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Aus dem Leben einer Mutter: Der Fall Susanna und die Sorge der Eltern: Ist das Böse plötzlich überall?

Regelmäßig finden Eltern Zettel mit Warnungen vor "Mitschnackern" im Schulranzen der Kinder. Zeitgleich erschüttert der Mord an einer 14-Jährigen das Land. Für manche Eltern ist das Böse dann plötzlich überall.

Von Andrea Müller

Kinder vor Gefahren warnen

Eltern möchte ihre Kinder am liebsten vor allen Gefahren schützen.

Neulich lag mal wieder so ein Zettel aus der Grundschule in Bens Eltern-Mappe. Ein, jawohl in Klammern gesetzt (wahrscheinlich pädophiler) Mitschnacker treibe hier in den Elbvororten in Hamburg sein Unwesen, diesmal locke er Kinder mit Panini-Bildern. Der davor hatte es mit Süßigkeiten versucht, ein anderer fragte nach dem Weg, ehe er versuchte, ein Kind ins Auto zu ziehen.

Auf dem Zettel steht:

Erklären Sie Ihren Kindern, wie sie sich verhalten, wenn Fremde sie auf der Straße ansprechen. Die betroffenen Schulen stehen im engen Kontakt mit der Polizei. Man gehe jedoch nicht von einer akuten Gefahrenlage aus.

Bei solche Sätzen werden Eltern gerne mal zum Tier. Gerade jetzt in Deutschland nach dem Mord an der 14-jährigen Susanna, die mutmaßlich vom Asylbewerber Ali B. getötet wurde. Eine Horror-Vorstellung, die besonders auch Eltern Angst macht. Ein Polizei-Sprecher in Hamburg sagt mir jedoch: Gerade jetzt wolle man keine Angst schüren! Die Eltern und ihre Gerüchteküche,  schlimm genug! Ich soll meinen Kindern beibringen, wie man sich in so einem Fall verhält. Und den Ball lieber mal flach halten.

Mein Sohn fällt beim Mitschnacker-Test durch

Also übe ich am selben Nachmittag mit Ben, 9, was mein Vater früher stundenlang mit mir und meiner Schwester übte: Das Rollenspiel, wo er den Mitschnacker gab. Jetzt bin ich also der Panini-Mann. "Ich habe ganz viele Fußball-Bilder zu Hause! Komm doch mal mit, um sie dir anzusehen!"

Ben fühlt sich schlau, als er sagt, dass er die Fußball-Bilder nur dann will, wenn der böse Mann sie direkt in der Hosentasche habe. Mit ihm nach Hause gehen? Nein! Wobei (Rattern in seinem Kopf) käme darauf an, ob Bale und Müller dabei sind ...

"Durchgefallen!", sage ich. Er wird niemals stehen bleiben, wenn ein Fremder auf der Straße ihn anspricht! "Und wenn er nett ist? Wie Darth Vader, bevor er böse wurde ..?" Im wahren Leben erkennst du die dunkle Macht nicht auf den ersten Blick, sage ich. Er soll immer "Nein" sagen. Auch wenn der Fremde ihm Hundewelpen oder ein blaues Polizei Speed-Boat verspricht.

Manche Eltern vermuten überall das Böse

"Und wenn es ein Halb-Fremder ist? Wie der Vater von Leonie?" Zufällig eine entscheidende Frage. Sind Eltern von Mitschülern Halb-Fremde, also Menschen, die man zwar kennt aber nicht so richtig gut? Will ich meinem Kind suggerieren, das Böse sei überall, mitten unter uns? Oder füge ich seiner unversehrten Kinder-Welt Risse zu, mit dieser fiesen Wahrheit?

Am Tag nach der Ranzenpost treffe ich Frau H., Mutter eines Klassenkameraden von Ben. Sie vermutet das Böse überall. Hinter jedem männlichen Erzieher der Nachmittagsbetreuung, jedem Single-Rentner und jetzt eben auch hinter jedem Flüchtling steckt für sie seit Neuestem ein Sexual-Straftäter. In Frau H.s Welt verkörpern alle Erwachsenen die dunkle Seite der Macht. Ich schicke Ben schon mal vor. 85 Prozent aller Täter kommen aus der Nachbarschaft, sagt Frau H.

Ich weiß, dass man solche Ängste ernst nehmen soll. Die meisten Kinder folgten ihren Vergewaltigern freiwillig. So wie Susanna. Auch ihr mutmaßlicher Mörder war ein Halb-Fremder: Ali B. ist der große Bruder eines Jungen, der ihr Freund war. Sicher, wir wissen, der Mord von Wiesbaden ist vor allem für die politische Debatte Asylsuchender ein Drama. Doch für Mädchen-Mütter ist er Thema, auch hier, in unserem grünen Heile-Welt-Vorort.

