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Berüchtigte Privatarmee: Die "Wagner"-Truppe: Putins Geheimsöldner im Kreml?

Offiziell existiert die "Wagner"-Truppe gar nicht. Aber es sind ihre Männer, die für Putin in der Ukraine und Syrien operieren sollen. Moskau will mit den Söldnern nichts zu tun haben. Und doch stehen sie plötzlich im Kreml.  

Kommandeur der "Wagner"-Truppe Dmitri Utkin (r.) und sein Stellvertreter Andrej Troschew (2. v. l.) mit Wladimir Putin im Kreml

Kommandeur der "Wagner"-Truppe Dmitri Utkin (r.) und sein angeblicher Stellvertreter Andrej Troschew (2. v. l.) mit Wladimir Putin im Kreml

Sie taucht in keinen Registern auf, ist nicht in den öffentlichen Datenbanken verzeichnet, offiziell existiert sie gar nicht. Die "Wagner"-Truppe ist eine der geheimsten Einheiten Russlands. Die Geschichte ihres Kommandeurs ist durchsetzt mit Rätseln und Geheimnisse. Dmitri Utkin heißt der Mann, der in den vergangenen Jahren sowohl im Donbass als auch in Syrien gekämpft haben soll - für Putin.

Aufwendige Recherchen der bedeutenden unabhängigen Internetzeitung Gazeta.ru, des kremlkritischen Online-Blatts Fontanka.ru, der Wirtschaftszeitung RBK und des "Wall Street Journal" konnten aber einige Details seiner Biografie ans Licht bringen: 2013 schied er offenbar aus dem aktiven Militärdienst aus. Zuvor befehligte der ehemalige Oberstleutnant eine Spezialeinheit des Militärnachrichtendienstes GRU. Seit dem Austritt aus der russischen Armee verdingt sich Utkin als Privatsöldner. Seit 2014 kommandiert der 46-Jährige eine eigene Einheit, die sich unter seinem Spitznamen Wagner einen denkwürdigen Ruf erarbeitet hat.

Bereits bei der Annexion der Krim soll er Gerüchten zufolge die Finger im Spiel gehabt haben. Während daran noch einige Zweifel bestehen, gilt der Einsatz seiner Söldnertruppe in der Ostukraine als gewiss. Dort soll Utkin vor allem in den Reihen der Separatisten für Ordnung gesorgt und unbequeme Führer der "wilden Milizen" beseitigt haben. Dabei tauschte der Söldner mit einer Vorliebe für das Dritte Reich angeblich auch schon mal gerne seine übliche Ausrüstung gegen einen Stahlhelm der deutschen Wehrmacht ein.

Söldnertruppen sind in Russland illegal

Als es für den syrischen Machthaber Baschar al Assad schließlich im Herbst 2015 langsam eng wurde, verlegte Utkin seine Truppe nach Syrien. Vermutlich waren es seine Männer, die bei der Eroberung von Palmyra eine entscheidende Rolle gespielt haben. Dutzende seiner Kämpfer sind in Syrien gefallen. Und obwohl sie nicht dem russischen Militär angehören, wurden ihnen Medaillen verliehen.

Diese Ehre wurde offenbar auch Utkin zuteil.

Offiziell will der Kreml aber mit den Söldnern nichts zu tun haben. Wie denn auch? Gesetzlich ist die Existenz einer solchen Truppe in Russland verboten. Söldnertum ist illegal. Nach geltendem Recht dürfen militärische Verbände nur für den russischen Staat agieren. Für die Teilnahme an bewaffneten Konflikten auf fremden Territorien sind bis zu sieben Jahre Haft vorgesehen.

RT Deutsch: Undercover bei Putins Propagandasender

Utkin beim Kreml-Bankett

Und doch: Als im vergangenen Dezember im Kreml der "Tag der Helden des Vaterlandes" zelebriert wurde, saß in dem Festsaal kein Geringerer als Utkin. Ausgerechnet die Kameras des Staatsfernsehens fingen den ungewöhnlichen Gast auf Band ein.

