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Europas längste Brücke : Krim-Brücke: Wird Putins Vorzeige-Projekt zum Reinfall?

Mit großem Pomp wurde die Krim-Brücke vor anderthalb Jahren eingeweiht. Wladimir Putin bretterte höchstpersönlich über den Monumentalbau. Doch nun kommt die Sorge auf, die Brücke könnte das Schicksal ihrer Vorgängerin ereilen.  

Die Krim-Brücke über der Straße von Kertsch ist immer noch nicht komplett fertig 

Die Krim-Brücke über der Straße von Kertsch ist immer noch nicht komplett fertig 

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19 Kilometer lang, drei Milliarden Euro teuer und extrem symbolträchtig: Die neue Krim-Brücke über der Straße von Kertsch ist die erste Landverbindung zwischen der annektierten Halbinsel und dem russischen Festland. Vor rund anderthalb Jahren weihte Wladimir Putin höchstpersönlich die längste Brücke Europas ein. Als das Sinnbild für "Einheit und Freiheit" pries er den Monumentalbau bei der Eröffnung im Mai 2018. Russlands Präsident ließ es sich nicht nehmen, als erster über die Brücke zu fahren. Bei strahlendem Sonnenschein setzte sich Putin ans Steuer eines orangefarbenen Lastwagens der russischen Marke Kamaz und kam - an der Spitze einer Lkw-Kolonne - innerhalb von 16 Minuten auf der Krim an.

Die Einweihungszeremonie wurde live im russischen Fernsehen übertragen, die erfolgreichsten Popstars Russlands versammelten sich zu einem Konzert, russische Polit-Shows widmeten ganze Sondersendungen der neuen Brücke und sangen ein stundenlanges Loblied auf den Bau, den Erbauer und auf die Überlegenheit Russlands: Welches Land sonst wäre in der Lage, solch ein Werk in nur zwei Jahren zu bauen? Natürlich keins, so der allgemeine Tenor. 

Doch auch wenn man sich im politischen Moskau gegenseitig auf die Schulter klopft und zum Vorzeigeprojekt gratuliert, ist die Brücke auch anderthalb Jahre nach der Einweihung immer noch nicht komplett fertig. Während der Brückenteil, der die vierspurige Autobahn trägt, längst befahrbar ist, verzögert sich die Eröffnung der Bahnbrücke, die parallel dazu verläuft. 

Versprechen, die nicht eingehalten werden können 

Ursprünglich sollte der Schienenverkehr über die Krim-Brücke in diesem Dezember aufgenommen werden. Doch aus diesen Plänen wird wohl nichts. Im Oktober gab das russische Verkehrsministerium bekannt, dass Güterzüge erst im Sommer 2020 über die Brücke rollen werden. Als Grund für die Verzögerung nannte das Ministerium einen archäologischen Fund. Eine antike Villa, die man erhalten wolle, zwinge die Konstrukteure dazu, die Anbindungsstrecke zwischen der Brücke und dem restlichen Schienennetz zu verlegen, hieß es in einer Mitteilung. Das Anwesen sei erst bei der Vorbereitung des Baugebiets entdeckt worden. Der Personenverkehr per Bahn werde aber wie geplant im Dezember aufgenommen, beteuerte man.

Die Krim-Brücke: Linkst, die Bahnbrücke, die noch nicht fertig ist, recht die Autobahn-Brücke 

Die Krim-Brücke: Linkst, die Bahnbrücke, die noch nicht fertig ist, recht die Autobahn-Brücke 

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Doch je näher der Termin rückt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass das Versprechen eingehalten werden kann. Denn Bahntickets sind auch wenige Wochen vor Beginn der geplanten Inbetriebnahme nirgendwo zu finden. Sucht man etwa auf der Website der Russischen Eisenbahn nach Tickets von Moskau nach Simferopol, der Destination auf der Krim, so bekommt man die Mitteilung, dass keine einzige Zugverbindung gefunden werden konnte - nicht nur bei Suchanfragen für Dezember, sondern auch für spätere Zeiträume. Ebenso ergebnislos verläuft die Suche auf der Website des Kasaner Bahnhofs in Moskau, von wo aus die Züge angeblich starten sollen. "Es gibt leider keine direkte Verbindung zwischen Moskau und Simferopol", heißt es auf die Anfrage. Auch aus Sankt Petersburg gibt es keine Verbindungen.

