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Afghanistan: Wie ein Raumschiff auf einem fremden Stern

Rolltreppe, Popmusik und Frauenkleider mit gewagten Ausschnitten - wer das erste Einkaufszentrum Afghanistans betritt, wähnt sich auf einem fremden Stern. Was im Westen alltäglich erscheint, entwickelt in Kabul besondere Anziehungskraft.

Wie ein Raumschiff, das auf einem fremden Stern gelandet ist, steht es da: Das erste Einkaufszentrum Afghanistans hat in diesen Tagen in der Hauptstadt Kabul seine Pforten eröffnet. An der staubigen Straße davor holen Afghanen Wasser aus Handpumpen, an ihnen rauschen grimmige Soldaten auf Panzerfahrzeugen vorbei. Wer durch das Eingangsportal schreitet, macht binnen Sekunden eine Reise in die Zukunft. Außer einer glitzernden Ladenwelt bietet das Kabul City Centre noch eine ganz besondere Attraktion: Kunden werden auf der ersten und einzigen Rolltreppe des Landes zum Shopping getragen.

"Angst vor der Rolltreppe"

Wenn sie sich denn trauen. "Die Menschen haben Angst vor der Rolltreppe", sagt Anwar Hussein, der Manager des Hotels, das ebenfalls in dem neunstöckigen Gebäude untergebracht ist. "Sie sind erstaunt, dass sich etwas von selber bewegt." Kunden, denen die Rolltreppe zu gewagt erscheint, können den verglasten Aufzug nehmen. Beruhigend, dann zu wissen, dass der Strom nicht ausfällt: Das neunstöckige Gebäude hat eine eigene Stromversorgung. Der Rest der Hauptstadt hat im besten Fall ein paar Stunden am Tag Elektrizität.

Was im Westen alltäglich erscheint, entwickelt in Kabul besondere Anziehungskraft. So werben die Betreiber damit, dass ihre Shopping Mall als einziges Gebäude des Landes durchgängig klimatisiert ist. Im Winter könnten die Hauptstädter von ihren kleinen Holzöfen ins warme Einkaufszentrum fliehen, im Sommer könnten Familien sich dort abkühlen. Auch wenn Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt ist: Direktor und Mitinhaber Habib Safi ist zuversichtlich, dass Besucher nicht nur der unwirtlichen Kabuler Witterung entfliehen werden, sondern auch Geld in den rund 90 Läden lassen.

"Man muss Risiken eingehen", sagt der Geschäftsmann. Auch die Mieter der Läden bauen auf das neue Einkaufsgefühl. "Hier ist es angenehm einzukaufen, draußen sind die Märkte staubig", sagt Abdul Asim. Die Frauenkleider in seinem Schaufenster sind aus der Türkei importiert, für afghanische Verhältnisse haben sie gewagte Ausschnitte. Selbst wenn auf den Straßen Kabuls immer noch viele Frauen Burkas tragen - Asim hofft auf guten Absatz. Die Kundinnen, so sagt er, könnten seine Kleider schließlich zu Hause tragen.

Blitzsaubere Gänge und unsichtbare Lautsprecher

Noch verlieren sich nur wenige Afghanen zwischen den Gold- und Textilgeschäften, zwischen Möbelläden, Elektronikshops und dem Café im Untergeschoss, an dessen Chrom-Theke tatsächlich "Coffee to go" angeboten wird. Erste potenzielle Kunden staunen über die Säulen mit hunderten Glühbirnen und die blitzsauberen Gänge, während sie aus unsichtbaren Lautsprechern mit afghanischem Pop beschallt werden. Die Musik wird nur für den Ruf des Muezzins unterbrochen - dann ahnt man, dass man doch noch in Afghanistan ist. Die ersten Kunden sind angetan. "Das ist echte Entwicklung", sagt Abdul Fatah, der sich gerade eine silbrig glänzende Uhr gekauft hat. "Ich wünschte, ganz Afghanistan wäre voll mit Einkaufszentren." Das sähen auch die Besitzer des Kabul City Centres gerne. Sie denken schon längst über die Hauptstadt hinaus.

In der westafghanischen Stadt Herat und dann in anderen Städten des Landes will die Familie Safi weitere Hochhäuser und Einkaufszentren hochziehen. Den Rohbau zweier Türme in Herat zeigt eines der Plakate, die in Habib Safis Büro hängen. Sie sollen "Twin Towers" heißen - wie die Hochhäuser des World Trade Centers in New York, dessen Zerstörung Osama bin Laden in Afghanistan plante. Geschmacklos finde man das nicht, sagt einer der Mitarbeiter Safis. Der Unterschied sei: "Unsere Häuser werden nicht einstürzen."

Can Merey/DPA / DPA
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