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Interview

Panini-Sticker: "Sammeln bringt Ordnung in eine chaotische Welt"

Stickertüte kaufen, aufreißen und die Bilder ins Album kleben: Pünktlich zur Fußball-EM sind Panini-Bilder ausgesprochen beliebt. Doch warum sammeln Fußballfans die Sticker so gern? Ein Kulturwissenschaftler gibt Antworten.

Ein Junge klebt einen Panini-Sticker in sein Album.

Panini-Sticker, Überraschungseier, Briefmarken: Warum sammelt der Mensch?

Herr Prof. Schmoll, pünktlich zur EM sind viele Menschen im Sammelfieber. Sie geben Geld für Fußballsticker aus und füllen ein Album, das nach dem Turnier ohnehin in der Schublade verschwindet. Warum machen Menschen so etwas?

Das Album verliert nicht an Wert, nur weil es nach der EM in der Schublade verschwindet. Im Laufe der Jahre wird aus einem Sticker-Album ein historisches Zeugnis. Wenn man es in 10, 20 Jahren hervorkramt, hat es einen Erinnerungswert. Bei diesem Vorgang vermischen sich biografische Zeit und Weltzeit.

Macht das den Reiz dieser Bilder aus?

Es ist der Wunsch nach Vollständigkeit, der Sammler antreibt. Aus diesem Wunsch wächst Leidenschaft. Das gilt für jede Art des Sammelns. Sei es ein Panini-Album oder die Figuren aus Überraschungseiern.

Was macht das Sammeln mit uns Menschen?

Sammeln schafft Ordnung in einer Welt, die für den Menschen von Natur aus ein Chaos ist. Als Sammler werde ich zum Mittelpunkt meines Handelns. Ich werde zu einem radikalen Individualisten. Gleichzeitig ist Sammeln ein sehr kommunikativer Akt, der Beziehungen fördert. Es werden Bilder getauscht und sich mit Gleichgesinnten kurzgeschlossen. Ich finde diese Ambivalenz sehr reizvoll.

Ist Sammeln ein Phänomen der heutigen Zeit?

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der Dinge rasch vergehen. Gegenstände werden von vornherein so produziert, dass sie aus Gebrauchskreisläufen schnell verschwinden. Was fehlt, ist eine intensive Beziehung zu Gegenständen. Sammeln dagegen schafft Dauerhaftigkeit. Es setzt einen Kontrapunkt zu dem Prozess des Wegwerfens. Indem wir sammeln, bewahren wir Dinge.

Sammeln Kinder anders als Erwachsene?

Kinder sammeln unbefangener, sie zeigen mehr Freude gegenüber dem Gegenstand. Erwachsene sammeln auch mit Kalkül. Ich denke da beispielsweise an Kunstsammler, die bewusst und aus ökonomischen Interessen handeln.

Ist Sammeln eine sinnvolle Beschäftigung?

Definitiv. Jedem Sammeln wohnt etwas Sinnvolles inne. Das Sammeln gehört zum Menschen dazu. Es ist eines seiner Grundmerkmale. Menschen müssen schließlich vorausschauend leben und die Zukunft planen - beispielsweise Nahrungsvorräte zulegen, was ja auch eine Art des Sammelns ist.

Gilt das auch für Menschen, die Bierdeckel oder Briefmarken sammeln?

Sammeln hat immer den Sinn, den ich ihm als Sammler beimesse. Wer sammelt, schafft für sich Ordnung in einer chaotischen Welt und kreiert seinen eigenen persönlichen Mikrokosmos. Das unterscheidet echte Sammler auch von sogenannten Messies, die scheinbar belanglose Alltagsgegenstände horten. Messies schaffen für sich keine Ordnung. Vielmehr scheint die Sammlung sie zu beherrschen, nicht umgekehrt.

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