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Gigant China: Alt und arm statt jung und reich

China hat ein Problem mit den Alten. Wegen der Ein-Kind-Politik nimmt die Zahl der Rentner rasant zu. Eine Lösung wäre die Lockerung der strengen Regel für den Nachwuchs. Doch noch mehr Menschen verkraftet das Land nicht.

Von Jan-Philipp Sendker, Shanghai

Wei Yue Xiong spürte sofort, dass etwas mit ihrem Körper nicht stimmte. Die Übelkeit am Morgen. Die Schwindelanfälle während des Tages. Die endlose Müdigkeit. Sie hatte all das schon einmal erlebt, drei Jahre zuvor, zu Beginn ihrer ersten Schwangerschaft. Wei wusste, dass sie ein Kind erwartete, lange bevor ihr die Untersuchung beim Frauenarzt Gewissheit gab.

Über die Abtreibung musste sie mit ihrem Mann gar nicht lange diskutieren. Sie hatten bereits einen zweijährigen Sohn. Ein zweites Baby war also nach Chinas offizieller Ein-Kind-Politik ausgeschlossen. Sie lebten in Shanghai, nicht auf dem Lande, wo die Vorschriften in manchen Regionen mittlerweile flexibler gehandhabt werden. Sie gehörten auch nicht zu den Reichen und Mächtigen, die sich mit Geld oder Beziehungen über die Gesetze hinweg setzen können. Sie war eine einfache Kosmetikverkäuferin in einem einfachen Kaufhaus, ihr Mann verkaufte Obst und Gemüse in der Fuxing Lu.

Um ihr Kind kümmerte sich am Tage die Großmutter, ein zweites würde die alte Frau sowieso überfordern. Selbst als sie in der Abtreibungsklinik saß und wartete, dass sie aufgerufen wird, hatte sie keinen Zweifel, dass sie das richtige tat.

Wei ist mit der Ein-Kind-Politik aufgewachsen, weder sie noch ihr Mann haben Geschwister, und sie fand die drastische Einmischung des Staates in die Familienangelegenheiten seiner Bürger völlig in Ordnung. "Ich dachte immer, es gibt genug Chinesen. Irgendetwas musste die Regierung doch tun", sagt sie und deutet mit einem Kopfnicken auf die Straße. Es ist Samstagnachmittag und auf der Nanjing Lu in Shanghai schieben sich die Menschen. Im unteren Teil der großen Einkaufsstraße quellen die Bürgersteige über vor Passanten, sodass diese auf die Fahrbahn ausweichen müssen und der Verkehr immer wieder zum erliegen kommt.

Vielleicht muss man in China geboren und aufgewachsen sein, vielleicht muss man, wie Wei, zu Dritt auf vierzehn Quadratmetern gelebt und sich jahrelang Toilette und Bad mit einem Dutzend anderer Familien geteilt haben, um diesen Verlust an individueller Freiheit klaglos zu akzeptieren.

Dass eine Schwangerschaft von der Regierung genehmigt werden muss, ist für Westler unvorstellbar, in China war das Gesetz nach seiner Einführung Ende der siebziger Jahre zunächst wenig umstritten. Überbevölkerung ist in der Geschichte des Reichs der Mitte immer wieder ein großes Problem gewesen. Zu viele Menschen, zu wenig Reis, zu wenig Agrarland. Die Folgen waren große Hungersnöte und Auswanderungswellen. Nach Ende des Bürgerkrieges 1949 war das Bevölkerungswachstum geradezu explodiert. Bis zum Jahr 1980 hatte sich die Zahl der Chinesen auf knapp eine Milliarde fast verdoppelt. Es musste etwas passieren, sonst drohte der Volksrepublik eine Bevölkerungskatastrophe.

Proteste gab es vor allem gegen die oft brutale Umsetzung der neuen Familienpolitik. Die Behörden zwangen Frauen zu Abtreibungen oder, falls es dafür zu spät war, zur Adoptionsfreigabe, sie ließen Ehepaare nach der Geburt ihres ersten Kindes gegen deren Willen sterilisieren. Wer trotzdem ein zweites Kind bekam, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Aus den 80er und 90er Jahren gibt es viele Berichte über Bauern, denen Parteikader Tiere wegnahmen, ihre Hütten anzündeten oder sie ins Arbeitslager warfen.

