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Hauch von Panik in Moskau: Russland verarmt – doch Putin will davon nichts hören

Der außenpolitische Rausch ebbt in Russland ab. Was bleibt, ist die brisante wirtschaftliche Lage. Doch der Kreml steckt den Kopf in den Sand. Dabei weht durch Moskau ein Hauch von Panik.

In Russland hat die wirtschaftliche Krise den Alltag längst fest im Griff. Die Reallöhne sinken seit drei Jahren in Folge.

Verwahrloste Wohnhäuser in Russland: Die wirtschaftliche Krise hat den Alltag längst fest im Griff. Die Reallöhne sinken seit drei Jahren in Folge.

"Zehn Dinge, die in Russland besser sind, als in den USA" - so titelte vor wenigen Tagen die russische Zeitung "Express Gazeta". Es folgte eine kuriose Auflistung: Damenbinden, Schokolade, BHs. Im vollen Brustton der Überzeugung schrieb die Autorin, wie ungenießbar amerikanische Schokoriegel doch seien, wie untragbar die Unterwäsche und wie ekelhaft die Hygieneartikel. Ganz anders natürlich: die russischen Produkte. Das vaterländische Sortiment sei das beste, leckerste, gesündeste, bequemste, biologisch reinste und, und, und.

Wer wird sich noch bei solchen Aussichten nach dem einst so verheißungsvollen Westen sehnen? Und wer wird da noch das "plastikverseuchte" und "nach Waschmittel schmeckende Gift", wie es die "Express"-Autorin ausdrückt, in den Supermarktregalen vermissen? Und was für eine glückliche Fügung, dass es so manch ein westliches Produkt dort gar nicht mehr gibt - sollten da wohl die russischen Patrioten denken.

Wer deutsches Bier oder holländischen Käse kaufen will, sucht diese tatsächlich momentan oft vergeblich. "Die Theken erinnern einen manchmal fast schmerzlich an die letzten Jahre der Sowjetunion", sagte eine Moskauerin dem stern

Sieben Euro für ein halbes Kilo Erdbeeren

Gut, so schlimm ist es noch lange nicht. Die Regale werden mit einheimischen Produkten aufgefüllt. Gerne mit fremdsprachigen Verpackungen. Mozzarella verkauft sich eben auch in Russland besser, wenn er aus Italien kommt  - oder zumindest so aussieht. Und der holländische Käse wird kurzerhand durch Schweizer Produkte ersetzt, die nicht dem russischen Embargo europäischer und US-amerikanischer Lebensmittel unterliegen.

Doch die Preise lassen die Kunden so manches Mal nach Luft schnappen. Vor zwei Jahren kostete ein Brot noch 20 Rubel, jetzt sind es 50. Und 500 Gramm Erdbeeren kosten momentan in Moskau an die 500 Rubel, umgerechnet sind das fast sieben Euro.

Sinkende Reallöhne und steigende Preise

Allein im ersten Quartal 2016 stiegen die Nahrungsmittelpreise um 6,9 Prozent. Ein vergleichsweise milder Anstieg, denkt man da an das Jahr 2015. Damals stiegen im selben Zeitraum die Lebensmittelpreise um 22,4 Prozent. Die Preise steigen also kontinuierlich an.

Die Reallöhne hingegen fallen das dritte Jahr in Folge. Im Durchschnitt verdient ein Moskauer 66.000 Rubel. Nach dem aktuellen Rubelkurs sind das nicht einmal 1000 Euro. Mittlerweile bezeichnen zwischen 70 und 82 Prozent die Lage im Land als Krise, wie Umfragen zeigen. 19,2 Millionen Menschen leben laut dem staatlichen Statistikamt Rosstat unter dem Existenzminimum, das zumindest offiziell bei rund 9500 Rubel liegt.

"Anti-Krisis-Maßnahmen" sind Tabu

Im Kreml gibt man sich unterdessen alle Mühe, die Krise klein zu reden. Krise? Welche Krise? Der russische Landwirtschaftssektor wachse, die Arbeitslosigkeit sei auf einem niedrigen Niveau und die Handelsbilanz, sei trotz des niedrigen Ölpreises, positiv. Einen Überschuss von 146 Milliarden Rubel habe man im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Wladimir Putin schüttelt gerne positive Zahlen aus dem Ärmel. So geschehen auch während des diesjährigen traditionellen Sprechstunden-Marathons am vergangenen Donnerstag. Nächstes Jahr erwarte Russland ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent, verkündete der russische Präsident voller Zuversicht.

Der Kreml und die staatlichen Medien würden nur zu gerne den Eindruck vermitteln, es gebe gar keine Krise im Land. Russischen Journalisten wird verboten, Begriffe wie "Anti-Krisis-Maßnahme" zu verwenden, wie Mitarbeiter russischer Nachrichtenagenturen dem stern berichteten. Warum auch? Wo es keine Krise gibt, kann es auch keine Anti-Krisen-Maßnahmen geben. Doch tatsächlich haben die Auswirkungen der schweren Rezession, des Ölpreis-Absturzes und der westlichen Sanktionen den Alltag der Russen fest im Griff.

