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Kandidaten für die Duma Das Who's who der Putin-Propagandisten: Wer bald Russland mitregieren wird

So präsentierte sich Maria Butina einst in den sozialen Netzwerken
So präsentierte sich Maria Butina einst in den sozialen Netzwerken. Nun will sie Russland mitregieren 
© VKontakte
Russland wählt ein neues Parlament. Dabei gibt es am Ausgang so gut wie keine Zweifel. Die Listen mit den Namen der zukünftigen Abgeordneten liegen längst im Kreml. Drei von ihnen stellen wir Ihnen vor. 

Am Freitag hat in Russland die Duma-Wahl begonnen. Drei Tage lang können die Russen landesweit darüber abstimmen, wie die 450 Sitze im Unterhaus des russischen Parlaments besetzt werden. So zumindest die Theorie des russischen Polit-Systems. Tatsächlich hatten die Russen bereits seit Jahrzehnten keine Wahl, die diese Bezeichnung verdient hätte. Die Liste der künftigen Abgeordneten liegt im Kreml längst auf dem Tisch.

Diese drei Namen dürften dort ihren Platz gefunden haben: Valentina Tereschkowa, Maria Butina und Ewgenij Popow. Eine ehemalige Astronautin, eine enttarnte Agentin und ein TV-Moderator. So unterschiedlich diese Charaktere sind, eins haben sie gemeinsam: Sie gehören zum harten Kern des Putin-Fan-Blocks. Und so viel Treue wird belohnt – mit den besten Listenplätzen der Regierungspartei Einiges Russland. 

Maria Butina: Von gescheiterter Agentin zur Abgeordneten 

Maria Butina ist der jüngste Zugang im Putin-Fan-Club. Bekannt wurde die heute 32-Jährige, als sie in den USA als Spionin enttarnt worden war. 2019 wurde sie zu 18 Monaten Haft verurteilt, nachdem sie gestanden hatte, unter Anleitung eines russischen Regierungsvertreters republikanische Kreise und die US-Waffenlobby NRA infiltriert zu haben. Im Prozess bekannte sich die Waffen-Närrin der Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten von Amerika für schuldig.

Jahrelang hatte Butina demnach einen deutlich älteren Liebhaber aus der Polit-Szene als Türöffner benutzt, um Zugang zu Politikern zu bekommen und ein weitverzweigtes Netzwerk aufzubauen. In beschlagnahmten Dokumenten äußerte sie sich abschätzig über das Zusammenleben mit dem Mann. Die Beziehung sei für sie nur ein "notwendiger Aspekt ihrer Aktivitäten" gewesen. Auch habe sie parallel einer anderen Person "Sex" angeboten, um dafür Zugang zu einer Lobbyistenorganisation zu bekommen.

Gedankt hat es ihr die Regierung in Moskau nicht. Nicht einmal der Anwalt wurde für die enttarnte Spionin bezahlt. Insgesamt 15 Monate ihrer Haftstrafe saß Butina ab, bevor sie wegen guter Führung entlassen wurde. 

Doch dann fand man im Kreml plötzlich eine Verwendung für sie. Kaum auf dem Flughafen in Moskau angekommen schlüpfte sie in die Rolle einer Märtyrerin, ein unschuldiges Opfer der US-Justiz und der angeblich russophoben Amerikaner. Dutzende Reporter, Fernsehkameras, Fans und offizielle Vertreter des russischen Außenministeriums nahmen sie in Empfang. Seitdem war Butina vor allem damit beschäftigt, überall von den Schrecken ihrer Gefängniszeit zu berichten. "467 Tage in der Hölle", mit diesem Slogan warb sie für ihr Buch, das sie im vergangenen Jahr über ihre Zeit in der Haft veröffentlich hat. 

Maria Butina während der Präsentation ihres Buches über ihre Haft in den USA 
Maria Butina während der Präsentation ihres Buches über ihre Haft in den USA 
© Sergei Karpukhin / Picture Alliance

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte Butinas Propagandisten-Karriere, als sie im vergangenen Frühjahr für den Sender RT den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny in Haft besuchte. Zu einem Zeitpunkt, als der Erzfeind Putins vor der ganzen Welt abgeschottet wurde, durfte ausgerechnet eine ehemalige Agentin die Haftbedingungen des Oppositionspolitikers unter die Lupe nehmen – an denen sie selbstverständlich keinerlei Anstoß nehmen konnte. "Hier sieht es besser aus als in einem Ferienlager in der Altai-Region!", lautete ihr Urteil. Ein Auftritt, der jemanden im Kreml überzeugt haben muss. Wenige Wochen später gab Butina ihre Kandidatur für die Duma bekannt. Sie besetzt den zweiten Listenplatz ihres Wahlkreises. Den ersten Platz belegt der Gouverneur der Region, aber er wird auf den Platz in der Duma verzichten. Und so wird Butina demnächst im Parlament von den Schrecken der US-Gefängnisse berichten können. 

