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Pressestimmen

Syrien-Konflikt: "Trump sollte das iPhone seinem Stabschef überlassen"

US-Präsident Donald Trump zündelt im Syrien-Konflikt weiter. Seine Ankündigung eines Miltärschlages sorgt weltweit für Beunruhigung, auch bei den Kommentatoren deutscher Zeitungen. Doch Waldimir Putin sehen sie ebenso in der Pflicht zur Deeskalation Die Presseschau.

Wladimir Putin, Syrien, Donald Trump

Der Ton zwischen dem Kreml (hier: Russlands Präsident Wladimir Putin, l.) und dem Weißen Haus (US-Präsident Donald Trump) im Syrien-Konflikt gewinnt an Schärfe (Archivbilder)

Angesichts der Zuspitzung im Syrien-Konflikt hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres einen eindringlichen Appell an den UN-Sicherheitsrat gerichtet. Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates müssten dafür sorgen, dass die "Situation nicht außer Kontrolle" gerate, forderte Guterres. Er zeigte sich "tief beunruhigt" über die derzeitige Spaltung des Sicherheitsrates in der Syrien-Frage. "Ich habe die Entwicklungen im Sicherheitsrat genau verfolgt und bedaure, dass der Rat bislang nicht in der Lage war, zu einer Einigung in dieser Frage zu kommen", erklärte Guterres mit Blick auf die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien. Es dürfe nicht vergessen werden, dass die UN-Bemühungen letztlich darauf abzielen müssten, "das schreckliche Leid des syrischen Volkes zu beenden".

Beunruhigung ist auch aus den Kommentarspalten deutscher Zeitungen abzulesen, vor allem das Verhalten eines Mannes schürt Sorgen vor einer Eskalation des Konfliktes: das von Donald Trump. Pressetimmen aus Deutschland im Überblick:

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Hier ein Russland, das die brutale Assad-Diktatur in ihrem Zerstörungskrieg bedingungslos unterstützt und das mit seinem Bombardement Schuld auf sich lädt. Dort ein US-Präsident, der an einem Tag den Abzug ankündigt, am nächsten ein Bombardement, und am dritten vermutlich das Interesse oder die Ausdauer verliert. Raketen mag er haben, aber keine Strategie. (...) Der Kreml folgt seit Jahren dem Muster: Zweifel säen, Widersprüche konstruieren, leugnen, bis die grünen Männchen nicht mehr zu leugnen sind. Dies hat den Westen zermürbt. Der Gaseinsatz provoziert nun die unberechenbare Reaktion eines Mannes, der in dummdreistem Furor einen Militärschlag per Tweet ankündigt. Teufel und Beelzebub finden sich im syrischen Duma."

"Trump ließ Machthaber in Syrien gewähren"

"Frankfurter Rundschau": "Überstürzte Aktionen können jede Situation noch schlimmer machen. Das hat Trump mit seinem medienwirksam inszenierten Raketenangriff auf eine syrische Militärbasis vor einem Jahr bewiesen. Die Aktion blieb wirkungslos. Anschließend ließ der US-Präsident die Machthaber in Syrien wieder gewähren. Erst die Macht der Fernsehbilder hat ihn nun aufgeweckt. Entsprechend inszeniert er den Vergeltungsschlag wie ein Video-Spiel im Internet. Trump hat keinen Plan, keine Strategie und kein klares Ziel. Statt diplomatische Initiativen zu ergreifen, droht er Russland präpotent mit seinen Raketen. Durch heimische Affären aufgewühlt und frustriert wie selten zuvor, lebt er augenscheinlich seinen inneren Furor aus. Das disqualifiziert ihn als hehren Verteidiger des Völkerrechts."

"Tagesspiegel" (Berlin): "Trump macht den syrischen Diktator Baschar al Assad für einen Giftgasangriff auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Duma verantwortlich. Syrien und dessen selbst erklärte Schutzmacht Russland streiten alles ab und sprechen von einem inszenierten Vorfall. (...) Ein Höchstmaß an Transparenz ist das Mindeste, was die Bürger des freien Westens von ihren Regierungen jetzt fordern müssen. Nebulöse Hinweise auf Geheimdiensterkenntnisse sind zu wenig. Es gibt gute Gründe, Putin für gefährlicher als Trump zu halten, Menschenrechtsorganisationen für glaubwürdiger als das Assad-Regime, und Israel im Kampf gegen die Mullahs in Teheran zu unterstützen. Jeder Militäreinsatz indes bedarf einer Legitimation, die sich auf Belege stützen sollte. Bürger müssen ihren Regierungen vertrauen, aber sie müssen ihnen auch vertrauen können."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Die USA und die westlichen Verbündeten haben seit Jahren keine Strategie für Syrien. Das mit einem massiven Militärschlag kaschieren zu wollen, verdeutlicht doch nur einmal mehr die Ratlosigkeit. Moralisch darf man sich mit einer Strafaktion gegen angebliche Assad'sche Giftgas-Mörder auf der sicheren Seite fühlen. Dann wird man aber auch die Konsequenzen einer möglicherweise weitreichenden Eskalation tragen müssen. Wie verheerend die sein könnten, mag man sich nicht ausmalen. Denn keiner der im Syrien-Krieg involvierten Akteure, von Russland und dem Iran über die Türkei bis zu Israel und den USA, ist angesichts der aktuellen Regierungen dafür bekannt, im Zweifel Vernunft walten zu lassen und zu deeskalieren."

