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Vom Hurrikan verdriftet: Eine Schwalbe auf Deutschlandreise

Ein gefiederter Weltenbummler aus Kalifornien entzückt deutsche Vogelkundler: Nach über 10.000 Kilometern Flug ist eine prächtige Schmuckseeschwalbe im schleswig-holsteinischen Ort Brokdorf gelandet.

Es ist der erste Nachweis dieser Vogelart in Deutschland. In Europa wurde sie bisher erst wenige Male, so auf Madeira, in Frankreich und England, gesehen.

"Das ist sensationell", sagt Axel Halley von der Hotline für seltene Vögel in Deutschland, www.birdcall.de. Ornithologen aus ganz Deutschland, aber auch Niederländer und Dänen haben sich auf den Weg gemacht, um den extrem seltenen Gast zu beobachten. Direkt am Kühlwasserausfluss des einst heftig umstrittenen Atomkraftwerks Brokdorf ist eine kleine Natursensation zu bewundern. Zusammen mit Hunderten heimischer Seeschwalben und Möwen jagt der 40 Zentimeter große Gast aus Übersee im aufgewärmten Abwasser nach Fischen.

Durch Hurrikan "Ivan" verdriftet

Wahrscheinlich hat der Hurrikan "Ivan" den Vogel nach Deutschland verdriftet, vermutet Jochen Dierschke vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Denn die meisten Hurrikane, die in der Karibik verheerende Schäden angerichten, ziehen abgeschwächt als Sturmtief über den Nordatlantik nach Europa. Vögel, die in die Starkwinddrift geraten, werden so auch in die Deutsche Bucht getrieben. So sahen Vogelkundler in den vergangenen Tagen von Sylt über St. Peter-Ording und Dithmarschen bis Cuxhaven, Bremerhaven und Wangerooge täglich bis zu 80 Wellenläufer, viele Sturmtaucher und Hochseemöwen an der Küste.

Sterna elegans, so der wissenschaftliche Name, ist aber der Star. Ihrem Namen macht die Schmuckseeschwalbe mit einer Flügelspannweite von 80 Zentimetern alle Ehre: Das weiße Federkleid des Körpers ist hübsch rosa überhaucht. Der Mantel, so nennt man bei Vögeln den Rücken, ist zartgrau ebenso wie die Oberflügel. Als Kopfschmuck ragen zum Nacken hin punkige schwarze Federn frech hoch. Der kräftige Schnabel ist knall Orange bis Gelb und mit einem Touch ins Rote.

In der Heimat geht es dem eleganten Überraschungsgast nicht gerade gut. Im Süden Kaliforniens und in Nord-Mexiko brüten nur noch rund 30 000 Paare auf Sandstränden. Tourismus und Eierräuber sind große Gefahren. Die mexikanische Isla Rasa im Golf de California wurde 1964 unter Naturschutz gestellt, damit die Art ein Refugium findet. Nach der Brut ziehen Schmuckseeschwalben bis nach Chile zum Überwintern. Einige fliegen auch nach Texas und in die Karibik. Vielleicht ist dort irgendwo Sterna elegans in den Sog des Sturms geraten.

Harro H. Müller, DPA