Ewgenij Popow: Vom kleinen Propagandisten zur schweren Artillerie 

Während Butina zu den Frischlingen in der Propagandisten-Szene zählt, ist Ewgenij Popow seit langem in diesem Geschäft. Seine Karriere beim Staatsfernsehen startete er als Reporter im Jahr 2000. Landesweite Bekanntheit erreichte Popow aber erst als Moderator der Politik-Talk-Show "60 Minuten". An der Seite seiner Frau und Co-Moderatorin Olga Skabeewa erzählt er seit 2016 den Zuschauern, wie verkommen der Westen, wie bösartig die unabhängige Ukraine und wie gesegnet Russland unter Putin sei – und das jeden Tag.

Beleidigungen der Gäste und Verbreitung von falschen Informationen sind dabei an der Tagesordnung. 2018 sorgte etwa ein Interview mit einer Studentin, die Augenzeugin eines Amoklaufs auf der annektierten Krim gewesen sein wollte, für einen Skandal. Als Alina Sotoya wurde die Gesprächspartnerin in der Sendung vorgestellt. Nur dass Alina Sotoya bei dem Amoklauf ums Leben gekommen war. 

"Seine Kandidatur ist eine Verhöhnung der Moskauer Bürger", sagt die Mitstreiterin von Nawalny, Maria Pewtschich. "Ausgerechnet er wird als schwere Artillerie eingesetzt, in einem Wahlkreis, der traditionell sehr oppositionell eingestellt ist. Ewgenij Popow soll das beste sein, was Einiges Russland zu bieten hat. Aber man kann Ewgenij Popow nicht anschauen, ohne vor Lachen zu weinen", so Pewtschich in einem Interview mit dem unabhängigen Sender Dozhd

Tatsächlich deckte das Team von Nawalny erst vor kurzem auf, wie viel Popow und seine Frau am Fiskus vorbei verdienen: Millionenbeträge, von denen sie sich die teuersten Immobilien in Moskau leisten. Sogar die Zentrale Wahlkommission, die vom Kreml kontrolliert wird, musste zugeben, dass Popow rund 3,1 Millionen Rubel (umgerechnet ca. 36.000 Euro) bei seiner Kandidatur nicht deklariert hatte. Konsequenzen hatte der Betrug keine.

Während seines Wahlkampfs blamierte sich Popow mehrmals, als er in seinem Wahlkreis Show-Besuche abstattete und von den Bewohnern schlicht ausgelacht wurde. Nichtsdestotrotz nimmt Popow den ersten Listenplatz von Einiges Russland ein. Es bedürfe schon fast eines Wunders, dass er es nicht in die Duma schafft. 

Valentina Tereschkowa: Von der Astronautin zur Sprechpuppe 

Die prominenteste Figur unter den vorgestellten drei ist Walentina Tereschkowa. Sie flog im Jahr 1963 als erste Frau ins Weltall und ist bis heute die einzige Frau in der Raumfahrtgeschichte, die auf eine Solo-Mission geschickt wurde. Drei Jahre nach ihrem Flug zog die Nationalheldin in das Parlament der damaligen Sowjetunion ein. 

Valentina Tereschkowa bei einer Besprechung mit Wladimir Putin 
Valentina Tereschkowa bei einer Besprechung mit Wladimir Putin 
© Alexei Nikolsky / Picture Alliance

55 Jahre lang sitzt Tereschkowa nun auf die eine oder andere Art in der Regierung. In dieser Zeit hat sich alles verändert: die Regierungspartei, die Verfassung, ja selbst der Staat. Chruschtschow, Breschnew, Andropow, Tschernenko, Gorbatschow, Jelzin: Sechs Staatsführer überdauerte Tereschkowa. Ob sie auch den siebten, Putin, überlebt, wird sich zeigen. Die ehemalige Astronautin setzt jedenfalls alles daran. 

Im vergangenen Jahr vollbrachte die 84-Jährige ihre zweite große Tat. Sie war diejenige, die in der Duma den Vorschlag eingebracht hatte, die Amtszeiten von Putin zu annullieren. Damit eröffnete sie ihm den Weg zu weiteren 15 Jahren an der Macht – mindestens. Putin konnte solch einen Vorschlag nicht selbst vor das Parlament bringen. Dafür brauchte er eine ehrwürdige Person, die dem Vorhaben einen edlen Anstrich verleihen würde – eine Rolle, wie für Tereschkowa gemacht. Wer würde es schließlich wagen, eine Nationalheldin zu kritisieren, so wohl die Überlegung im Kreml.

Ihre enge Verbindung zu Putin trägt Valentina Tereschkowa gern zur Schau: Bei der Beerdigung des russischen Sängern Iosif Kobzon hielt sie die tröstend Hand des Präsidenten. 
Ihre enge Verbindung zu Putin trägt Valentina Tereschkowa gern zur Schau: Bei der Beerdigung des russischen Sängern Iosif Kobzon hielt sie die tröstend Hand des Präsidenten. 
© Sergei Chirikov / Picture Alliance

Doch in dieser Rolle büßte Tereschkowa das letzte Fünkchen Ehrwürdigkeit ein, das sie noch besessen haben mag. Das Image einer Sprechpuppe, die nur den Mund aufmacht, um die Worte anderer auszusprechen, wird sie so bald nicht mehr los. Aber das hat Tereschkowa noch nie gekümmert, solange sie ein warmes Plätzchen in der Regierung hat. Und das ist ihr weiter sicher. Auf der Wahlliste ihrer Region ist sie die Nummer 2. Weitere fünf Jahre in der Duma sind ihr somit gewiss.


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