Stolz verweist die Regierung heute auf die Effektivität und den Erfolg ihrer Politik. Nach offiziellen Angaben wurden schätzungsweise 350 Millionen Geburten verhindert, das Bevölkerungswachstum gebremst und die Einwohnerzahl auf rund 1,3 Milliarden stabilisiert. Gleichzeitig verursachen jedoch die gesellschaftlichen Auswirkungen der Politik mehr und mehr Probleme. In China leben jetzt über hundert Millionen Menschen ohne Geschwister. Es sind Generationen von Einzelkindern, sogenannten "kleinen Kaisern und Kaiserinnen" herangewachsen, verwöhnt von Eltern und Großeltern. Unter ihnen sind die Kaiser in der Überzahl.

Noch immer ist es in weiten Teilen des Landes besonders erstrebenswert einen Sohn zu haben: Er ist eine Art Altersvorsorge auf zwei Beinen. Es ist traditionell der Sohn, der sich später um die Eltern kümmert, während Töchter zu ihren Schwiegereltern ziehen. Als Konsequenz der Ein-Kind-Politik, werden Mädchen häufiger abgetrieben. Statistisch kommen in China auf 100 Mädchen mittlerweile 118 Jungs. In zehn Jahren wird es dreißig Millionen mehr Männer als Frauen geben.

Die große Anzahl an Junggesellen führt bereits heute zu sozialen Spannungen und Kriminalität. Vor allem in ärmeren Provinzen haben Männer auf dem Land kaum Chancen eine Partnerin zu finden. Junge Frauen fliehen vor der Armut in die Städte und versuchen ihr Glück als Fabrikarbeiterinnen oder in Karaoke Bars.

Deshalb floriert das Geschäft mit dem Handel von Frauen. Chinesische Medien berichten immer wieder von grausamen Fällen, in denen junge Mädchen gekidnappt, quer durch das Land geschleust und an Bauern verkauft wurden. Sie leben oft wie Gefangene und besitzen kaum Möglichkeiten sich zu befreien. Niemand weiß, wie viele Frauen im Jahr entführt werden, Experten schätzen die Zahl auf mehrere zehntausend.

In letzter Zeit haben auch Wei Yue Xiong und ihr Mann Zweifel bekommen, ob es wirklich richtig war, dem Gesetz so widerstandslos Folge zu leisten. "Ich frage mich, wer für uns sorgt, wenn wir alt sind", sagt Wei. Ein staatliches Rentensystem ist zwar im Aufbau, aber basierend auf den Summen die sie und ihr Mann einzahlen, wird die Rente kaum zum leben reichen. "Wenn mein Sohn einmal heiratet, werden er und seine Frau sich später um vier alte Menschen kümmern müssen. Wie sollen sie das schaffen?"

Eine berechtigte Sorge, die das ganze Land betrifft, fast die Hälfte der Bevölkerung hat überhaupt keine Altersvorsorge. In Zukunft wird in China nicht Überbevölkerung sondern Überalterung das größere Problem sein. In den kommenden sechs Jahren steigt die Zahl der Rentner auf über 200 Millionen, bis zum Jahre 2050 wächst sie weiter auf rund 430 Millionen Menschen, dann ist ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt.

Die Regierung in Peking weiß um die dramatische Entwicklung und hat vorsichtig begonnen, die strikte Ein-Kind-Politik zu lockern. Auf dem Land können Familien immer häufiger ein zweites Kind haben, vor allem, wenn das erste ein Mädchen war. Wenn zwei Einzelkinder heiraten, dürfen sie zwei Kinder haben. Aber es ist eine gefährliche Gratwanderung. Die Bevölkerung darf nicht wirklich wachsen, China muss rund 20 Prozent der Weltbevölkerung mit nur knapp sieben Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche ernähren. Deshalb fürchten Demographen, dass die aufstrebende Supermacht China alt wird, bevor sie reich geworden ist.

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