Wald in Not "Waldärzte" gesucht


Der aktuelle Waldschadensbericht bescheinigt dem deutschen Wald einen schlechten Zustand - so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr. Schuld sind außer Luft- und Bodenverschmutzung zu viele Bäume, zu viele Tiere und das Klima.

Weniger ist mehr. Auch wenn das manche Tierfreunde und Naturschützer zunächst einmal nicht glauben und Sonnenanbeter keinesfalls hoffen wollen: Im deutschen Wald stehen zu viele Bäume und laufen zu viel Wildtiere, und im Sommer 2003 war es einfach zu lange zu heiß. Auch dies sind wesentliche Gründe für den schlechten Gesundheitszustand der Wälder, wie Agrarministerin Renate Künast (Grüne) am Mittwoch in Berlin bei der Vorlage des Waldschadensberichts 2004 erklärte.

Schuld für das Dauerleid der Pflanzen ist aber natürlich auch weiterhin die Luftverschmutzung sowie die Säure- und Stoffbelastung der Böden durch Schwefel, Stickstoff, Schwermetalle und Ammoniak. "Der Boden hat ein jahrzehntelanges Gedächtnis", mahnt Künast. Die Stoffe werden auf absehbare Zeit Nahrungsaufnahme und Wurzelbildung der Pflanzen schwächen. "Gülle killt den Wald", sagt Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) an die Adresse der Bauern und beklagt, dass aus der Landwirtschaft immer noch zu viele Stickstoffe in die Erde gelangten.

Zur Eindämmung der Schäden fordert Tilmann Heuser, Verkehrs- und Klimaexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) konkrete Maßnahmen: "Als Gegenmaßnahmen fordern wir kurz und mittelfristig die weitere Begrenzung von Schadstoffausstößen und die Nachbehandlungen der Waldböden. Mittel- und langfristig hilft aber nur nachhaltiges Forsten. Es müssen wieder mehr Mischwälder entstehen, statt den heute üblichen Reinkulturen. Das heißt aber auch, dass der deutsche Wald nicht mehr so stark als Nutzwald gesehen werden kann."

Künast: "Maßnahmen greifen mittelfristig"

Die Bundesregierung hat ein ganzes Maßnahmenbündel für die Genesung der Wälder geschnürt. Es gibt Gesetze, zahlreiche Verordnungen, strenge Grenzwerte für Öl- und Gasheizungen, Steuervergünstigungen für Biokraftstoffe sowie internationale Protokolle wie das von Kyoto.

Ist ja alles gut und schön, meint die Aktionsgemeinschaft für Natur und Umwelt "Robin Wood" und beklagt zugleich Inkonsequenz der Regierung. "Die alljährliche Vorlage des Berichts darf nicht zum Ritual verkommen." Schon vor dem Start der Lastwagen-Maut zum 1. Januar 2005 sei klar, dass die Gebühr zu niedrig sei. Außerdem müsse sie auch für Landstraßen gelten.

Künast hält die Kritik, auch rot-grüne Maßnahmen ließen den Wald nicht genesen, für ungerecht. "Alle Maßnahmen greifen mittelfristig." Und das heißt: erst in Jahrzehnten. Nach Künasts Ansicht kann und sollte jeder in Deutschland "Waldarzt" werden. Wer etwa Energie spart, ein schadstoffarmes Auto fährt, seine Wohnung isoliert und Bio-Lebensmittel kauft, die ohne Stickstoffdüngung erzeugt wurden, hilft dem Wald. Ein Patriot, wer die Umwelt schützt, sagt die Ministerin. "Das ist unser Beitrag zur Patriotismusdebatte."

Künast fördert Verjüngung des Waldes

Die Grünen-Politikerin setzt sich auch für das Abholzen ein, um den Wald kräftig zu verjüngen. Darin hindert die Forstbesitzer derzeit vor allem der geringe Holzverbrauch der Deutschen. Deshalb soll die Nutzung heimischen Holzes als Bau- und Rohstoff gefördert werden. "Hier geht das ökonomische Interesse der Waldbesitzer Hand in Hand mit dem ökologischen Interesse eines auch in Zukunft stabilen Waldökosystems", sagt die Ministerin. "Die Holzvorräte sind in den deutschen Wäldern hoch", heißt es im Jahresbericht. Die Waldbestände in Deutschland nehmen trotz der Baumschäden stetig zu. "Das heißt aber nicht, dass der Wald gesünder ist", konstatierte Künast.

Tilmann Heuser sieht das etwas anders: "Mittel- und langfristig hilft aber nur nachhaltiges Forsten. Es müssen wieder mehr Mischwälder entstehen, statt den heute üblichen Reinkulturen. Das heißt aber auch, dass der deutsche Wald nicht mehr so stark als Nutzwald gesehen werden kann."

Jäger sollen mehr Wild schießen

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände warnt: "Es wäre verkehrt, den Wald aus falscher Anteilnahme sich selbst zu überlassen. Der Wald braucht Pflege statt Mitleid." Und in diesem Sinne sollen auch die Jäger helfen, indem sie mehr Wild schießen, das mit Vorliebe die Jungtriebe frisst und so eine Verjüngung des Waldbestandes verhindert.

Eine Prognose zur Zukunft des Waldes wagt Künast nicht. Denn selbst bei optimalen Bedingungen werde es Jahre brauchen, bis sich die kranken Bäume erholt haben. Dennoch stellt sie sich vor, "dass man auch in 30 Jahren noch durch einen schönen Buchenwald gehen kann" - selbst wenn mehr als die Hälfte dieser Bäume in Deutschland derzeit krank sind. Künast setzt auf die Liebe der Deutschen zu ihrem Wald. "Ich hoffe, der Wald wird nicht nur als Ort zum Spazierengehen gesehen, sondern auch als Ort, der über unsere Luft zum Atmen entscheidet."

Tilmann Heuser hofft auf ein langfristiges Umdenken in der Bevölkerung: "Letztlich haben wir Waldschützer die gleichen Probleme wie der Hochwasserschutz. Alle paar Jahre, wenn es zu Überschwemmungen kommt, wird was unternommen und das geht dann ein paar Jahre gut. Dann werden die Zügel schleifen gelassen und alles fängt von vorne an."

mit Material von DPA


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