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Von eigenen Soldaten gemeuchelt?: Der Donbass-Krimi geht weiter: Neue Version zum Mord an Separatisten-Führer

Einer der letzten großen Kriegsherren der Separatisten ist tot. Er starb nicht an der Front, sondern tief hinter den Linien bei einem Attentat. Ein Geständnis des angeblichen Mörders sorgt nun für Furore: Denn er kommt aus den eigenen Reihen.

Ukraine: Michail Tolstych alias Giwi bei einer Parade in Donezk

Ukraine: Michail Tolstych alias Giwi bei einer Parade in Donezk

Im Opernhaus von Donezk liegt er aufgebahrt: der Leichnam von Michail Tolstych. Eine Ehrengarde zollt dem Verstorbenen Tribut, und eine Fahne der selbstproklamierten Volksrepublik bedeckt seinen Sarg. Dem Separatisten-Kommandeur werden alle Ehren zu teil, die einem Nationalhelden gebühren. Und während hunderte Menschen Schlange stehen, um Abschied von ihm zu nehmen, kämpfen die Separatisten im Donbass und die Regierung in Kiew um die Deutungshoheit seines Todes.

Am Mittwoch ist Tolstych einem Attentat zum Opfer gefallen. Unter dem Kampfnamen Giwi war er zu einem gefürchteten Warlord aufgestiegen. Um sechs Uhr morgens schlug in seinem Hauptquartier in Makijiwka ein Sprengkopf eines Raketenwerfers ein. Mit ihm ist einer der letzten Rebellen-Führer der ersten Stunde gestorben.  

Für die Regierung der selbsternannten Volksrepublik Donezk gibt es keinen Zweifel daran, wer hinter dem Anschlag steht. "Die Auftraggeber des Mordes sind identifiziert, sie befinden sich in Kiew", sagte eine Quelle in den separatistischen Machtstrukturen der russischen Nachrichtenagentur Interfax am Freitag. "Wir sind auch den Vollstreckern auf der Spur - ukrainischen Diversanten. Wir wissen, wer sie sind und wo sie sich bewegen", behauptete er.

"Franzose" bekennt sich des Mordes schuldig

Die Behörden in Kiew streiten jede Beteiligung ab. Der Mord an Giwi sei auf Befehl Moskaus erfolgt, heißt es von dort. Der Kommandeur sei nur ein weiteres Opfer systematischer Säuberungen in den Reihen der Separatisten geworden, so die Spekulation. Moskau spricht von Wahnwitz.

Aber während sich Kiew und Moskau in gegenseitigen Beschuldigungen ergehen, sorgt eine andere Version für Furore. Der 36-Jährige soll von Männern aus den eigenen Reihen ermordet worden sein - aus Rache. Ein Mann namens Igor Myltsew behauptet, der Mörder zu sein. "Giwi hat das bekommen, was er verdient", heißt es im letzten Beitrag auf seiner Seite im russischen sozialen Netzwerk VKontakte. "Er ließ uns an der Front im Stich und versteckte sich hinter den Röcken der Krankenschwestern, indem er eine Verletzung vortäuschte! Der Donbass wird ihm nicht hinterhertrauern!", heißt es weiter.

Igor Myltsew will mit drei weiteren Kampfgefährten das Attentat  organisiert und durchgeführt haben. Der russischen unabhängigen Zeitung "Nowaja Gaseta" stellte er sich als Söldner des Bataillons "Somalia", das von Giwi befehligt wurde, vor. "Franzose" sei sein Kampfname gewesen.

Hunderte Menschen kamen am freitag zu der Beerdigung des Kommandeurs Giwi

Hunderte Menschen kamen am freitag zu der Beerdigung des Kommandeurs Giwi

"Ein Hund verdient den Tod eines Hundes"

Das Verhalten Giwis bei den Gefechten, die in der vergangenen Woche rund um die Stadt Awdejewka aufgeflammt waren, hätten ihn zu der Tat getrieben. Im Gegensatz zur offiziellen Darstellung soll der Kommandeur nicht seine Stellungen bis zur letzten Minute gehalten, sondern seine Einheit ihrem Schicksal überlassen haben.

Um sein Leben fürchtend, habe sich Giwi selbst in den Fuß geschossen: "Er dachte, niemand würde das bemerken. Aber wir haben es gesehen", behauptete Myltsew in einer Korrespondenz mit "Nowaja Gaseta". "Als er dann in Donezk war, gab er den Befehl zum Artilleriebeschuss der Stellungen. Obwohl wir noch dort waren. Er dachte wohl, wir sind schon tot!"

In dem Nachrichtenaustausch, den die Zeitung veröffentlichte, kann Myltsew seinen Zorn kaum zurückhalten. Immer wieder entgleist er in wüsten Beschimpfungen über Giwi. Dieser hätte nur die eigene Haut retten wollen, habe seine Familie bereits aus der Kampfzone gebracht und hätte ebenfalls vorgehabt, sich abzusetzen.

