HOME

Weltpolitik in der Wüste: Putins Ziele in Syrien - und warum er sie längst erreicht hat

Eisern hält Wladimir Putin an seinem Verbündeten Assad fest. Dabei sind der syrische Diktator und sein vom Krieg zerrüttetes Land für ihn nur ein Mittel zum Zweck.  

Mit dem Einsatz in Syrien ist Wladimir Putin die Rückkehr ins Zentrum der großen Weltpolitik

Mit dem Einsatz in Syrien ist Wladimir Putin die Rückkehr ins Zentrum der großen Weltpolitik

Picture Alliance

(Dieser Text erschien zum ersten Mal im April 2017. Wir haben ihn der aktuellen Lage angepasst und für Sie nochmals aufbereitet.)


1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Der Einsatz entwickelte sich für das kommunistische Regime in Moskau zu einem Desaster. "Die afghanische Falle" markierte den Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums. 39 Jahre später kämpfen russische Truppen wieder im Mittleren Osten - an der Seite des syrischen Machthabers Baschar al Assad. Eisern hält Wladimir Putin an dem Diktator fest, während der Rest der Welt ihn dafür verteufelt. Aber warum?

In Syrien soll Russland endgültig als Großmacht wieder auferstehen. Um nichts weniger geht es Putin, wenn er russische Soldaten in die syrische Wüste schickt. Das vergangene Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war für Moskau ein Betrug. Die verführerischen Versprechen des Westens von Wohlstand und Gleichberechtigung gingen für Russland nicht in Erfüllung. "Sie wählten Globalisierung und Sicherheit nur für sich selbst, für wenige Auserwählte, nicht für alle", sagte Putin einmal über die westlichen Demokratien. Während die Nato expandierte, sollte sich Russland mit der Rolle einer Regionalmacht, wie Barack Obama einst spottete, abfinden. Für Putin eine Beleidigung zu viel.

Mit dem Einsatz in Syrien als großem Paukenschlag gelang ihm die Rückkehr ins Zentrum der großen Weltpolitik. Vor zweieinhalb Jahren begann Russland seinen Einsatz und wurde somit sofort zu einem unumgänglichen Faktor. Während die USA und die EU zögerten, schuf Putin Fakten. Die Stationierung des Luftabwehrsystems S-400 garantiert Russland die Lufthoheit über Syrien und nimmt den USA die Möglichkeit, eine Flugverbotszone einzurichten. Es führt kein Weg an uns vorbei, lautet die russische Botschaft.

Wladimir Putin macht Russland zum unumgänglichen Faktor

"Russland will die USA dazu zwingen, sich in allen Fragen mit Moskau abzusprechen", beschrieb der russische Politologe Wladimir Frolow einmal die Politik Putins. Dieses Ziel hat er offenbar erreicht. Bevor die USA im vergangenen Jahr die syrische Militärbasis Al-Schairat bombardierten, hielt Washington zunächst Absprache mit Moskau - offiziell um keine russischen Soldaten zu verletzen. 

Ein paar Tage nach dem Angriff trafen sich schließlich die Außenminister der sieben größten Industrienationen, um darüber zu beratschlagen, wie man Putin dazu bringen könnte, Assad doch fallen zu lassen. Russland dürfe nicht "in die Ecke" gedrängt werden, fasste der italienische Außenminister Angelino Alfano die Ergebnisse des Treffens zusammen. Stattdessen müsse der Dialog mit Russland aufrechterhalten werden, da das Land die Macht habe, in dem Bürgerkrieg auf den syrischen Präsidenten einzuwirken.

"Jetzt ist Russland das Problem Nummer eins"

Für Putin wohl die pure Genugtuung. Genau wie die Vorwürfe gegenüber Moskau, den US-Wahlkampf manipuliert zu haben. "Vor etwa zehn Jahren wurde Russland kaum noch erwähnt“, merkte Putin vor ausländischen Investoren in Moskau nach der Wahl Donald Trumps ins Präsidentenamt an. "Man sagte, es gebe nichts zu besprechen mit Russland, weil es eine drittklassige Regionalmacht und überhaupt nicht interessant sei. Jetzt ist Russland das Problem Nummer eins in der ganzen Wahlkampagne." Ein Schmunzeln konnte er sich dabei nicht verkneifen.

Die USA sind nach wie vor Dreh- und Angelpunkt russischer Außenpolitik. Und in Syrien statuiert Putin gerade ein politisches Exempel. Er will die amerikanische Hegemonie brechen. Ob Kosovo 1999, der Irak 2003 oder Libyen 2011 - für Moskau sind das bloß Demonstrationen der Willkür der USA, die nach ihren Belieben unliebsame Regierungen stürzen und die Welt umkrempeln. 

Aber dies soll Washington in Syrien nicht gelingen. Seit Jahren trotzt Putin nun allen Versuchen Assad zu stürzen und hält ihn an der Macht. Dabei schlägt er gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. 

Für den inneren Burgfrieden

Denn auch innenpolitisch profitiert Putin von der syrischen Intervention. Die Meldungen über den erfolgreichen Anti-Terror-Kampf gegen den IS erhöhen seine Popularität in der eigenen Bevölkerung. Gleichzeitig wird Balsam auf die Seelen aller russischer Patrioten gegossen: Im russischen Fernsehen wollen die Lobgesänge auf die eigene Armee kein Ende nehmen. Die Installation von Luftabwehrsystemen des Typs S-300 in Syrien, die Ausstattung von Kriegsschiffen mit Marschflugkörpern, Übungen von Fallschirmjägern oder die Vorführung der neuen Superpanzer - mit großem Pathos wird die eigene Überlegenheit vorgeführt. 

Und die Militärpropaganda zeigte schon bald reale Erfolge. Jahrzehntelang haben russische junge Männer versucht, sich vor dem gefürchteten Militärdienst zu drücken. Seit einiger Zeit ist ein ganz neues Phänomen zu beobachten: Ausgemusterte Jungs zahlen Bestechungen, um doch noch in die Armee aufgenommen zu werden. Die Gründe sind vielfältig. Der neu erwachte Patriotismus ist aber einer von ihnen.

Zudem dient die Außenpolitik wieder einmal dazu, einen inneren Burgfrieden zu erreichen. Zuletzt war das Putin mit der Krim-Annexion gelungen. Doch der Hype um die "Wiedervereinigung" legt sich langsam. Der andauernde blutige Konflikt in der Ostukraine zehrt an den Beliebtheitswerten Putins. Mit Syrien hat er nun ein Druckmittel in der Hand, das er eventuell gegen einen vorteilhaften Ukraine-Deal eintauschen könnte.

Wladimir Putin fuhr in einem orangenen Lastwagen der kultigen russischen Marke Kamaz über die Krim-Brücke