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Tragödie in Sibirien: Putin unter Druck: Warum ein Brand ihm viel mehr schadet als die Skripal-Affäre

Während im Westen die Skripal-Affäre hohe Wellen schlägt, hat Wladimir Putin ganz andere Sorgen: Bei einem Kaufhausbrand im fernen Sibirien verbrannten mindestens 64 Menschen bei lebendigem Leibe und die Wut der Angehörigen richtet sich gegen die Behörden - auch gegen Putin. 

Wladimir Putin besucht den Unglücksort in Kemerowo.

Wladimir Putin besucht den Unglücksort in Kemerowo. Dort sind bei einem Kaufhausbrand mindestens 64 Menschen gestorben, darunter 41 Kinder. 

AFP

Fast jedes Jahr geschieht in Russland eine Tragödie, deren Ursache leicht zu identifizieren ist: Fahrlässigkeit und Korruption. Dieses Mal traf es ein Einkaufszentrum im sibirischen Kemerowo, rund 3000 Kilometer östlich von Moskau. In der obersten Etage des Kaufhauses loderten am 25. März Flammen auf. Schnell erfassten sie eine Fläche von rund 1600 Quadratmetern. Das Shopping-Center "Simnjaja Wischnja" (Winterkirsche), das wegen seines Kinos und des Tiergeheges besonders bei Familien beliebt ist, war erst 2013 in der Industriestadt eröffnet worden. Zum Zeitpunkt des Unglücks hielten sich dort hunderte Menschen auf. Nach offiziellen Angaben kamen in den Flammen 64 Menschen ums Leben, darunter 41 Kinder. Die meisten von ihnen verbrannten bei lebendigem Leibe hinter den verschlossenen Türen des Kinos im obersten Stockwerk. Das jüngste von ihnen war erst zwei Jahre alt.

Russland trauert und fragt sich: Wie konnte das passieren? Warum traf die Feuerwehr erst so spät ein? Warum schaltete ein Wachmann den Alarm aus, nachdem er ein Signal über das Feuer im Gebäude erhalten hatte? Warum wurden die Türen des Kinos verschlossen? Und warum waren die Notausgänge blockiert? Die Umstände des Flammeninfernos bleiben rätselhaft. Und es kursieren Gerüchte, dass die eigentliche Opferzahl weit höher liegt, die Behörden dies jedoch verheimlichen. Schließlich werden nach dem Brand viel mehr Menschen vermisst.

In Kemerowo gingen die Menschen auf die Straße und forderten Antworten. Vor allem von einem Mann: Wladimir Putin. Dieser reiste zum Unglücksort, legte eine trauernde Miene auf, traf sich aber nur mit der Führungselite, nicht mit der Bevölkerung. Putin sprach von "krimineller Nachlässigkeit und Schlamperei". Er versprach, alle Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. "Alle, die antworten müssen, werden uns Antworten geben", sagte der Kremlchef. Er selbst blieb diese schuldig.

Putins Worte klingen in den Ohren vieler Russen hohl. Zu oft hat man dieselben aus dem Kreml bereits gehört. Jahr für Jahr. Katastrophe für Katastrophe. Jetzt wollen sie Köpfe rollen sehen, nicht nur den des Regionalgouverneurs Aman Tulejew, seines Stellvertreters Sergej Ziwiljew, sondern auch Putins. 

Sinnbild der Polit-Elite der Wladimir-Putin-Ära

So rief mitten in Kemerowo ein Demonstrant: "Meine Meinung ist, dass die Regierung, die dieses Land führt, verantwortlich ist". Das entsprechende Video verbreitet sich rasant auf Twitter. "Die Zahl der Feuerwehrleute war nicht ausreichend. Das angeblich reichste Land hat nicht genügend Hubschrauber", empörte er sich. In den sozialen Netzwerken scheuen sich die Menschen nicht, Putin für die Tragödie verantwortlich zu machen. Außenpolitisch lassen die meisten Russen nichts auf ihren Präsidenten kommen. Der Skandal rund um den Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal lässt die Russen völlig kalt. Zu sehr ist man in Russland bereits gewohnt, für alles verantwortlich gemacht zu werden, was in der Welt schief läuft. Doch die Brandkatastrophe lenkt das Augenmerk wieder auf die innenpolitischen Zustände. 

Die Tragödie in Kemerowo hat die Stimmung im Land um 180 Grad gedreht. Der Siegestaumel nach dem Sieg Putins bei den Präsidentschaftswahlen ist vorbei. Nach nur zehn Tagen musste die Feierlaune der Trauer Platz machen. Die Katastrophe, die die Staatsmedien anfänglich so geflissentlich zu vertuschen oder zu verharmlosen suchten, wird für viele zu einem Sinnbild der korrumpierten Polit-Elite der Putin-Ära.  

Bei einigen sind es die Porträts von Putin und Tulejew, die in dem frisch eingerichteten Krisenstab aufgehängt wurden, währen das Feuer in dem Kaufhaus noch loderte, die das Fass zum Überlaufen bringen. Bei anderen ist es das Verhalten Tulejews, der zuerst die Demonstranten in Kemerowo beschimpft hatte und danach Putin um Entschuldigung für die entstandenen Unannehmlichkeiten wegen des Brandes bat. Und bei dritten ist es der Vizegouverneur Ziwiljew, der die Angehörigen der Opfer beschuldigt hatte, aus der Tragödie Profit schlagen zu wollen, nur um sich danach sehr öffentlichkeitswirksam auf die Knie fallen zu lassen und um Vergebung zu bitten.

Bauernopfer, aber nicht mehr

Nach jeder Tragödie hoffen die Russen auf Besserung. Meistens verlieren aber nur einige lokale Politiker oder Beamte ihre Posten. Mehr passiert nicht. Und nach einer Weile wiederholt sich das Ganze. 

Auch nach dem Brand in Kemerowo werden wohl ein paar Bauernfiguren geopfert. Es wurden bereits fünf Verdächtige festgenommen, unter ihnen der Chef des Unternehmens, das die Shoppingmall verwaltet, und ein Wachmann. Die Behörden ermitteln wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung, Missachtung von Brandschutzvorschriften und Anbieten unsicherer Dienstleistungen. Mehr aber auch nicht. 

Genauso verfuhr man auch bei anderen Tragödien, so zum Beispiel nach einem verheerend Brand in Perm 2009. Damals starben nach einer missglückten Feuershow in einem Nachtclub mehr als 150 Menschen - die meisten waren erstickt oder zu Tode getrampelt worden. Der Aufschrei war damals groß, geändert hat er nichts. Ob es nach der Katastrophe in Kemerowo anders sein wird, muss sich erst zeigen. Den Beginn seiner neuen Amtszeit hat sich Putin aber wahrscheinlich nicht so vorgestellt. 

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