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Versehentlicher Abschuss Der Iran entlarvt sein Lügenkonstrukt und verliert damit doppelt

Diese Aufnahmen zeigen offenbar den Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran.


Wenige Sekunden später ist eine Explosion zu hören.


Das Video verbreitet der iranische Journalist Nariman Gharib im Netz.


Als erste bestätigen die "New York Times" die Echtheit der Aufnahme.


Laut der Zeitung soll das Video bei Parand, einer Stadt nahe des Flughafens von Teheran, entstanden sein.


Das Flugzeug war auf dem Weg von Teheran nach Kiew kurz nach dem Start abgestürzt.
Laut der Regierung der USA, Kanadas und Großbritanniens liegen Geheimdienstinformationen vor,
die auf einen Abschuss hinweisen.
Der Iran hat mittlerweile eingeräumt, dass die Passagiermaschine versehentlich abgeschossen worden sei.


Anmerkung der Redaktion: Dieses Video ist aktualisert worden.

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Tagelang leugnete Teheran, das ukrainische Passagierflugzeug versehentlich abgeschossen zu haben – und zwar vehement. Dann musste die Regierung es doch eingestehen. Was tief blicken lässt.

Rund drei Tage hielt das Lügenkonstrukt, dann musste man selbst in Teheran einsehen: Das glaubt uns keiner mehr. Am frühen Samstagmorgen gab die iranische Regierung zu, was zuvor zahlreiche Länder öffentlich vermutet hatten: Der ukrainische Passagierjet über Teheran wurde versehentlich von einer Abwehrrakete getroffen und so zum Absturz gebracht. 176 Tote, weil man das Flugzeug für eine US-Drohne hielt.

Diese rund drei Tage bis zum unvermeidbaren Eingeständnis sind nun im Rückblick sehr aufschlussreich. 

Mittwochmorgen, nur wenige Stunden nach dem Beschuss eines US-Stützpunktes im Irak, ratterten die ersten Meldungen über ein abgestürztes Flugzeug in Teheran über die Agenturen. Quasi mit den ersten ausführlichen Berichten lieferten die Iraner bereits eine angebliche Ursache: Ein "technischer Defekt" habe die Maschine zum Absturz gebracht. Eine Lüge, kein Irrtum. Denn natürlich wussten die Iraner da bereits, was sie angerichtet hatten.

Es ist ein klassisches Propaganda-Mittel. Damit die Menschen anzweifeln, was wirklich passiert ist, braucht man eine Gegenversion, eine alternative "Wahrheit", die man ihnen präsentieren kann. Es geht darum, Zweifel zu säen.

"Dieses Flugzeug ist nicht von Rakete getroffen worden"

Für manch einen wird es im Rückblick nun auch schlicht richtig peinlich. Ali Abedsadeh zum Beispiel, Chef der iranischen Luftfahrbehörde. Der behauptete noch am Freitag: "Eine Sache ist sicher: Dieses Flugzeug ist nicht von einer Rakete getroffen worden." Diese These sei "wissenschaftlich nicht haltbar", so Abedsadeh. Schließlich hätte das Flugzeug dann nicht weiterfliegen können. Auch die Trümmer sprächen klar dagegen. Nur wenige Stunden später drehte sich die offizielle Version aus Teheran um 180 Grad. Der Kommandeur der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgarde, Amir Ali Hadschisadeh, übernahm am Samstag die volle Verantwortung für den Abschuss. "Als ich davon erfahren habe, wünschte ich mir, lieber selbst tot zu sein, statt Zeuge dieses Unglücks", sagte er.

Es ist vor allem die Vehemenz, mit der der Iran zunächst gegen die Anschuldigungen vorgegangen war, die tief blicken lässt. Aus iranischen Diplomatenkreisen waren sogar Verschwörungstheorien zu hören, die Beschuldigungen würden lediglich dem Zweck dienen, von der Ermordung von General Soleimani abzulenken.

Die iranische Regierung hat sich selbst entlarvt. Sie hat offen und sogar für den letzten Sympathisanten unwiderlegbar gezeigt, dass sie bereit ist zu lügen und zu täuschen, um die eigene Haut zu retten. Das Eingeständnis kam erst, als der Druck und die Beweislast zu groß wurde. Handyvideos des Vorfalles hatten bereits das Land verlassen. Hätte sich dieser Vorfall vor 20 oder 30 Jahren zugetragen: Vermutlich hätten die Iraner niemals ihre Schuld zugegeben.

Wie sich Teheran doppelt verpokert

Teheran hat sich damit gleich in zweifacher Hinsicht verpokert. Zum einen untergraben die tagelangen Lügen die ohnehin schon löchrige Glaubwürdigkeit nach außen. Selbst die größten Westen-Skeptiker werden künftig Schwierigkeiten haben, Teherans Version zu was auch immer zu verteidigen.

Zum anderen ist der zusammenschweißende Effekt der Ermordung Soleimanis wieder dahin. Dass die eigene Regierung ein Flugzeug abschießt, in dem zum Großteil Iraner und iranischstämmige Menschen sitzen, ist auch innenpolitisch ein Totaldesaster. Gerade erst stand das Volk zusammen gegen den Feind von außen, nachdem es wochenlang Proteste im Land gegeben hatte. Nach dem Eingeständnis gingen am Samstagabend nun erneut Menschen auf die Straße. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Bilder, die die Regierung nicht gebrauchen kann. Und vor allem Bilder, die es dem US-Präsidenten Donald Trump erlauben, sich als großer Freund des iranischen Volkes aufzuspielen. Der twitterte nämlich am Wochenende Nachrichten an die Menschen im Iran, auch auf Farsi. "An das mutige und seit langem leidende iranische Volk: Ich war auf eurer Seite seit dem Beginn meiner Präsidentschaft, und meine Regierung wird weiterhin auf eurer Seite sein", schrieb Trump. "Wir beobachten eure Proteste genau und sind von eurem Mut inspiriert."

Wie sehr sich die iranische Führung damit geschadet hat, werden womöglich die kommenden Parlamentswahlen zeigen. Die stehen nämlich bereits im Februar an.


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