Nur wenige Stunden nach dem Tod von Giwi schrieb der Söldner aus Moskau auf VKontakte: "Ein Hund verdient den Tod eines Hundes. Giwi, das ist für die Jungs, die bei Awdejewka gefallen sind! Sachartschenko, du bist der nächste!!!" Alexander Sachartschenko ist der Ministerpräsident der selbsternannten Republik Donezk.

Ein zweiter Igor Myltsew

Doch kurz nach der Verbreitung seines Geständnisses in der Öffentlichkeit meldete sich Myltsew erneut bei der "Nowaja Gaseta". Dieses Mal wurde jedoch ein anderer Account des Netzwerks VKontakte benutzt. Nun behauptete der "Franzose", sein Profil, von dem aus, das Interview gegeben wurde, sei noch im September 2016 gehackt worden und er könne nicht mehr darauf zugreifen. In einem Gespräch mit der kremltreuen Nachrichtenseite "Life", behauptete der Mann, der der echte Myltsew sein will, dass ukrainische Geheimdienste dafür verantwortlich wären.

Er bestritt nicht, in der Ukraine als Söldner unter dem Kampfnamen "Franzose" gekämpft zu haben. Doch zu dem Bataillon von Giwi habe er keine Verbindungen gehabt und habe den Kommandeur nie getroffen. Anfang 2015 sei er verwundet worden und habe die Truppen daher verlassen.

In Donezk herrscht Trauer. Plakate erinnern an den berüchtigten Kommandeur Giwi

In Donezk herrscht Trauer. Plakate erinnern an den berüchtigten Kommandeur, der einer der populärsten Figuren des Krieges in der Ostukraine war. 

Ein Geständnis kann nur den Tod bedeuten

Tatsächlich existieren bei VKontakte zwei Profile von Igor Myltsew. Auf dem angeblich gehackten Account gibt es Dutzende Fotografien des "Franzosen" von der Front - in Uniform, im Schützengraben, mit schweren Waffen in der Hand und vor dem Hintergrund von Geschützen und Panzern. Doch kein einziges Bild zeigt ihn mit Giwi. Einen Beleg, dass er beim Bataillon "Somalia" gedient hat, gibt es bislang ebenfalls nicht. Anfragen des stern an "beide" Myltsews blieben bis Freitagnachmittag unbeantwortet. 

Von Seiten der Separatisten folgte sofort ein Dementi. Entgegen der Behauptung des angeblichen Myltsew gebe Sachartschenko keine Befehle an Militärs. "Zum anderen hatte Giwi keine Familie, die er in Sicherheit bringen könnte. Seine Mutter lebt immer noch in Ilowaiskaja und seine Familie ist sein Bataillon", zitiert die unabhängige Onlinezeitung Gazeta.ru eine Quelle in den separatistischen Militärkreisen. Ein ehemaliger Kampfgefährte von Myltsew sagte aus, dass er das Geständnis für eine Fälschung halte. 

Zudem: Sollte Myltsew tatsächlich das Attentat verübt haben, wieso sollte er sich dazu öffentlich bekennen? Damit würde er sich selbst zur Zielscheibe der separatistischen Behörden machen. Die Ermordung einer der prominentesten Figuren des Krieges im Donbass kann für den Täter nur eins bedeuten: den eigenen Tod. 

Kommandeur Giwi 2014 in Donezk

Kommandeur Giwi 2014 in Donezk

Tyrannherrschaft beim Bataillon "Somalia"

Und dennoch gibt es auch Indizien, die darauf hindeuten, dass das Geständnis von Myltsew stimmen könnte. In Donezk kursieren Gerüchte, dass einige Kämpfer des Bataillons "Somalia" nach dem Tod von Giwi verschwunden sind. Die Spekulationen, dass die eigenen Männer den Kommandeur beseitigt haben könnten, werden auch vom Umstand genährt, dass die Attentäter offenbar wussten, in welches Fenster sie zielen mussten. Der Schuss aus dem Raketenwerfer wurde zudem aus nächster Nähe abgegeben.

Außerdem herrschte in den Reihen von "Somalia" Unzufriedenheit mit Giwi. "In letzter Zeit herrschte er wie ein Tyrann", zitiert die ukrainische Zeitung "Segodnya" aus den militärischen Kreisen der Separatisten. "Er konnte Untergebene schlagen, konnte die Kämpfer einige Monate lang nicht aus dem Dienst lassen. Viele hegten Groll gegen ihn oder verließen wütend das Bataillon. Es könnte einfach Rache für eine Beleidigung sein", so die anonyme Quelle. 

Ein ehemaliger Separatist gab ebenfalls zu bedenken: Man müsse schon sehr risikofreudig sein, um den eigenen Kommandeur zu töten. Denn "eigene" Täter würden schnell identifiziert werden. "Wer unzufrieden mit seinem Befehlshaber ist, der verlässt einfach die Einheit und jagt den Kommandeur nicht in die Luft. Damit bringt man sich bloß selbst vor ein Erschießungskommando."

ivi