VG-Wort Pixel

"Sonderzentrum" für Verweigerer 27 Stunden ohne Wasser, geschlagen, gefoltert – so zwingt das Putin-Regime seine Soldaten wieder an die Front

Ukraine: Russische Soldaten bewachen ein Weizenfeld in der Region Saporischschja.
Ukraine: Russische Soldaten bewachen ein Weizenfeld in der Region Saporischschja. Das Pentagon geht von 70.000 bis 80.000 Toten und Verletzten in der russischen Armee innerhalb der letzten sechs Monate aus. 
© Uncredited / Picture Alliance
Das Pentagon schätzt die Zahl der russischen Verluste im Ukraine-Krieg auf 70.000 bis 80.000 Tote und Verletzte. Dass diese Zahlen nah an der Realität sein könnten, lassen auch die verzweifelten Maßnahmen des Kremls vermuten, mit denen die eigenen Soldaten an die Front gezwungen werden. 

Die russische Armee blutet in der Ukraine aus. Auch wenn der Kreml seit dem vergangenen März kein Wort zu den Verlusten seiner Streitkräfte verloren hat, sickern dennoch Informationen durch, die auf hohe Verluste hinweisen. In den russischen Provinzen säumen frisch ausgehobene Gräber für gefallene Soldaten ganze Straßen. In der Ukraine stapeln sich die Leichen in Zugwaggons, die niemand abholt. Während in Russland verzweifelte Mütter auf die sterblichen Überreste ihrer Söhne warten. (Wie die Mutter von Maxim Chanygin, der in den ersten Tages des Krieges umgekommen ist und auf den ein leeres Grab in der Heimat wartet.)

Doch es sind vor allem die Handlungen des Kremls selbst, die von der desaströsen Lage in den Reihen der russischen Streitkräfte zeugen. In der russischen Teilrepublik Tschetschenien lässt der Blut-Hund Putins Ramzan Kadyrow Männer in die Armee entführen. Mehrere Menschenrechtsorganisationen berichten, dass die Betroffenen unter Androhung von Folter oder Inhaftierung zum Dienst gezwungen werden. In den russischen Gefängnissen soll seit Wochen unter Häftlingen rekrutiert werden. Die Regierung versucht, Freiwillige durch das Versprechen hoher Geldsummen an die Front zu locken. Im russischen Staatsfernsehen wird die Geschichte eines gefallenen Soldaten erzählt, der durch seinen Tod seiner Familie erlaubt hat, ein Auto zu kaufen. Bis zu sieben Millionen Rubel verspricht die russische Regierung den Hinterbliebenen von Gefallenen. Auch wenn diese Summe so gut wie nie ausgezahlt wird, in den Köpfen der Kreml-Propaganda sollen Beiträge dieser Art, den Angehörigen von Soldaten wohl die Angst vor einem Verlust nehmen.

Ukraine: Die Leichen russischer Soldaten werden am 18. Juni 2022 vom ukrainischen Militär aus der Region Charkow gebracht
Ukraine: Die Leichen russischer Soldaten werden am 18. Juni 2022 vom ukrainischen Militär aus der Region Charkow gebracht
© Sofia Bobok / Picture Alliance

Und wer einmal im Dienst der russischen Armee steht, der kommt nicht so schnell wieder davon los. Kündigungen werden nicht entgegengenommen. Davon berichtete zuletzt etwa der russischer Fallschirmjäger Pawel Filatiew, der zwei Monate in der Ukraine im Krieg gekämpft hat und nun ein Buch über diese Zeit verfasst hat. Obwohl er aufgrund seines gesundheitlichen Zustands die Kündigung eingereicht hat, werde diese nicht angenommen, erzählte er im Interview mit dem unabhängigen TV-Sender Dozhd. Nun fürchtet er, nach den Erzählungen in seinem Buch bald festgenommen zu werden.

"Verweigerer" von Wagner-Truppe in Kellern festgehalten 

Ende Juli wurde bekannt, dass russische Soldaten, die sich weigerten, in der Ukraine zu kämpfen, in der Stadt Brjanka im Gebiet Luhansk rechtswidrig festgehalten werden. Dutzende Männer sollen sich in Kellern unter der Aufsicht von Mitgliedern der Söldnertruppe Wagner befinden. Einer von ihnen erzählte nun, wie mit den Soldaten verfahren wird, die nicht in den Krieg wollen.

