl das gelobte Sowjetreich als auch das russische Imperium zum Fall gebracht zu haben. 

Nichtsdestotrotz soll sich Russland wieder in einem Konflikt mit diesem übermächtigen Feind befinden. "Wir führen Krieg gegen die Nato, nicht gegen die Ukraine", wiederholt sie. "Es gibt keine Gründe, daran zu zweifeln. Die Ukraine für sich allein hätten wir längst mit dem bloßen kleinen Finger erledigt." Simonjan gehörte zu Anfang des Krieges zu denjenigen, die laut posaunt hatten, man werde das Nachbarland in zwei, höchstens drei Tagen erobert haben.  

Die neue Darstellung des Kremls, erlaubt es nun auch ihr, den für Moskau katastrophalen Kriegsverlauf zu erklären. "Es heißt: Wir gegen die andere Hälfte der Welt", betont sie nochmal und ruft zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur im "noch nicht befreiten Teil der Ukraine" auf. "Es ist an der Zeit, brutal zu handeln", stimmt Solowjow ihr zu. 

Russland gegen die Nato 

In der Polit-Show "60 Minuten" stimmt unterdessen auch Olga Skabejewa die Nato-Leier an. "Ausländische Mordgesellen bilden faktisch das Rückgrat der ukrainischen Armee", behauptet sie und spricht von Beweisen für den Einsatz professioneller Militärs, die angeblich jeden Tag auftauchen würden. Darunter auch Söldner der US-Gruppierung "Blackwater". 

Einer ihrer Studiogäste greift wieder die Mär auf, die Ukraine sei ein "urrussisches Gebiet". "Wenn amerikanische, britische oder französische Söldner in die Siedlungen einmarschieren, die russischen Großmütter verhöhnen und Fahnen runterreißen, erinnert mich an Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg. Als die Deutschen in die eingenommen sowjetischen Dörfer einmarschiert waren. Genauso sind sie heute auf das Territorium des historischen Russlands einmarschiert. Die Ukraine gehört zum historischen Russland. Das ist unser Land. Das ist unser Territorium, das wir heute befreien", lügt ein gewisser Igor Korotschenko, der den Zuschauern als Militärexperte vorgestellt wird, ohne rot zu werden. (Warum diese Version der Geschichte pervertiert ist, erklärt hier der russische Historiker Nikita Petrow.)

Der Duma-Abgeordnete Oleg Matwejtschew weiß hiervon offenbar noch nichts. Im Studio von Solowjow erklärt der Politiker der Regierungspartei "Einiges Russland": "Wir müssen stets daran denken, dass zwar auf dem Territorium der Ukraine, aber nicht gegen die Ukraine Krieg geführt wird." Er wagt eine Fußball-Metapher: "Bei uns herrscht der Eindruck vor, dass ein Eliteclub wie Real Madrid gegen einen Hinterhof-Verein spielt. (...) Aber gegen uns spielt kein Hinterhof-Verein. Es gibt Informationen, wonach in manchen Städte in der Region Charkiw gar keine Ukrainer mehr gibt. Dort stehen irgendwelche Briten, irgendwelche Schwarzen. Sie sprechen Englisch, geben Befehle auf Englisch, erstatten Reporte auf Englisch. Dort führt die Nato im vollen Maßstab den Krieg."

Rückgliederung und Transfer

Weil die Kreml-Propagandisten nie etwas beim Namen nennen dürfen, gibt es in ihrem spezifischen Vokabular zwei neue Begriffe für die Rückschläge der russischen Streitkräfte: Rückgliederung und Transfer werden in offiziellen Statements die Manöver der russischen Armee genannt, die zu enormen ukrainischen Geländegewinnen geführt haben. Diese überstiegen binnen weniger als einer Woche diejenigen der russischen Truppen seit April.

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