Augenzeugenberichte Inferno im Londoner Untergrund


Als nach den Explosionen in London verletzte Menschen aus den U-Bahn-Stationen rennen, weiß zunächst niemand was passiert war. Aus ihren Berichten ging nur eines hervor: Im Untergrund musste sich Furchtbares abgespielt haben.

Tief unter der Erde, in den Zügen der Londoner U-Bahn explodieren im morgendlichen Berufsverkehr Bomben. Der Strom fällt aus. Menschen rennen blutüberströmt aus U-Bahnhöfen. Massen von Beschäftigten kommen von ihren Arbeitsplätzen auf die Straßen, auch sie sind verwirrt und verstört. Nichts geht mehr. Und niemand weiß zunächst, was passiert ist. "Es gab eine Explosion und einen Feuerblitz an der Seite des Zuges", sagte der Augenzeuge Derek Price, den das Grauen in einer U-Bahn nahe der Station Liverpool Street erwischte. "Es ging alles sehr schnell - ein lauter Knall folgte binnen Sekunden."

Dass Derek Price soeben einem der schwersten Bombenanschläge, die die britische Hauptstadt je erlebt hat, glücklich entkommen war, wusste er zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht. Die britischen Behörden schlossen dies jedenfalls noch aus. Stattdessen sprachen sie von einem "Zwischenfall". Als Ursache für den Unfall gaben sie eine Überspannung im Stromsystem an. Vermutungen, dass es sich doch um einen Anschlag handeln könnte, verhärteten sich erst nachdem kurz darauf ein weiterer "Zwischenfall" an der Haltestelle Edgewater gemeldet wurde. Und als sich wenig später Ähnliches in den Haltestellen Kings Cross, Old Street und Russels Square ereignete, wagte kaum einer einen Terroranschlag, wie er sich erst vor über einem Jahr in Madrid ereignete, auszuschließen. Als dann schließlich auch noch ein vom Stromnetz unabhängiger Bus explodierte, war klar: Die Theorie von der Stromstörung war nicht länger aufrecht zu halten.

"Alles wurde schwarz"

Auch die Berichte von anderen Augenzeugen, die dem Inferno im Londoner Untergrund entkommen waren, lassen Erinnerungen an den Anschlag auf vier Madrider Pendlerzüge im März 2004 wach werden. Offenbar war in den U-Bahn-Schächten nach der Explosion die Hölle losgebrochen. "Alles wurde schwarz, die Menschen warfen sich in Panik zu Boden", zitierte die schwedische Zeitung "Aftonbladet" eine London-Touristin. "Der Waggon füllte sich schnell mit Rauch, und viele Leute versuchten, die Fenster mit ihren Regenschirmen einzuschlagen, damit wir Luft kriegten. Neben mir saß eine Mutter mit zwei kleinen Kindern und weinte verzweifelt." Als sie schließlich aus der U-Bahn befreit worden sei, habe sie ringsum Leichenteile liegen sehen, sagte die Touristin.

"Leichen am Rand der Gleise"

"Es liegen Leichen am Rand der Gleise", bestätigte auch ein anderer Pendler. "Überall sind Zugteile. Es ist furchtbar." Die 49-jährige Loyita Worley war zwischen den Stationen Moorgate und Aldgate unterwegs, als ihr Zug von einer schweren Explosion erschüttert wurde. "Ich sah ein orangenfarbenes Flackern an einer Seite des Tunnels." Die U-Bahn sei auf den Kopf gestellt worden. "Alles ist voller Blut. Viele wurden am Kopf verletzt."

Nach den Explosionen wollten dann Viele so schnell wie möglich ihre Angehörigen verständigen. Die Telefonnetze waren jedoch schnell überlastet. Die Menschen stürmten kurzerhand in Geschäfte, wo sie die Festnetztelefone nutzen wollten. Andere wollten möglichst schnell nach haus fahren. Doch ein Polizeisprecher verkündete: "Es ist unmöglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. U-Bahnen und Busse stehen still. Bleiben Sie, wo Sie sind." Für viele der morgendlichen Berufspendler kam der Aufruf zu spät.

Ein Stadt versinkt im Chaos

Die Polizei versuchte auf den Straßen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie errichtete Absperrungen, betreute die Verletzten, versuchte, Unterstützung zu geben. Doch trotz der Bemühungen der Polizisten herrschte am Mittag das Chaos in der Londoner City. Bis dahin hatte auch der britische Premier Tony Blair bestätigt, was viel längst vermutet hatten: Bei den "Zwischenfällen" handelt es sich um Terroranschläge. Entsprechend intensiv suchten bereits in den U-Bahn-Stationen Spezialisten in orangefarbener Schutzkleidung nach Hinweisen auf die Urheber und den genauen Hergang der Anschläge, die London einen Tag nach dem Jubel über den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 in tiefes Entsetzen stürzte. Während die Spezialisten bereits Aufklärungsarbeit leisteten, liefen Rettungskräfte immer noch hektisch über die Bürgersteige, um sich den Verletzten zu widmen. Über allem lag dabei das Heulen der Sirenen von Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen. Busladungen von Verletzten wurden in die Krankenhäuser gebracht, im noblen Hilton-Hotel eine Krankenstation eingerichtet.

Welch Zerstörung das Attentat auch an der Oberfläche Londons, außerhalb der Untergrundbahn, angerichtet hatte, davon zeugte auch der halbzerstörte Bus am Travistock Square. Wie eine geöffnete Konservendose stand er in dem Trümmerfeld. Ein Kioskbesitzer berichtete, er habe eine laute Explosion gehört und dann gesehen, wie das obere Stockwerk des Doppeldeckers zusammengefallen sei. Zahlreiche Passagiere seien zu Boden gedrückt worden, andere stürzten in Panik aus dem Bus. "Die Leute waren in Panik. Sie wussten, dass es eine Bombe war. Überall flogen Trümmer herum, vor allem Glas." Eine andere Augenzeugin, die im Bus davor saß hatte einen unglaublichen Knall gehört. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie knapp sie dem Unglück entronnen war: "Ich drehte mich um und sah, dass der halbe Bus in die Luft geflogen war. Er war mit Menschen voll besetzt." Eine Frau mittleren Alters hat noch den Schutt der Explosion im Haar und Öl auf der Kleidung, als sie orientierungslos umherirrt, nachdem sie die Trümmer verlassen hatte. "Ich war im Bus. Ich drehte mich um, und die Sitzreihen hinter mir waren weg", berichtet sie verstört und versucht zu begreifen was passiert war. Sie ist ein Abbild Londons am Donnerstagmorgen: Die Millionenstadt steht unter Schock.

Doch auf den Schock folgten stummes Entsetzen und Ratlosigkeit. Vor Schaufenstern mit Fernsehern versammelten sich kleine Gruppen und verfolgten schweigend die Berichte über die Anschläge. Eigentlich habe man schon lange über die Möglichkeit eines Anschlags in London gesprochen, sagte ein U-Bahn-Angestellter. "Aber man denkt doch nie, dass es wirklich passiert."

AP/Reuters AP Reuters

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