Dem russischen unabhängigen Investigativ-Magazin "The Insider" erzählte er, welchem Terror er unterworfen war, nachdem er den Dienst verweigern wollte. Nach Angaben des Militärs wurden er zusammen mit anderen "Verweigerern" in die Stadt Brjanka gebracht, wo sie vor die Wahl gestellt worden seien, entweder wieder an die Front oder in Untersuchungshaft zu gehen. "Wir haben alle haben uns für die Untersuchungshaft entschieden", erzählte der Soldat über das Ultimatum des russischen Obersts, den er mit dem Namen Netschiporenko identifiziert. "Wir dachten, dass er uns Angst machen will. Aber dann wurden wir zusammengetrieben, elf Leute, und weggebracht. Wir fragten: Wohin? Nach Rostow, hieß es. Am Ende landeten wir in einem Keller." 

"Jetzt seid ihr richtig am Arsch"

Dort hätten sie sechs Stunden verbracht, bevor sie auf einen Transporter gesetzt und zurück an die Front gebracht worden seien. "Das ist die 57. Brigade", habe man den Männern erklärt. Als sie sich nach einem Gesprächen mit dem politischen Offizier der Truppe dennoch weigerten, wieder zu kämpfen, seien sie erneut mit unbekanntem Ziel auf den Transporter verladen worden. 

"Als wir ankamen, sagte man uns: Jetzt seid ihr richtig am Arsch. Als Ergebnis stimmten fünf Leute wieder zu, an die Front zu gehen. Wir anderen sechs wurden in ein Wäldchen in der Nähe gebracht." Einzeln hätten sie aus dem Wagen aussteigen müssen, damit ihnen die Hände verbunden und die Augen mit Klebeband zugeklebt wurden. Dann ging es wieder mit dem Transporter zu einem unbekannten Ziel. "Wir sahen nicht, wohin wir gebracht werden, die Augen waren verbunden", berichtete der Soldat über das Geschehen in jener Nacht. "Als wir abgesetzt wurden wurden, stelle man uns an eine Wand, entfernte die Schnürsenkel und Gürtel, alle persönlichen Gegenstände wurden uns weggenommen."

"Dort verbrachten wir 27 Stunden – mit verbundenen Augen und Händen, ohne Wasser, ohne Toilette" 

"Am Ende steckten sie jeweils drei Menschen in einen Raum in der Größe eines Quadratmeters zusammen. Dort verbrachten wir 27 Stunden – mit verbundenen Augen und Händen, ohne Wasser, ohne Toilette." 

Schließlich seien ihnen die Augenbinden abgenommen worden. Maskierte Männer hätten lediglich eine Frage gestellt: "Wirst du an die Front gehen oder nicht?" Vier der festgehaltenen Soldaten hätten daraufhin zugestimmt, wieder in den Krieg zu gehen. Er und noch ein Mann hätten sich aber weiter geweigert, berichtet der Soldat weiter. "Zehn Minuten später zerrten sie uns beide heraus, prügelten auf uns ein und drohten, uns in die Knie zu schießen. Danach willigten wir ein."

Nach Angaben des Militärs schlugen die Männer in Sturmhauben hauptsächlich auf die Beine und den unteren Rücken, sodass keine blauen Flecken zu sehen sein würden. "Sie waren zu dritt, zwei schlugen, einer lud eine Waffe", erzählte der Soldat über seine Peiniger. "Dann hat er die Sicherung gelöst und die Waffe an mein Knie gehalten". An dieser Stelle sei er eingeknickt. 

Der "Verweigerer" kam wieder an die Front. Kurz drauf wurde er jedoch verletzt und landete in einem Krankenhaus in Russland. Nun will er Anzeige wegen Folter erstatten.

Verteidigungsministerium leugnet Beteiligung an "Sonderzentrum" in Ukraine

Mindestens 130 Personen sollen bereits im "Sonderzentrum" in Brjanka festgehalten worden sein. Während man die einen wieder an die Front zurückbringe, würden schon die nächsten "Verweigerer" eingeliefert werden. "The Insider" veröffentlichte Informationen über 17 Betroffenen.

Mehrere Militärangehörige, denen es gelang, aus dem "Sonderzentrum" zu entkommen, sagten gegenüber "The Insider", dass die Kämpfer der Söldnertruppe Wagner und Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums – Oberst Netschiporenko und Oberstleutnant Tumanow – dort Menschen "brechen" würden. Die russische Militärführung bestritt jegliche Beteiligung an den Geschehnissen in Brjanka und erklärte, die Vertragssoldaten würden von Militärkräften der selbstproklamierten Republik Luhansk festgehalten werden. 

Lesen Sie auch:


Mehr zum Thema



Newsticker