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30 Jahre Islamische Revolution: Isolation statt Freiheit

'Freiheit, Unabhänigigkeit, Islamische Republik' - mit diesen Worten hatte Ayatollah Khomeini 1979 den Schah von Persien aus dem Amt gejagt. Jetzt, 30 Jahre später, feiert Iran die islamische Revolution. Doch die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, die Reden von einer stolzen Nation klingen für viele hohl und leer.

Von Steffen Gassel, Teheran

"Alhamdulillah. Gottlob, Omid hat sich gemeldet", sagt der Raumfahrtingenieur der iranischen Raumfahrtbehörde. "Heute früh um kurz vor halb elf. Und dann noch einmal um zwölf." Und was hat er gemeldet? "Informationen über seine Position und die Temperatur in seinem Inneren." Hm. Mehr nicht? "Nein. - Aber das ist schon eine Menge. Hören Sie mal, der erste Sputnik, den die Russen damals ins All geschickt haben, konnte nur Piepsen. Omid kann mehr", sagt der Mann im weißen Kittel stolz.

"Wieder ein Beleg dafür, dass die Hoffnungen berechtigt waren, die unsere Revolution in den Herzen der Menschen geweckt hat." So hat es der Oberste Revolutionsführer, Ali Khamenei, erst vor wenigen Tagen in einer Grußbotschaft an Präsident Mahmud Ahmadinedschad anlässlich des erfolgreichen Starts des "Nationalsatelliten" geschrieben. Seine Worte prangen an einem riesigen Plakat im Eingangsbereich der großen Ausstellung "Errungenschaften der Revolution", die gerade in Teheran zu sehen ist. Über dem Konterfei des Ayatollahs schwebt ein großer mit Helium gefüllter Ballon, dessen viereckige Form der des Satelliten entsprechen soll. "Symbol des Friedens und der Freundschaft" steht darauf. Ein Nachbau der Trägerrakete, die Omid in die Umlaufbahn beförderte, ist wenige Meter entfernt aufgestellt. Im Saal dahinter sind weitere Superlative aus heimischer Produktion zu sehen: Von Granatwerfern bis zu Freilandtomaten aus Winterzüchtung - made in Iran.

Die Eröffnung der Show vor zehn Tagen war der Auftakt der landesweiten Feiern zum 30. Jahrestag der Islamischen Revolution des Ayatollah Khomeini. Mit einem Stern-Marsch zum Platz der Freiheit im Westen Teherans, zu dem Zehntausende erwartet werden, erreicht das Jubiläum nun seinen Höhepunkt. Das Militär der Islamischen Republik wird raketenstarrend vor der Menge aufmarschieren, Präsident Ahmadinedschad dem Volk in einer Rede zum 30. Geburtstag der Revolution gratulieren. Und der erfolgreiche Start Omids ins All wird darin sicher Erwähnung finden.

Ibrahim Yazdi wird nicht zur Feier gehen. Dabei war er vor 30 Jahren Mitglied des engsten Zirkels um Ruhollah Khomeini. Er saß mit in der Air France Maschine, die den Ayatollah Anfang Februar 1979 aus dem Pariser Exil zurück in den Iran brachte, nur Tage nachdem der beim Volk verhasste Schah nach monatelangen Demonstrationen aus dem Land geflohen war. Wenig später wurde er, von Beruf Onkologe, auf Bitten Khomeinis Außenminister der ersten Übergangsregierung.

Wenn der 77-Jährige heute an diese stürmischen Tage zurückdenkt, dann schwankt er zwischen Melancholie und Resignation. "Wir konnten damals selbst nicht glauben, wie glatt alles ging. Selbst Khomeini war überrascht, dass der Schah das Feld am Ende kampflos geräumt hat", sagt Yazdi und blickt durch das große Wohnzimmerfenster seines Hauses im Norden Teherans hinaus auf das leere Becken des Swimmingpools in seinem Garten. Wegen der strikten Geschlechtertrennung in der Islamischen Republik sind private Pools im Iran seit der Revolution verboten. "Die Islamische Republik von heute hat mit unseren Zielen von damals nichts mehr zu tun. 'Freiheit, Unabhänigigkeit, Islamische Republik' - das war 1979 unser Slogan. Heute haben wir eine Islamische Republik. Freiheit haben wir nicht", sagt der Weißbärtige. "Und die Unabhängigkeit hat sich das Land um den Preis internationaler Isolation erkauft. Die Performance der Leute, die dieses Land in den letzten 30 Jahren regiert haben, ist nicht akzeptabel."

Und dann erzählt Yazdi, heute Chef einer kleinen Oppositionsbewegung, deren Mitglieder zu Wahlen im Iran nicht antreten dürfen, von den Schikanen. Wie die Schergen der Hardliner sein Haus mit Brandbomben bewarfen, nachdem sie ihn Anfang der 80er Jahre aus dem Amt gedrängt hatten. Wie sie immer wieder Mitglieder seiner kleinen Partei ins Gefängnis warfen. Wie sie erst vergangene Woche eine stille private Gedenkfeier gleichgesinnter Liberaler aus den alten Zeiten in einem kleinen Gotteshaus im Norden Teherans gewaltsam auflösten, noch bevor sie richtig begonnen hatte. "Ich bin ein gläubiger Muslim. Ich bin bis heute überzeugt, dass diese Revolution richtig und notwendig war. Und ich schäme mich nicht für das, was ich für diese Revolution getan habe", sagt Yazdi. "Aber was daraus geworden ist, macht mich traurig."

Wenn heute die Massen zu Ahmadinedschads feierlicher Ansprache pilgern, wird er zu Hause bleiben, zum Ausspannen und Relaxen, wie er sagt. Die Reden von der stolzen iranischen Nation, die trotz der bösen Komplotte der Feinde Erfolg um Erfolg feiert - siehe eigenes Nuklearprogramm, siehe selbstgebauter Satellit - für Yazdi klingen sie hohl. Wie ein zurückgebliebenes Kind benehme sich der Präsident, mehr will der alte Weggefährte Khomeinis dazu nicht sagen.

Ein liberaler Reformer wird Präsidentschaftskandidat

Doch eine Nachricht aus den letzten Tagen lässt den alten Mann etwas Hoffnung schöpfen für diese Islamische Republik, die er im Februar vor 30 Jahren mit aus der Taufe gehoben hat. Es ist nicht die Schlagzeile vom erfolgreichen Start Omids in die Umlaufbahn. Es ist die Ankündigung des Ex-Präsidenten Mohammad Khatami, eines liberalen Reformers, er werde bei den Wahlen im Juni gegen Präsident Ahmadinedschad antreten. "Wenn er gewinnt - das wäre wirklich ein gutes Zeichen", sagt Yazdi.

Dass nicht wenige Iraner ähnlich denken, lässt eine spöttische E-Mail vermuten, die schon Stunden nach der Nachricht vom Satellitenstart in Teheran die Runde machte: "Erste Meldung von Omid empfangen: Die Erde ist rund."

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