HOME
Kommentar

Syrien-Konflikt: Der Kreml zieht Trump ins Lächerliche - und hat es so leicht

Raketenangriff auf Syrien? Oder doch nicht? Oder doch? Der Zickzackkurs von Donald Trump löst in Moskau mitleidiges Kopfschütteln aus. Auf die Drohungen aus dem Weißen Haus reagiert man mit demonstrativer Gelassenheit, Häme - und einer eindeutigen Botschaft. 

Wladimir Putin befand es nicht für notwendig, Donald Trumps Drohungen konkret zu kommentieren

Wladimir Putin befand es nicht für notwendig, Donald Trumps Drohungen konkret zu kommentieren

Picture Alliance

"Russland hat geschworen, alle Raketen abzuschießen, die auf Syrien abgefeuert werden. Mach' Dich bereit, Russland, denn sie werden kommen." Es ist eine martialische Drohung aus der Twitterhand von Donald Trump, die schlimmste Befürchtungen über eine Eskalation des Syrien-Konflikts auslöst. Die Welt blickt nun nach Washington und den Nahen Osten. Wird in den nächsten Tagen oder gar Stunden ein amerikanischer Militärschlag erfolgen? Oder wird Donald Trump doch noch einen Rückzieher machen? Wird es zu einer direkten Konfrontation zwischen Russland und den USA kommen? Oder wird die Drohung verhallen?

Bei Trump weiß man es schlichtweg nicht. Doch angesichts der hysterischen Worte, bleibt der Kreml erstaunlich gelassen. "Die weltweite Lage wird immer chaotischer", kommentierte Wladimir Putin die politische Situation. "Wir hoffen, dass letztlich der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnt und die internationalen Beziehungen in eine konstruktive Richtung gehen." Auf Trumps Drohungen und vor allem an ihn persönlich gerichtete Beleidigung ging der russische Präsident gar nicht erst ein. Und die letztere hatte es in sich. "Du solltest nicht Partner eines mit Gas tötenden Viehs sein, das sein Volk tötet und das genießt", hatte Trump mit Blick auf die Unterstützung Moskaus für Baschar al Assad geschrieben. 

Putin als den Partner eines "tötenden Viehs" zu bezeichnen und mit "kommenden Raketen" zu drohen, grenzt an Kriegserklärung - sollte man meinen. Doch in Moskau bleibt alles ruhig: Keine Drohungen, keine Beleidigungen. Nur Kommentare, die den US-Präsidenten ins Lächerliche ziehen - unterschwellig, stichelnd, ja fast mitleidig. "Wir beteiligen uns nicht an der Twitter-Diplomatie", kommentierte etwa Kreml-Sprecher Dmitri Peskow Trumps Drohungen geringschätzig. "Wir unterstützen ernsthafte Ansätze", setzte er hinzu. Ruhige Worte, die aber eine nicht zu überhörende Botschaft in die Welt hinaustragen: Dieser Mann ist nicht (mehr) ernst zunehmen.

Was wäre, wenn Barack Obama solche Drohungen ausgesprochen hätte?

Es ist eine demonstrative Haltung, die über die wahren Zustände im Kreml hinwegtäuschen mag. Und dennoch spricht sie Bände. Man braucht sich nur vorzustellen, wie die Reaktionen ausgefallen wären, hätte man dieselben Drohungen aus dem Munde eines Barack Obama vernommen. Oder wenn man den Spieß umdreht: Aus dem Munde eines Wladimir Putin. Dass die versprochenen Raketen wirklich kommen, würde dann wahrscheinlich niemand mehr bezweifeln. Aber bei Trump? 

Nicht, dass man in Moskau die Gefahr, die im Weißen Haus sitzt, unterschätzt. Dass Trump unberechenbar ist, weiß man auch da. Aber gerade diese Unberechenbarkeit schießt Trump zunehmend ins Aus. Man macht Politik ohne ihn, an ihm vorbei. Denn wie wenig man sich auf Trumps Kursfestigkeit verlassen kann, demonstriert er immer wieder selbst. Erst vor Kurzem hatte der US-Präsident sein eigenes Außenministerium vor den Kopf gestoßen, als er verkündete, sobald wie möglich aus Syrien abziehen zu wollen. "Sollen sich andere drum kümmern", posaunte er. Diese Woche dann die Wende um 180 Grad: Mit einem Raketenangriff auf Syrien wolle er den mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Duma rächen. Einen Tag später folgte dann die Beschwichtigung aus dem Weißen Haus: "Es ist sicher eine Option, aber das heißt nicht, dass es die alleinige Option ist oder das einzige, was der Präsident tun könnte oder auch nicht", sagte Trumps Sprecherin.

Er selbst twitterte wieder: "Ich habe nie gesagt, wann der Angriff auf Syrien stattfinden würde. Könnte sehr bald sein oder auch gar nicht so bald! Auf jeden Fall haben die Vereinigten Staaten unter meiner Regierung großartige Arbeit geleistet, die Region vom IS zu befreien. Wo ist unser 'Danke Amerika'?"

Politik an Donald Trump vorbei

Könnte? Könnte nicht? Statt sich nach dem Hin und Her in Washington zu richten, hält der Kreml unbeirrt an seinem eigenen Kurs fest. Man denkt gar nicht daran, die Unterstützung für Assad einzustellen. Am Donnerstagmorgen wurde stattdessen verkündet, dass syrische Regierungstruppen nach wochenlangen Kämpfen die Kontrolle über die Stadt Duma übernommen hätten - nicht ohne russische Hilfe versteht sich. Zudem habe die russische Militärpolizei in Duma die Arbeit aufgenommen, um für Sicherheit zu sorgen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit.

Mit einem Angriff der USA rechnet man hingegen nicht - zumindest soll das so in der Öffentlichkeit wirken. "Dazu wird es nicht kommen. Bislang gibt es dafür keine Voraussetzungen", sagte etwa der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses in der Staatsduma, Wladimir Schamanow. Die Lage sei nicht einfach, aber bislang stabil. Schamanow betonte, er erwarte, dass alles zivilisiert ablaufe. Was natürlich Moskau zu verdanken wäre, hätte er wohl am liebsten hinzugefügt. Aber auch ohne ausgesprochen zu werden, war diese Botschaft deutlich. 

Die Sticheleien gegen Trump gehen unterdessen weiter. Der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Tourismus, Michail Degtjarjow, warnte vorsichtshalber vor Reisen in den Nahen Osten. Leben und Gesundheit hingen von einem einzelnen Menschen ab, der aus Washington twittere und sich nicht entscheiden könne, ob er Ziele in Syrien angreift oder nicht, setzte er sarkastisch hinzu.

Trump spielt mit seinem Zickzackkurs dem Kreml in die Hände. Im Vergleich zu ihm wirkt Putin fast wie eine zuverlässige Konstante. Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Erst in der vergangenen Woche traf er sich auf einem Dreiergipfel mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani, um über einen Frieden in Syrien zu verhandeln. Alle drei Länder sind im syrischen Bürgerkrieg involviert. Die Türkei unterstützt - im Gegensatz zum Iran und zu Russland - die Opposition und ist Mitglied der Nato. Trump einzuladen, hielt dagegen niemand für notwendig. 

ivi