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Horror-Mythos Schweizer Forscher liefern neue Erklärung für den Schrecken am Djatlow-Pass

Das letzte Foto der Gruppe.
Das letzte Foto der Gruppe.
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Neun russische Studenten starben 1959 einen schrecklichen Tod im Uralgebirge. Schuld daran sollen keine übernatürlichen Horrorwesen gewesen sein, sondern ein Schneebrett. Das zeigen zwei Schweizer Forscher mit einer detaillierten Computersimulation.

1959 starben neun russische Skitourengeher im Uralgebirge. Ihr mysteriöser Tod und die schrecklich zugerichteten Leichen sorgten dafür, dass der Zwischenfall im Djatlow-Pass in die internationale Riege der großen Horror-Mythen aufgestiegen ist. Die offizielle Untersuchung kam zu dem Schluss, dass die Studenten als Folge einer nicht genau feststellbaren "zwingenden Naturgewalt" starben. Aber was bedeutet das schon, wenn die Mythen blühen. Und davon gab es viele. Starben die Studenten doch in der Nähe eines uralten Kultplatzes, an dem schon vor Urzeiten indigene Jäger genauso mysteriös verschwunden sind? Monster, Schneemenschen oder Außerirdische wurden verantwortlich gemacht. Für die Theorie der Außerirdischen sprach, dass seltsame Himmelskörper beobachtet wurden. Andere Verschwörungstheoretiker vermuteten, es müsse sich um geheime Militärversuche gehandelt haben. Zweifelsohne habe dann ein Kommando des KGB – wahlweise auch der CIA – die unglücklichen Zeugen beiseitegeschafft (zu den Verschwörungstheorien lesen Sie: "Sowjet-Horror – das Grauen am Djatlow-Pass")

Misstrauen gegenüber den russischen Behörden

Gegen diese starken Erzählungen hatten es faktenbasierte Erklärungen naturgemäß schwer, zumal sie immer eine lückenhafte Datenbasis und viele Fragezeichen einräumen mussten. Nun versuchen zwei Schweizer, den Vorfall am Djatlow-Pass zu entmystifizieren. Johan Gaume vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos und Alexander Puzrin vom Institut für Geotechnik in Zürich nehmen die Theorie eines Lawinenabgangs wieder auf. Eine Lawine machte auch die letzte offizielle Untersuchung der Russischen Föderation verantwortlich. Die Schweizer Schneeexperten steuern nun ihr Know-how bei, um diese Erklärung zu untermauern.

Die unumstrittenen Fakten sind zugegeben dürr. Am 1. Februar 1959 schlugen die Wanderer ihr Lager am Hang des Berges Kholat Syakhl auf. Nach Mitternacht schnitten sie sich von innen aus ihrem Zelt heraus und bewegten sich mehr als einen Kilometer hangabwärts in Richtung des Waldes. In dieser Nacht herrschte eine Temperatur von unter -25 °C, doch die Expeditionsmitglieder waren nicht für das Wetter gekleidet. Einige der Gruppe wurden fast nackt und barfuß gefunden.

Die Haupttodesursache war Unterkühlung, das war zu erwarten. Aber vier Wanderer hatten schwere Thorax- oder Schädelverletzungen und zwei wurden mit fehlenden Augen und einer fehlenden Zunge gefunden. Diese Verstümmelungen ließen dann die Horrorgeschichten blühen.

Untersuchung der Russischen Föderation

In Russland brodelten die Gerüchte immer, vor allem die Angehörigen bezweifelten die Erklärung der Behörden. 2019 musste ein Komitee der Russischen Föderation den Fall neu untersuchen. Auch die Russen kamen zu dem Schluss, dass eine Schneelawine schuld war. Doch sie konnten nicht alle Zweifel ausräumen. Die Skeptiker führten an, dass der Hang für eine Lawine nicht steil genug war, darum hatten die erfahrenen Wanderer auch dort kampiert. Und es wurden später keine Spuren einer Lawine gefunden. Auch die typischen Ursachen für einen Abgang auf dem Hang, wie starker Schneefall, konnten ausgeschlossen werden.

Erst die Untersuchung der Russischen Föderation machte die Schweizer auf das Unglück aufmerksam. Nirgends in der Welt ist die Kenntnis über Lawinen so groß wie im Alpenraum mit seinem Ski-Tourismus. Das Erkennen von Gefahren und das Meistern der Schneeabgänge ist für viele Skigebiete lebensnotwendig. Die Schweizer Forscher haben eine neue Erklärung. "Statt des Schnees hatten wir einen sehr starken Wind. Es gab eine Kaltfront, die aus der Arktis kam", so Puzrin. "Es war also so, als würde jemand kommen und den Schnee von einer Stelle schaufeln und ihn auf den Hang über dem Zelt legen."

Das Schneebrett ist dann weitgehend spurenlos über den Hang gesaust, nur bei dem Biwak fand es Widerstand. Die Gewalt des verhältnismäßig kleinen Bretts war groß genug, um die schrecklichen Verletzungen zu erklären.

Detailliertes Computermodell

Die Forscher stellten fest, dass der Hang weit stärker geneigt war, als der Schnee an der Oberfläche vermuten ließ. Um sich vor Kälte zu schützen, gruben die Skifahrer ihre Zelte ein. Damit schwächten sie die Stabilität der oberen Schicht aus Schwachschnee weiter. Diese Aktion destabilisierte den Untergrund, aber noch hielt er. Erst als in der Nacht der Wind einsetzen löste sich die Lawine.

Die Forscher haben auch eine Erklärung, warum es keine Abrisskante gab, die für Schneebretter typisch ist. Wegen des gestuften Aufbaus des Hangs war die obere Schneeschicht nicht gleichmäßig dick. Sie baute sich im Querschnitt wie ein Keil auf. Als die obere Schicht abging, hinterließ sie daher keine Kante und rutsche oberhalb der nächsten Schicht sauber ab.

Vom komplexen Verhalten der unterschiedlichen Schichten konnten die Studenten 1959 nichts ahnen.
Vom komplexen Verhalten der unterschiedlichen Schichten konnten die Studenten 1959 nichts ahnen.
© Commons

Tod in der Kälte

Die geringe Dicke erklärt auch die Verletzungen der Studenten, deren Körper zwar verletzt waren, aber die nicht total zerschmettert wurden. Nur daher konnten sie sich aus dem Zelt befreien.

Puzrin geht auf einen besonderen Umstand ein. Seiner Meinung nach misstrauten die Angehörigen den offiziellen Erklärungen auch, weil es sich um sehr erfahrene Tourengeher gehandelt hat, denen beim Aufstellen des Biwaks keine Fehler unterlaufen wären. Doch die Gefahr unter der Schneedecke hätten sie gar nicht erkennen können, so Puzrin. Da die Studenten vom optischen Eindruck ausgehen mussten, konnten sie den gestuften Untergrund unter dem Schnee gar nicht bemerken. Die Skiwanderer hätten sich vorbildlich verhalten, versichert der Forscher. Nach der Lawine hätten sie versucht, die verletzten Kameraden in dem Wald in Sicherheit zu bringen. Dabei seien dann alle in der Kälte gestorben.

Quelle: Communications Earth & Environment

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