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Putin weiht Krim-Brücke ein : Wenn der "beste" Präsident die "beste" Brücke eröffnet

Wladimir Putin überquert sie als erster und feiert einen "historischen Tag". Millionen Zuschauer verfolgen ihre Einweihung live im Fernsehen: Eine Brücke, die die Krim mit dem russischen Festland verbindet, löst in Russland einen nationalen Hype aus.

Die Russen stehen auf Superlative. Da kann auch die Eröffnung einer neuen Brücke einen nationalen Hype auslösen - wenn es sich denn um die längste Brücke Russlands und Europas handelt. Am Dienstag wurde Brücke über die Straße von Kertsch eingeweiht. Sie ist nun die erste Landverbindung zwischen der annektierten Halbinsel und dem russischen Festland: 19 Kilometer lang, drei Milliarden Euro teuer und extrem symbolträchtig. Als das Sinnbild von "Einheit und Freiheit" bezeichnete Wladimir Putin den Monumentalbau bei der Eröffnung.

Die Fertigstellung des Baus stehe in einer Reihe mit den größten russischen Erfolgsgeschichten. Schon zurzeit von Zar Nikolaus II. hätten die Menschen vom Bau der Brücke geträumt, sagte Putin vor Brückenarbeitern. "Dank Ihrer Arbeit und Ihres Talents ist dieses Projekt, dieses Wunder, nun realisiert worden." Der Tag der Einweihung sei für "ein besonderer, feierlicher und historischer Tag".

Der russische Präsident ließ es sich nicht nehmen, als erster über die Brücke zu fahren. Bei strahlendem Sonnenschein setzte sich in Jeans und sportlicher Jacke ans Steuer eines orangefarbenen Lastwagens der russischen Marke Kamaz, die in Russland Kult-Status genießt, und überquerte - an der Spitze einer Lkw-Kolonne - in 16 Minuten das Bauwerk. Auf der Krim wurde er von einer applaudierenden Menge begrüßt. Medienwirksam bedankten sich die Brückenbauer beim russischen Staatschef: Er sei "der beste Präsident", riefen die Bauarbeiter. "Und ihr seid die besten Menschen und die besten Bauarbeiter", rief Putin seinerseits.

Wladimrir Putin führt das Lkw-Konvoi über die Krim-Brücke an

Wladimrir Putin führt das Lkw-Konvoi über die Krim-Brücke an 

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Anspruch auf die Krim in Stahl und Beton gegossen

Die Einweihungszeremonie wurde live im russischen übertragen, die erfolgreichsten Popstars Russlands versammelten sich zu einem Konzert, russische Polit-Shows widmeten ganze Sondersendungen der neuen Brücken und sangen ein stundenlanges Loblied auf den Bau, den Erbauer und auf die Überlegenheit Russlands: Welches Land sonst wäre in der Lage, solch ein Werk in nur zwei Jahren fertigzustellen? Natürlich keins, so der allgemeine Tenor. 

Mit dem Bau der Brücke hat Russland seinen Anspruch auf die Krim in Stahl und Beton gegossen. Putin hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er unter keinen Umständen die Halbinsel wieder an die zurückzugeben gedenkt. Im Selbstverständnis Russlands war die Krim schon immer russisch. 

Die Brücke mit der ab sofort freigegebenen vierspurigen Autobahn und der zweigleisigen Eisenbahnstrecke, die erst im kommenden Jahr eröffnet wird, beflügelt nun aufs Neue den Nationalstolz, der seit der Annektierung der Krim vor vier Jahren auf schwindelerregenden Höhen schwebt.

Architektonischer Erfolg

Rein architektonisch ist die Brücke über der Meerenge von Kertsch tatsächlich ein gelungenes Projekt: Sie wird von einem Pfeilerfundament getragen, soll Erdbeben bis zu einer Stärke von 9,1 auf der Richter-Skala standhalten und vor allem gegen Wind und Eis gefeit sein. Die Wetterbedingungen auf dem Schwarzen Meer wechseln schon mal von einem Extrem ins andere. 1945 brachte Treibeis die Vorgängerbrücke zum Einsturz.

