Zugunglück Der Eschede-Prozess versandet im Gewirr physikalischer Formeln


68 Minuten zogen sich Richter Michael Dölp und seine Kollegen am Donnerstag ins Hinterzimmer des Schwurgerichtssaals Hannover zurück. Dann war der Eschede-Prozess vorbei.

68 Minuten zogen sich Richter Michael Dölp und seine Kollegen am Donnerstag ins Hinterzimmer des Schwurgerichtssaals Hannover zurück. Dann war der Eschede-Prozess vorbei: "Das Verfahren gegen die drei Angeklagten (...) wird nach Paragraf 153a Strafprozessordnung eingestellt", sagte Dölp. Zahlen die drei Ingenieure bis zum 13. Mai jeweils 10 000 Euro ist fast fünf Jahre nach dem schwersten Zugunglück der Bundesrepublik die strafrechtliche Aufarbeitung unanfechtbar beendet - ohne Schuld- oder Freispruch. Es wird nach den Buchstaben des Strafrechts keine Antwort geben auf die Frage, warum der Radreifen am ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" bei Tempo 200 brach und der Hochgeschwindigkeitszug 101 Menschen in den Tod riss.

Experten und Gutachter konnten die Ursache nicht erklären

Selbst 13 Gutachten von 16 internationalen Experten konnten im acht Monate dauernden Prozess nicht klären, ob die zwei Mitarbeiter der Bahn und der Techniker des Radreifenherstellers für den Tod der Menschen an dem Sommertag Anfang Juni 1998 in dem Heideort verantwortlich sind. Letztendlich versandete der Mammutprozess in einem Gewirr physikalischer Formeln und mathematischer Berechnungen. Die Sachverständigen hätten "den Radreifenbruch von Eschede nicht plausibel erklären" können, sagte Staatsanwalt Heiner Dresselhaus.

"Ein ganz unspektakuläres Ende"

Richter Dölp gab keine lange Begründung ab, nur wenige Minuten dauerte seine Erklärung. Die Zuschauer und die Angeklagten mussten bei seinen Worten nicht einmal aufstehen. "Ein ganz unspektakuläres Ende", kommentierte ein Anwalt. Am 28. April hatte Dölp schon alles gesagt. Die Angeklagten treffe keine schwere Schuld an dem Unglück. Das öffentliche Interesse an einer Strafverfolgung habe abgenommen.

Grundannahmen unklar

Die Gutachter hatten bei ihren Aussagen deutlich gemacht, dass weitere Versuche notwendig wären, um die Anklage zu untermauern. Aber selbst in der internationalen Wissenschaft sind die Grundannahmen für Versuche zur Belastbarkeit oder Dauerfestigkeit eines Radreifens umstritten. Und dann sei es auch noch unklar, ob diese Berechnungen trotz Hochleistungscomputern heutzutage überhaupt möglich seien, hatte Dölp betont. Auf jeden Fall hätte sich der Prozess mindestens zwei Jahre hingezogen.

Leere Blicke und Tränen

Trotz der vielen Technik und jurististischem Kleinklein: Am letzten Prozesstag kamen sie wieder zurück, die leeren Blicke und die Tränen der Hinterblieben auf der Bank der Nebenklage, die Emotionen und die spitzen Angriffe der Verteidiger. Etwa Heinrich Löwen, Sprecher der Opfer, dessen Frau und Tochter in dem ICE starben: Er saß während der Verhandlung stumm mit tiefen Furchen auf der Stirn und leerem Blick auf seinem Stuhl, die Hände gefaltet auf dem Tisch, als höre er seinen eigenen lebenslangen Schuldspruch. Oder Helga Cornehl - ihre Tochter starb am 3. Juni 1998 um 10.59 Uhr in Eschede: "Ich hör' mir das nicht mehr an. Mir reicht's jetzt", flüsterte sie und verließ weinend den Gerichtssaal.

"Wir sind maßlos enttäuscht", sagte Löwen später in die Fernsehkameras. Die Nebenkläger hatten bei dem schnellen Ende des Verfahrens keine rechtliche Möglichkeit mehr, die Einstellung zu stoppen. Ihnen bleibt nun nur noch der Weg zum Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Sie wollen Eil-Beschwerde einlegen und setzen alle Hoffnung darauf, dass wenigstens die Richter in den roten Roben ihrer Argumentation folgen und auch eine Verletzung des Grundrechts auf ein faires Verfahren sehen.

DPA

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