"Leidtragender ist das syrische Volk"

"Westfälische Nachrichten" (Münster): "Diese Art Kriegsrhetorik geht weit über das hinaus, was bisher an 'Säbelrasseln' zu vernehmen war. Die Lage ist brenzlig und so ernst wie nie. Trump will Vergeltung - Putin hält dagegen. Ein Nervenkrieg zwischen zwei Militärgiganten. Die Grenzen zur Vernunft und zum Dialog haben beide Seite offensichtlich hinter sich gelassen."

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg): "Wenn auch diesmal ein paar 'Tomahawks' alles sind, was Trump zu bieten hat, sollte er sie besser im Köcher behalten. Zumal er Assad unnötigerweise schon verraten hat, was er wirklich will: Die US-Truppen so schnell wie möglich aus Syrien abziehen. Dass Trump mit dem Militärschlag am Ende vielleicht ohne Plan und Strategie in einem eskalierenden Konflikt hineingezogen wird, wäre der tragische Ausgang einer nicht zu Ende gedachten Impulshandlung."

"Straubinger Tageblatt": "Leidtragender eines militärischen Konfliktes zwischen USA und Russland ist das syrische Volk. Denn so oder so, den vom langen Krieg geschundenen Menschen ist mit dem Duell der Weltmächte am wenigsten gedient. Wenn es etwas gibt, was die Syrer am wenigsten brauchen können, so sind dies noch mehr Raketen. Helfen würde dagegen, wenn sich US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin zusammensetzen und ernsthaft um eine Friedenslösung für Syrien ringen würden. Doch Drohungen sind wohl einfacher als komplizierte Verhandlungen, bei denen unklar ist, wer am Ende sein Gesicht wahren kann."

Stimmen der internationalen Presse

"Iswestija" (Moskau): "Krieg und Frieden trennen zwei Tweets. Den ganzen Tag hat die Welt gespannt die Angriffe der USA auf Syrien erwartet. Präsident Donald Trump hat eine Serie von Tweets veröffentlicht, in denen er Moskau als Verbündeten Syriens bedroht und Russland zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit und zu einem Ende des Wettrüstens aufgerufen hat. Russland hat eine zurückhaltende Position eingenommen. Aus Militärkreisen heißt es, dass Russland über genügend Kräfte verfügt, um seine Objekte in Syrien zu schützen."

"Ouest-France" (Paris): "Also Angriffe, aber wozu? Um Assad zu bestrafen? Sicherlich. Um seine Möglichkeiten zu begrenzen, Schaden anzurichten? Umso besser. Um die von Obama verpasste Chance von 2013 wieder aufzuholen? Ein wenig spät. Um Druck auf die Russen zu machen? Nicht ohne Risiken. Um der roten Linie bei Chemiewaffen Respekt zu verschaffen? Ja, aber dafür reichen Angriffe allein nicht aus. Der Multilateralismus ist das einzige Mittel gegen eine militärische Eskalation. An seiner Wiederherstellung gilt es vorrangig zu arbeiten."

Donald Trump überschreitet bei Syrien "rote Linie des Anstands"

"Corriere della Sera" (Rom): "Kann man eine Rakete "nice" nennen? Kann man eine Bombardierung ankündigen, als sei es eine schöne, angenehme Sache? Ja, Donald Trump, der meint, ein spiritueller Mann zu sein, kann das schon. Aber die Ironie ist ein kostbares und empfindliches Gut: Sie muss mit Sorgfalt dosiert und manchmal komplett vermieden werden. Vor allem, wenn man der Präsident der Vereinigten Staaten ist und einen Krieg in Aussicht stellt, der per Definition blutig ist. Es gibt die "roten Linien" in der Politik und ganz einfach die "roten Linien" des Respekts und des Anstands."

"Trump sollte das iPhone seinem Stabschef überlassen"

"Times" (London): "Der Giftgaseinsatz gegen unschuldige Zivilisten darf nicht straflos bleiben. Wenn er es bliebe, würden (der syrische Präsident) Baschar al-Assad und andere Diktatoren solche Gräueltaten wiederholen, wann immer sie ihre Ziele mit konventionellen Waffen nicht erreichen können. Darum war es richtig, dass Theresa May britische Unterstützung für eine gemeinsame militärische Reaktion zugesagt hat. Es wird angenommen, dass Angriffe unmittelbar bevorstehen, aber sie sollten nicht überstürzt werden. (...) 

Jetzt ist der Moment für den Präsidenten der Vereinigten Staaten gekommen, in Ruhe für internationale Unterstützung und die erforderliche militärische Schlagraft zu sorgen, um Assad und dessen Verbündete auf eine Weise zu bestrafen, die nicht so schnell vergessen wird. Er hat die Unterstützung von Großbritannien und Frankreich. Als nächstes sollte er auf konventionelle Streitmacht und auf Diplomatie setzen - und für mindestens die nächsten paar Tage sollte er sein iPhone seinem Stabschef überlassen." 

"Hospodarske noviny" (Prag): "Je massiver der US-Militärschlag ausfallen soll, desto größer ist das Risiko eines möglichen Konflikts mit russischen Einheiten. Das ist ein Faktor, den Moskau effektvoll und effektiv ausnutzt. In ähnlichen früheren Fällen hatte es eine stille Vereinbarung zwischen den Großmächten gegeben. In einer solchen verfahrenen Situation ist es meist am wirkungsvollsten, eine neue Front zu eröffnen. Die USA haben dies bereits in der vorherigen Woche getan, indem sie eine Reihe neuer Sanktionen gegen Personen aus dem Umfeld des russischen Präsidenten verhängt haben. Erst gab es in Moskau Gelächter, dass die US-Amerikaner nur das Moskauer Telefonbuch kopiert hätten. Doch der Fall der Aktien russischer Unternehmen und des Rubels zeigt, dass Sanktionen nicht wirkungslos sind."

wue / AFP