Auch für die Bevölkerung bringt die Brücke als eines der wenigen Prestigeprojekte Putins einen tatsächlichen Nutzen. Bislang war die Krim nur per Fähre und Flugzeug erreichbar. Die neue Landverbindung soll nun nicht nur den Tourismus auf der Krim, die in Russland ein beliebtes Reiseziel ist, ankurbeln, sondern auch die Wirtschaft auf der Halbinsel in Schwung bringen. 

Volksfest auf der Krim-Brücke

Und so setzte sich am Tag nach der Einweihung der Brücke das große PR-Schauspiel fort. Am frühen Mittwochmorgen wurde die Brücke für den regulären Verkehr eröffnet. Bereits in der Nacht versammelten sich hunderte Biker des russischen Rockerclubs "Nachtwölfe", die dem Kreml nahe stehen, um unter den ersten zu sein, die die Brücke überqueren. 

Ihnen schlossen sich Blogger, Medienvertreter, Politiker, Vertreter öffentlicher Organisationen, Veteranen, Ehrenbürger von Kertsch und Schaulustige an. Viele schmückten ihre Autos, Motorräder und extra gemieteten Quads mit Russland-Fähnchen und Luftballons. Viele übertrugen ihre Fahrt über die Krim-Brücke live in den sozialen Netzwerken und feierten ihre Errichtung als einen Sieg über den "bösen Westen". Schließlich wurde die Brücke in Rekordzeit trotz der internationalen Sanktionen gegen Russland erbaut.

Biker der "Nachtwölfe" überqueren die Krim-Brücke

Biker der "Nachtwölfe" überqueren die Krim-Brücke

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"Weiteres Beispiel für das gefährliche Verhalten Russlands"

Auch wenn die Brücke Russland näher an die Krim rückt, die politische Isolation bleibt bestehen. Die EU verurteilte die Brücke als "eine weitere Verletzung der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine". Russland habe die Brücke "ohne die Zustimmung der Ukraine" gebaut, kritisierte eine Sprecherin des Auswärtigen Dienstes der EU. Das Ziel sei, die "erzwungene Eingliederung" der Krim in russisches Staatsgebiet und ihre Abtrennung von der Ukraine weiter voranzutreiben. Frankreich kritisierte zudem Nachteile für die ukrainische Schifffahrt - große Schiffe können die Häfen am Asowschen Meer nicht mehr erreichen. Die Brücke trage dazu bei, dass die Ukraine ihre "international anerkannten Hoheitsgewässer" nicht mehr uneingeschränkt erreichen und nutzen könne, erklärte das Außenministerium in Paris. 

Auch die USA zeigten sich über den Bau und die Eröffnung der Krim-Brücke besorgt. "Die Krim ist Teil der Ukraine", hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums. Der Brückenbau zeige nicht nur, dass Russland versuche, die ungesetzliche Vereinnahmung der Halbinsel zu untermauern. Großbritannien erklärte, es handle sich um ein "weiteres Beispiel für das gefährliche Verhalten Russlands".

Die ukrainische Regierung kritisierte die Brücke als Verstoß gegen das Völkerrecht. Russland trete das Völkerrecht damit weiter "mit Füßen", sagte Ministerpräsident Wolodimir Groisman. In Russland werden solche Statements als Propaganda abgetan. 

 Moskau hatte sich die Krim nach einem umstrittenen Referendum im März 2014 einverleibt. Die Zugehörigkeit der Krim zu Russland haben bisher nur Armenien, Bolivien, Nicaragua, Nordkorea und Syrien offiziell anerkannt. Die Ukraine beharrt auf der Rückgabe der Halbinsel.

mit Agenturen