Die Angst vor der anderen Kultur lässt manche Eltern unsachlich werden

Seit Wiesbaden schimpfen sie über misslungene Integration, das "deutsche Problem". Sie schimpfen über junge Männer mit patriarchischer Sozialisation, sehen eine neue Gefahr für ihre Töchter. Die Flüchtlingsunterkunft, wo wir noch 2015 unseren Kindern soziale Kompetenz vermittelten, wird pauschal zum sozialen Brennpunkt, wo Teenie-Mädchen überhaupt nichts mehr zu suchen haben.

Meine Freundin N., Mutter einer langbeinigen, blonden 14-Jährigen, verbietet ihrer Tochter den Umgang mit jungen "muslimischen Männern mit frauenverachtender Einstellung“, wie sie es nennt. Das Mädchen darf bestimmte Buslinien nicht nehmen, weil Mitschülerinnen im Bus von Jungs aus dem Flüchtlingsheim angequatscht werden.

Eine andere Nachbarin mit zwei Töchtern erzählt, dass ihre Älteste sich in einen Syrer verknallt habe. Was er mitgemacht habe in seiner Heimat, lasse ihn in deren Augen heldenhaft erscheinen. Wenn der Vater das hört, würde er sofort einen Umzug in die Wege leiten. So reden Leute wirklich hier, hinter vorgehaltener Hand. Totaler Quatsch? Oder berechtigte Sorge?

Ich verbiete meinen Kindern keinen Umgang

Als Jungsmutter muss ich sagen, ich mag das bunte Wuselbild, wenn meine Jungs auf dem Sandplatz am Flüchtlingsheim mit Kindern aus aller Welt Fußball spielen. Sie kommunizieren mit Händen, Füßen und vor allem mit dem Ball - ein symblisches, multikulturelles Miteinander.

Ich verbiete meinen Kindern keinen Umgang, schon gar nicht mit Menschen aus anderen Kulturen oder Sozialisationen. Ich ermutige sie, nachzudenken, zu hinterfragen, nicht jedem zu vertrauen. Und vor allem nicht mit Fremden mitzugehen – egal woher sie kommen!

Schon seit der Silvesternacht 2015 nehmen wir die Herkunft der Täter genau unter die Lupe, immer auf der Suche nach klaren Zahlen. Nach der Wahrheit. Sie sind jedoch kaum auswertbar, zu viele Teilaspekte spielen herein. Grob vereinfacht: Menschen, die Frauen und Kinder sexuell missbrauchen, kommen überall her.

Im Jahr 2016 gab es insgesamt 12.000 Strafverfahren über sexuellen Kindesmissbrauch, 75 Prozent davon betrafen Mädchen. Das sind beinahe doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. Die WHO geht von rund 18 Millionen Minderjährigen aus, die in Europa von sexueller Gewalt betroffen sind. Auf Deutschland übertragen wären das eine Million Kinder, also 1,5 Kinder pro Schulklasse.

Kontrolle wie bei George Orwell?

Dieses Gefühl, dass unsere Kinder ins Visier des "Bösen" geraten, löst   Hilflosigkeit in Eltern aus, die uns manchmal unsachlich macht. Am liebsten würden wir ihnen Micro-Chips unter die Haut pflanzen, wie in Science-Fiction-Filmen, um sie jederzeit zu orten. Sie in eine Schneekugel zaubern, die wir uns auf den Nachttisch stellen. Eine Schneekugel, in der es keine Bösen gibt. Keine Ali B.s, keine Assads oder Darth Vaders.

Neulich traf ich morgens wieder Frau H. in ihrem schwarzen SUV vor dem Schultor. Der Panini-Mann sei außer Gefecht. Auf die Frage, was wir dann hier noch tun, weiß sie jede Menge neue, paranoide Bedrohungen für unsere Kinder.

Am nächsten Elternabend will sie Vorschläge bringen: Kinder sollen mit Polizeischutz zur Schule, sie will eine Eltern-Eskorte, die sich morgens abwechselt – eine lückenlose Überwachung. Ein Grusel-Szenario, wie bei George Orwell.

Ich sage ihr, was der Polizeisprecher vor ein paar Tagen zu mir gesagt hat: Sie soll einfach mal den Ball flach halten. Und ihren Kindern lieber beibringen, was zu tun ist, im schlimmsten Fall. Kinder werden lernen, sich zurecht zu finden, in unserer  Gesellschaft im ständigen Wandel.

Auch ohne Schneekugel-Utopien.

Flughafen Kontrolle Schulschwänzen