Und da saß der Söldnerführer - mitten unter 300 Menschen, die "außergewöhnlichen Mut und Heldentum gezeigt haben", wie der Kreml das hochdekorierte Publikum der Veranstaltung anpries, die an die vorrevolutionären Traditionen Russlands wieder anknüpfen soll. Ausgesuchte Träger der höchsten Orden des Landes: Helden der Sowjetunion, Helden Russlands, Kavaliere des Ruhmesordens und Ritter des St. Georg-Ordens. Putin gratulierte höchstpersönlich. "Jeder von euch hat in der Geschichte Russlands eine eigene strahlende Seite hinterlassen", zollte er den Anwesenden Beifall. 

Zu Putins Helden zählt offensichtlich auch Utkin. Journalisten der unabhängigen Onlinezeitung Fontanka.ru identifizierten ihn im Publikum - mit einem Orden auf der Brust.

Eine Momentaufnahme aus einer Sendung des staatlichen Senders 1. Kanal zeigt Utkin mit einer Medaille auf der Brust

Eine Momentaufnahme aus einer Sendung des staatlichen Senders 1. Kanal zeigt Utkin mit einer Medaille auf der Brust

Woher hat Utkin seine Medaille?

Auf der Aufnahme ist nicht zu erkennen, um welche Medaille es sich handelt. Doch der Anlass und der Rahmen der Feierlichkeiten grenzen die Möglichkeiten ein. Schließlich wurde das Bankett zu Ehren von Trägern bestimmter Orden abgehalten.

Woher hat aber Utkin so eine Medaille? Zum Zeitpunkt seines Ausscheidens aus der russischen Armee in die Reserve besaß er weder eine Auszeichnung als Held der Sowjetunion oder Russlands noch zählte er zu den Rittern des St.-Georg-Ordens.

Die Heldenmedaille ist die höchste Auszeichnung und der höchste Ehrentitel, der in Russland vergeben wird. Der russische Präsident verleiht diesen Orden höchstpersönlich an jene, die sich im Dienste des Staates durch außerordentliche Tapferkeit hervorgetan haben. Der St. Georgs-Orden wird außer für die Verteidigung Russlands im Angriffsfall auch für die "Durchführung von Kampf- und anderen Einsätzen auf den Territorien anderer Staaten zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der Sicherheit" vergeben, wie es in einer Anordnung des damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew vom 13. August 2008 heißt. 

Für welche Verdienste könnte aber ein Mann, der seit vier Jahren nicht mehr im aktiven Dienst ist, solch eine Auszeichnung bekommen haben? Ist sie der Beleg für seine Söldnereinsätze, die es gesetzlich gar nicht geben dürfte? Vom Kreml nicht nur engagiert, sondern sogar geehrt?

Weiteres Medaillen-Rätsel

Und Utkin ist auf dem Bankett am 9. Dezember nicht der einzige Söldner geblieben. Andrej Troschew, der sein Stellvertreter bei der "Wagner"-Truppe sein soll, saß ebenfalls im Saal. Auch er wurde ausgerechnet von den Kameras des Staatssenders Rossija 1 gefilmt. Auch seine Brust zierten mehrere Militärorden, darunter die goldene Medaille eines Helden Russlands.

Und wieder derselbe Haken: Bis zu seinem Ausscheiden aus der SOBR-Einheit, einer mit dem deutschen Spezialeinsatzkommando vergleichbaren Spezialeinheit der Polizei, die direkt dem russischen Innenministerium untersteht, wurde dem Afghanistan-Veteranen den Informationen von Fontanka.ru zufolge aber keine solche Medaille verliehen. Auch er muss diese Auszeichnung also nach der Beendigung seines aktiven Dienstes im Frühjahr 2014 erhalten haben. Bleibt nur wieder die Frage: wofür?

Andrej Troschew mit der goldenen Medaille eines "Helden Russlands" beim Bankett im Kreml

Andrej Troschew mit der goldenen Medaille eines "Helden Russlands" beim Bankett im Kreml

Putin lässt sich mit "Wagner"-Söldnern ablichten

Das merkwürdige Auftauchen der beiden "Wagner"-Kommandeure bei dem Bankett wäre wahrscheinlich in die Vergessenheit geraten, wäre im Januar in den sozialen Netzwerken nicht ein Bild aufgetaucht, das an dem gleichen Abend entstanden sein soll. Es zeigt Putin - in der Gesellschaft von Utkin und Troschew. 