50 Prozent des Einkommens für Lebensmittel

Da genügt ein Blick in die russischen Supermärkte und Shoppingtempel. Denn nicht nur die Lebensmittelpreise explodierten in den vergangenen Jahren. Egal, ob Kleidung, Parfüm oder Technik - importierte Waren sind nicht selten um ein Drittel teurerer als in Deutschland.

Mittlerweile geben die Russen 50 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. "Im Moment lässt sich die Tendenz beobachten, dass die privaten Haushalte zunehmend mehr Geld für Lebensmittel ausgeben. Diese Entwicklung spiegelt die sinkenden Reallöhne und die wachsende Armut wieder", schreibt die staatliche Russische Präsidiale Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung in ihrer aktuellen Marktanalyse. "Es ist allgemein bekannt: Je größer der Teil des Budgets ist, der für Lebensmittel ausgegeben wird, desto größer ist die Armut", so die Behörde.

Das Vertrauen in Putin schwindet

Besonders schmerzlich ist der Preisanstieg bei Medikamenten, die die meisten Russen aus der eigenen Tasche finanzieren müssen, da nur die wenigsten über Krankenversicherungen verfügen. Hier wird eine Verteuerung um bis zu 16 Prozent verzeichnet. Die Preise in Apotheken würden sich kaum noch von denen eines Juweliers unterscheiden, klagte ein Mann seine Sorgen dem Präsidenten während der Bürgersprechstunde. 

Es folgte Putins Standardantwort: Er kümmere sich darum. Er versprach, innerhalb von zwei Monaten eine Lösung herzuzaubern und dem Preisanstieg einen Riegel vorzuschieben.

Doch allmählich schwindet das Vertrauen der Russen in ihren Präsidenten. "Der Hype um die Wiedergewinnung der Krim schwill langsam ab. Was bleibt, sind die Alltagssorgen", sagte eine Moskauer Journalistin dem stern. Auch, wenn die Außenpolitik Putins weiterhin mit Wohlwollen betrachtet werde: Seine Innenpolitik gelte zunehmend als schwach. "Die Angst vor einer Revolte macht sich breit."

Und vor Alexej Kudrin. Es war der ehemalige Finanzminister, der in den fetten 2000er Jahren mit dem staatlichen Stabilitäts- und dem Wohlstandsfond das Sicherheitspolster geschaffen hatte, von dem der Kreml die letzten fünf Jahre zehrte. 2011 verließ er die politische Bühne, unter anderem mit der Begründung, unter einem Ministerpräsidenten Medwedew nicht arbeiten zu können.

Alexej Kudrin soll Russland und Putin retten

Kurz vor dem Jahreswechsel tauchten die ersten Gerüchte über eine Rückkehr auf. Und seit Mittwoch ist es offiziell: Kudrin soll Russland aus der Krise führen. Daraus, wie er es bewerkstelligen will, macht er kein Geheimnis: Knallharte Reformen, Steuererhöhungen und Anhebung des Renteneintrittsalters. 

Pläne, die vielen Russen Schauer über den Rücken jagen. Es weht ein Hauch von Panik durch Moskau. Daher sollen die Reformen erst 2018 durchgeführt werden. Grund: Im September 2016 wählen die Russen ein neues Parlament. Im Frühjahr 2018 steht schließlich die Präsidentenwahl an. Bis dahin wird Putin alles vermeiden, was seine Wiederwahl gefährden könnte. 

Denn mit dem Abflachen des außenpolitischen Rauschs wird die wirtschaftlich brisante Lage nur noch deutlicher. Putins Partei "Einiges Russland" verliert rasant an Zustimmung. Mittlerweile liegen die Werte bei nur noch 47 Prozent. Im Dezember waren es noch 56 Prozent. 

Dem Kassenzettel wird mehr Glauben geschenkt

Innenpolitisch lässt sich den Bürgern eben nicht so einfach Sand in die Augen streuen. Wenn der Kreml eine andere Sprache spricht als der Kassenzettel, wird letzterem im Zweifel mehr Glauben geschenkt. 

Außerdem: Die Russen haben sich schon zu sehr an den "westlichen Luxus" gewöhnt. Russischen Käse kann man ihnen nicht mehr als den besseren Gouda unterschieben, auch nicht mit allgegenwärtiger Propaganda-Lektüre, die selbst die US-Damenbinden verteufelt. 

Ist die polnische Wurst nicht mehr im Supermarkt zu finden, wird sie eben aus dem Kofferraum verkauft, wie zum Beispiel in der russischen Enklave Kaliningrad, ehemals Königsberg. "Sie kostet das dreifache, aber die Koffer werde damit vollgestopft und nach Hause geflogen", so eine Moskauerin.

Die Russen sind eben nicht mehr bereit, auf die Ware aus dem Westen zu verzichten. Auch, wenn sie angeblich nach Waschmittel schmecken, wie es in den heimischen Medien heißt.