Und das obwohl schon von der Krim-Eisenbahn Fahrpläne veröffentlicht worden waren, mit detaillierten Verbindungsangaben, Abfahrts- und Ankunftszeiten. Auch "Rossiskaja Gazeta" publizierte die Pläne. Die Zeitung ist das offizielle Verlautbarungsorgan der Regierung. Dekrete treten erst in Kraft, wenn sie hier veröffentlicht werden. Das Kreml-Medium bestätigte also ungewollt die Echtheit der Fahrpläne, die es ursprünglich offenbar gab, die aber nun nicht realisiert werden können. 

Logische Konsequenzen 

Wie denn auch? Glaubt man der Erklärung des Verkehrsministeriums, muss die Anbindung für die Gleise verlegt werden. Allerdings befahren Passagierzüge und Güterzüge dieselben Schienen. Wenn also Güterzüge wegen der fehlenden Anbindung die Brücke nicht befahren können, gilt dasselbe ja wohl auch für Passagierzüge. 

Auch russische Medien fragen sich, wann der Zugverkehr über die Krim-Brücke nun endlich aufgenommen werden soll. Auf eine Nachfrage der Zeitung "Komsomolskaja Prawda" teilte die Krim-Eisenbahn jedoch mit, dass es noch keine offiziellen Fahrpläne gebe. Wenn es so weit wäre, würde man schon Bescheid geben. Auch die Antwort des Pressedienstes der Russischen Eisenbahn fiel gleich aus. Tickets gebe es keine. Somit rückt auch die Aufnahme des Passagierverkehrs wohl in weite Ferne.

Eingestürzter Tunnel erregt Verdacht 

Die Verzögerungen und die vagen Auskünfte bringen die Gerüchteküche zum Brodeln. Die neue Brücke könne die Lasten der Züge gar nicht tragen, munkelt man. Davon ist etwa auch Jurij Medowar, Dozent für geologische und mineralogische Wissenschaften an der Russischen Akademie der Wissenschaften, überzeugt. Er befürchtet, dass die Brücke unter den hohen Lasten einsinken könnte. "Tatsache ist, dass die Halbinsel Kertsch reich an Karst ist", erklärte er dem Radiosender "Krim.Realii", einem Ableger der Rundfunkgruppe Radio Free Europe, die vom US-Kongress finanziert wird.

Unter Karst versteht man unterirdische Geländeformen in Karbonatgesteinen, die sehr porös sind. "Vor einiger Zeit stürzte auf der Seite von Kertsch ein Eisenbahntunnel ein, ein Arbeiter kam dabei ums Leben", erinnerte Medowar an an einen Vorfall aus dem vergangenen September. Doch niemand würde sich trauen, Putin zu sagen, dass der Tunnel eingestürzt ist, weil der Boden eingesunken sei. Also hätte man die Geschichte mit der antiken Villa erfunden. "Entschuldigung, aber die Hälfte von Moskau wurde einst eingerissen", gab er zu bedenken. Die neuerliche Verzögerung habe nichts mit archäologischen Artefakten zu tun. "Dies ist eine Legende für den Zaren."

