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Maria Butina Russische Agentin: Kaum in Moskau angekommen, gibt sie die Märtyrerin

Maria Butina umarmt bei ihrer Ankunft in Moskau weinend ihren Vater 
Maria Butina umarmt bei ihrer Ankunft in Moskau weinend ihren Vater 
© Vitaliy Belousov / Picture Alliance
Die Geschichte von Maria Butina klingt wie ein Spionagethriller. Jahrelang soll sie als Undercover-Agentin konservative Kreise in den USA infiltriert haben, wurde wegen "Beeinflussung der US-Politik" verurteilt. Nun ist sie wieder frei und schlägt das nächste Kapitel ihrer Geschichte auf. 

Mit einer leuchtend roten Mähne posierte sie einst mit Maschinengewehren, hantierte mit Pistolen und schwang sogar Schwerter. Maria Butina sah sich selbst gern in der Rolle der russischen Lara Croft. Fleißig tingelte sie durch russische Talkshows und trat lautstark für das Recht auf Waffenbesitz ein. Ihre Leidenschaft führte sie schließlich nach Washington, wo sie bei der US-Waffenlobby NRA ein gern gesehenes Gesicht war. In rechtsgerichteten Zirkeln kam die Russin gut an. Sie lernte republikanische Gouverneure, Donald Trump Junior und sogar den US-Präsidenten selbst kennen. Es lief scheinbar wie am Schnürchen - bis Butina im Juli 2018 festgenommen wurde.

Das FBI warf Butina vor, von 2015 bis mindestens Februar 2017 unter Anweisung eines russischen Regierungsvertreters in den USA gearbeitet zu haben. Sie habe dabei Beziehungen zu Amerikanern entwickelt und "Organisationen infiltriert, die Einfluss in der amerikanischen Politik haben". Das Ziel sei gewesen, "die Interessen der Russischen Föderation voranzubringen". Warum das strafbar ist? Weil Butina es nach Angaben des FBI versäumt hat, sich als Agentin bei ihrer Anreise in die USA kenntlich zu machen. Wobei als Agent jeder gilt, der Interessen eines anderen Staates in den USA vertritt. Wegen illegaler Agententätigkeit wurde sie zu 18 Monaten Haft verurteilt. 

Nun ist Butina wieder frei. Nach 18 Monaten Haft in dem Bundesgefängnis in Tallahassee in Florida kehrte sie am Samstag wieder in ihre Heimat zurück. Doch bei der Ankunft am Moskauer Flughafen Scheremetjewo war die 30-Jährige kaum wieder zu erkennen. Blass, ausgelaugt und mit dunklen Ringen unter den Augen fiel sie weinend in die Arme ihres Vaters, der seine Tochter empfing - statt einer roten Mähne strubbeliges, ausgebleichtes Haar. Statt einer Lara Croft eine Märtyrerin.

Ikonenmalerei und russische Klassik 

Butina hat offenbar für sich eine Rolle gefunden. Schon während ihres Flugs nach Moskau gab sie erste Interviews und berichtete von den Schrecken ihrer Haft. Nur dank einer strengen Disziplin, Sport und ihrem Glauben sei es ihr gelungen, die Zeit zu überstehen. Vor allem die Einzelhaft, die sie vier Monate lang ertragen musste, sei eine Prüfung gewesen. "Wenn man nicht verrückt werden will, muss man einen strengen Tagesplan einhalten", sagte sie den Reportern des russischen Propagandasenders RT und der Nachrichtenagentur Sputnik. "Jede Stunde sollte mit irgendeiner Beschäftigung gefüllt sein. Sobald man sich entspannt und anfängt zu denken, fängt das Gehirn an zu rattern: Was wäre, wenn? Und was wird kommen?"

Also habe sie sie Bücher über Ikonenmalerei und Kunst gelesen und sich auch den russischen Klassikern gewidmet. Ihre Zelle sei sehr kalt gewesen und man habe sie nur nachts hinausgelassen. "Ich hatte Zeit von eins bis drei Uhr nachts, auch um jemanden anzurufen. Es gab Situationen, in denen ich meine Eltern eine halbe Stunde lang nicht erreichen konnte. Doch die Zeit lief ab und es interessierte niemanden, ob ich sie erreichen konnte oder nicht", klagte sie ihr Leid.

Maria Butina bei ihrer Ankunft in Moskau 
Maria Butina bei ihrer Ankunft in Moskau 
© Vitaliy Belousov / Picture Alliance

Dabei hatte sie nachts noch die besten Chancen, ihre Eltern telefonisch zu erreichen. Zwischen Florida und Barnaul, der Stadt, in der ihre Familie lebt, bestehen elf Stunden Zeitunterschied. Wenn es an der US-Ostküste drei Uhr nachts ist, ist es in Barnaul 14 Uhr.

Opfer im Polit-Krieg? 

Doch das erwähnte Butina nicht. Stattdessen erzählte sie weiter über Schikanen der US-Beamten, die selbst am Tag ihrer Freilassung kein Ende genommen hätten. Sie sei stundenlang eingesperrt worden und habe um Essen und Wasser betteln müssen. Auch einen Anruf bei ihrem Vater habe man ihr verweigert. Dabei habe sie ihm lediglich mitteilen wollen, wann ihr Flug ankommt. "Sie haben mich wieder getäuscht", sagte Butina, die sich als Opfer sieht. 

Ebenso wie die russische Regierung. Für den Kreml ist Butina ein Opfer der russlandfeindlichen US-Politik und der demokratischen Ränkespiele gegen Donald Trump. Warum ausgerechnet sie vom FBI zum "Opfer" im schmutzigen Polit-Krieg, der eigentlich gegen den US-Präsidenten gerichtet sei, auserkoren wurde, erklärte einmal der Politologe Alexej Muchin ganz eigensinnig. "Der Name Butina klingt fast so wie Putin", legte er im Staatsfernsehen dar. Sie sei deswegen ganz bewusst ausgesucht worden, damit die Menschen immer wieder unterbewusst den Namen Putin im Zusammenhang mit Trump hören. 

1100 Seiten Notizen aus der Haft 

Und so wurde Butina in Moskau wie eine Heldin empfangen. Dutzende Reporter, Fernsehkameras, Fans und offizielle Vertreter des russischen Außenministeriums nahmen sie in Empfang. "Vielen Dank an alle, die mich unterstützt haben, an die russischen Bürger, die Geld für meinen Schutz gespendet haben. Danke an das Außenministerium und die Diplomaten, die alles für mich getan haben, was sie konnten", sagte Butina unter Tränen. "Ich habe es schon einmal gesagt: Russen geben nie auf", fügte sie pathetisch hinzu.

Was sie nun vorhat, wisse sie noch nicht genau. Doch im Gefängnis habe sie 1100 Seiten vollgeschrieben. "Ich habe auf allem geschrieben, was mir unter die Finger kam: auf Toilettenpapier, auf der Rückseite von Dokumenten." Das menschliche Gedächtnis neige dazu, die schmerzlichsten Momente auszublenden. Also habe sie diese auf Papier gebracht. Aus diesen Notizen wolle sie nun ein "kreatives Projekt" machen. Wenn das nicht nach Memoiren schreit. Einen Platz in jeder Polit-Show des russischen Fernsehens ist Butina aber schon mal gewiss - nun in ihrer neuen Rolle. 


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