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Gaza-Abzug: Israel beendet eine Ära

38 Jahre lang hielt Israel den Gaza-Streifen besetzt. Nachdem die israelische Armee die Siedlungen geräumt hatte, sind nun auch die Soldaten selbst abgezogen.

Israel beendet nach 38 Jahren die Besetzung des Gazastreifens. Nach palästinensischen Angaben war der Truppenabzug bereits in der Nacht abgeschlossen worden. Dafür gab es von israelischer Seite zunächst keine Bestätigung. Wie palästinensische Behörden mitteilten, hatten die israelischen Soldaten gegen 3.00 Uhr Ortszeit (2.00 Uhr MESZ) alle 21 früheren jüdischen Siedlungen im Gazastreifen verlassen. Palästinensische Sicherheitskräfte nahmen die Positionen ein. In mehreren ehemaligen jüdischen Siedlungen loderten kurz danach Brände, mindestens zwei Synagogen wurden angezündet. Nach israelischen Medienangaben war der Abzug der etwa 3000 Soldaten in der Nacht jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen. Um 3.30 Uhr Ortszeit (2.30) sei der Rückzug aus dem nördlichen Gazastreifen beendet worden. Die gesamte Operation sollte am frühen Morgen zu Ende gehen. Um 6.00 Uhr Ortszeit sollte das letzte Grenztor geschlossen werden.

Zehntausende Palästinenser feierten den Abzug mit lautstarkem Jubel und Autokorsos. Überall waren Freudenschüsse zu hören. In der früheren Siedlung Morag zündeten Palästinenser die Synagoge an. Riesige Flammen schossen in den Nachthimmel, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. In die Siedlung Netzarim strömten nach dem Abzug der israelischen Soldaten tausende jubelnde Palästinenser. Dort legten Palästinenser an mehreren dutzend Stellen Feuer. Auch hier wurde die Synagoge angesteckt. Vielerorts plünderten Palästinenser, was in den Siedlungen übrig geblieben war. Einige Palästinenser riefen "Allahu Achbar" (Gott ist groß), manche küssten den Boden, den sie Jahrzehnte lang nicht betreten durften. "Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens", sagte der 50-jährige Dschauad Abu Lafi, nachdem er auf dem Gelände der früheren jüdischen Siedlung Ganei Tal gebetet hatte. Eine Frau sagte: "Wir werden ein neues Leben anfangen, ohne Furcht und Besetzung." Palästinensische Sicherheitskräfte sperrten einige Teile der geräumten Siedlung ab, weil dort Minen oder Sprengstoff vermutet wurden.

"Wir gehen erhobenen Hauptes"

Mit dem Einholen der Flagge am Hauptquartier der israelischen Armee in der geräumten Siedlung Newe Dekalim beendete Israel am Sonntagabend symbolisch die Besatzung im Gazastreifen nach 38 Jahren. Zuvor hatte die israelische Regierung die Militärverwaltung im Gazastreifen aufgehoben und Grünes Licht für den endgültigen Rückzug aus dem Palästinensergebiet gegeben. "Wir gehen erhobenen Hauptes", hatte zuvor Armeechef Dan Haluz gesagt, als die letze israelische Flagge eingeholt wurde. Ganz wird die Armee den Gaza-Streifen indes nicht aus der Hand lassen: Sie behält die Kontrollen über Grenzen, Küstengewässer und Luftraum.

Eine ursprünglich geplante feierliche Übergabezeremonie scheiterte an einem Streit über die Abzugsmodalitäten. Die Palästinenser sagten ihre Teilnahme an der am Eres-Kontrollpunkt geplanten Feier kurzfristig ab, nachdem das israelische Kabinett gegen einen Abriss der Synagogen in den geräumten Siedlungen entschieden hatte. Die palästinensische Autonomiebehörde kündigte am Sonntag an, sie werde die verlassenen Synagogen zerstören, um eine Schändung der Gotteshäuser durch militante Palästinenser zu verhindern. Auch die Entscheidung Israels, den Rafah-Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und Ägypten wegen Renovierungsarbeiten sechs Monate zu schließen, sorgte für Verstimmungen. Während dieser Zeit müssen die Palästinenser über einen Umweg, der über israelisches Gebiet führt, aus dem Gazastreifen nach Ägypten ein- und ausreisen.

DPA/Reuters / DPA / Reuters
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