Testfahrten mit 2400 Tonnen über die Krim-Brücke

Tatsächlich bemüht sich die Baufirma Stroigasmontasch, die dem Putin-Vertrauen Arkadi Rotenberg gehört, den Gerüchten entgegenzuwirken und veröffentlicht Aufnahmen von Testfahrten, die die Belastbarkeit der tragenden Bauteile der Brücke erproben sollen. Nach Angaben russischer Staatsmedien begannen die Tests am 23. Oktober. Jede der Testlokomotiven würde "23 Waggons mit Schotter ziehen und einen Gesamtgewicht von 2400 Tonnen haben", so die Angaben des Informationszentrums der Baufirma, die unter anderem von den Sendern RT und Pervyj Kanal zitiert werden. 

"Während der Betriebsdauer der Brücke (17 Monate) konnten keine Überschreitungen der berechneten Spannungs- und Dehnungsparameter festgestellt werden", teilte das Bauunternehmen mit. "Die Ergebnisse monatelanger Beobachtungen bestätigen die Zuverlässigkeit des Konstrukts und die Einhaltung aller vom Projekt vorgegebenen Parameter mit einer Garantie von 100 Jahren." Wie man allerdings zu dieser Erkenntnis gelangt ist - vor allem angesichts dessen, dass die Bahnbrücke bislang nur ein paar Testfahrten hinter sich hat - bleibt offen. Stattdessen erklärte man, es verlaufe alles nach Plan. Dass die Inbetriebnahme ursprünglich bereits in ein paar Wochen stattfinden sollte, scheint man hier vergessen zu haben. 

Vorgängerbrücke eingestürzt 

Daran, dass die Testfahrten überhaupt ausreichend sind, gibt es Zweifel. "Lasst uns sehen, wie schwerwiegend die Einsenkungen sein werden, wenn ein 6000 Tonnen schwerer Zug über die Brücke rollt", warnt der Hydrogeologe Medowar. Er gehörte von Anfang an zu den Kritikern der Krim-Brücke. Für ihn, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Brücke einstürzt. "Anstelle von normalen Menschen würde ich nicht über diese Brücke fahren, sie ist zum Scheitern verurteilt. Wozu Gesundheit und Leben riskieren? Meine Freunde wissen, auf welchem Boden sie steht, und benutzen sie nicht", sagte er der ukrainischen Nachrichtenseite "Obozrevatel".

Die Krim-Brücke ist tatsächlich nicht der erste Versuch, die Krim mit dem russischen Festland zu verbinden. Die erste Brücke über die Straße von Kertsch wurde noch unter Stalin errichtet. Doch nach nur ein paar Monaten nach der Inbetriebnahme brachte Treibeis die Brücke zum Einsturz. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden neue Brückenkonzepte entwickelt – mit zwei Ebenen für den Straßen- und Bahnverkehr. Nach der Installation der ersten Pfeilerfundamente wurde jedoch klar, dass die Stützen nicht ausreichend stabil waren. Das Projekt wurde wieder auf Eis gelegt.

Die Brücke zur Krim

Nach der Annexion der Krim bekam die Errichtung einer Brücke über die Straße von Kertsch für Russland wieder Priorität, da der Gütertransport zwischen Russland und der Halbinsel aktuell über den See- oder Luftweg abgewickelt werden muss. Doch die Probleme, mit denen einst die sowjetischen Ingenieure zu kämpfen hatten, blieben dieselben. Die Wetterbedingungen auf dem Schwarzen Meer wechseln schon mal von einem Extrem ins andere. Die Meerenge von Kertsch ist geprägt von Schlammvulkanen am Meeresboden. Im Winter treiben Eisschollen auf dem Wasser. Auch an der östlichen Küste gibt es Schlammvulkane. Zudem liegt die Brücke und die Zufahrten in einer seismisch aktiven Zone, in der mit Erdbeben bis zu einer Stärke 9 auf der Richterskala zu rechnen ist. Ob diese Naturgewalten vor Putins Brücke halt machen, bleibt abzuwarten. 

Quellen: Krim-Eisenbahn, "Rossiskaja Gazeta""Krim.Realii""Komsomolskaja Prawda", RT, Pervyj Kanal"Obozrevatel", russisches Verteidigungsministerium 

ivi