Der Kreml machte sich nicht die Mühe, das Treffen zu leugnen. Aber es kleinzureden. "Am Rande des Empfangs macht der Präsident viele Fotos mit Gästen", ließ der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die Öffentlichkeit wissen. "Offensichtlich ist es eines dieser Bilder. Eine gesonderte Audienz gab es aber mit niemandem", behauptete er.

Dies beantwortet allerdings nicht die Frage, was die beiden Söldener bei einem Kreml-Empfang überhaupt zu suchen hatten.

Geheimdienst und Söldner sind Nachbarn

Hinweise darauf, dass die "Wagner"-Truppe eine Söldnerarmee des Kremls ist, gibt es schon lange. "Wir wissen, dass ihre Trainingslager sich in Molkini befinden, in direkter Nachbarschaft zur zehnten Brigade des militärischen Geheimdienstes GRU. Wir gehen davon aus, dass sie direkt von dem leitenden Zentralorgan des russischen Militärnachrichtendienstes unterwiesen werden", sagte Ruslan Lewiew in einem Gespräch mit dem unabhängigen Radiosender "Swoboda".

Der junge Mann ist einer der Aktivisten des Blogs "Conflict Intelligence Team", die sich dem Ziel gemacht haben, militärische Aktivitäten Russlands im Ausland aufzudecken. Medien auf der ganzen Welt stützen sich auf Untersuchungsergebnisse der Gruppierung, die beispielsweise den Mythos eines "sauberen" russischen Luftkriegs in Syrien beendete.

Lewiew ist davon überzeugt, dass die Söldner vom russischen Verteidigungsministerium ausgerüstet und finanziert werden. "Wenn die russischen Behörden ihre Existenz nicht gut heißen würden, könnte sich ihr Trainingslager unmöglich neben einer Eliteeinheit des GRU befinden", sagt er.

Auch Recherchen der Onlinezeitung Gazeta.ru haben gezeigt, dass die "Wagner"-Truppe in unmittelbarere Nähe einer GRU-Brigade eine Basis hat. Im vergangenen Jahr soll das Verteidigungsministerium in die Modernisierung des Geländers der "Wagner"-Truppe 50 Millionen Rubel investiert haben. 

"Das sind Söldner unter der Schirmherrschaft des Staates"

"In Russland gibt es keine gesetzliche Grundlage für die Existenz privater Militärunternehmen. Für eine zivile Organisation ist es unmöglich, Scharfschützengewehre, Mörser, Granaten und so weiter zu besitzen. Auch private Sicherheitsfirmen haben kein Recht, solche Waffen zu besitzen", stellte Lewiew klar. "Die 'Wagner'-Truppe hat sie aber."

Die Annahme, dass die Söldner vom Verteidigungsministerium ausgerüstet werden, stützen auch Materialien aus Syrien. Bilder, die vom IS veröffentlicht wurden, zeigen die Kämpfer mit Waffen, die nur der GRU besitzt. Außerdem posieren die "Wagner"-Leute schon mal gerne vor Hubschraubern und Flugzeugen des Verteidigungsministeriums.

Männer, die der "Wagner"-Truppe bereits im Einsatz begegneten, sind ebenfalls überzeugt: Die Männer kämpfen im Auftrag des Kremls. So auch Bondo Dorovskich. Der Unternehmer kämpfte eigenen Angaben zufolge 2014 an der Seite der Separatisten in der Ostukraine, als einer jener berüchtigten freiwilligen Kämpfer aus Russland. "Das sind Söldner unter der Schirmherrschaft des Staates", sagt er über die "Wagner"-Leute in einem Interview mit Radio "Swoboda". "Der GRU steuert sie direkt. Das ist doch faktisch eine Armee".

Der Auftritt von Utkin und Troschew im Kreml stützen diese Vermutungen weiter.

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