Italien Das soziale Netz ist immer noch die Familie

Der Staat kümmert sich ein wenig um die Rente, ansonsten sind die Italiener auf sich selbst gestellt. Unterstützung findet man in der Familie und bei karitativen Einrichtungen, und es wird schwarz gearbeitet.

Marco, der Friseurangestellte am Ponte Milvio in Rom, ist 70 Jahre alt und bekommt gut 320 Euro Rente. Er hat früher einfach zu wenig eingezahlt. Seine Ehefrau war Krankenschwester und kriegt nochmals knapp über 500 Euro aus der staatlichen Pensionskasse. Um mit Würde über die Runden zu kommen, zieht es Marco vor, weiterhin Haare zu schneiden. Zudem hat er gemeinsam mit seinen Brüdern in seinem Heimatdorf in den Bergen Kalabriens das elterliche Haus und ein Stück Land geerbt. Beides wird verpachtet. "Außerdem unterstützen mich meine Kinder", meint er mit sanftem Lächeln. Dennoch käme es Marco nicht in den Sinn, über seine Lage zu klagen - schließlich geht es Millionen Italienern ähnlich.

Familie, Schwarzarbeit und Wohnungseigentum

Mit der Beschreibung seiner gespannten Finanzlage hat der Friseur in Kurzform das "Sozialsystem alla italiana" skizziert: Familie, Schwarzarbeit und meist noch etwas Wohnungseigentum. Zwar warnen Experten seit Jahren, angesichts der niedrigen Geburtenrate werde das soziale Netz immer brüchiger - aber noch hält es.

Dabei lamentieren Politiker jeder Couleur seit Jahrzehnten über Reformbedarf, vor allem bei den Renten und im Gesundheitswesen. So gibt Italien 14 Prozent des jährlichen Bruttoinlands- Produkts (BIP) allein für die staatlichen Pensionskassen aus. "Da bleibt für andere Formen der sozialen Fürsorge schlichtweg nichts mehr übrig", kommentiert ein Fachmann das Dilemma.

Zaghafte Reform

So konnten Italiener bislang schon nach 35 Beitragsjahren in Rente gehen. Wer etwa mit 17 Jahren mit dem Arbeiten begonnen hat, und Beiträge zahlte, konnte also schon im Alter von 52 Jahren Pension einstreichen. Jetzt ist zwar eine zaghafte Reform im Gange - das Pensionsalter wurde für Männer auf 65 festgesetzt, für Frauen auf 60. Aber die Probleme für die öffentlichen Kassen sind damit längst nicht gelöst - die überfällige grundlegende Reform wird immer wieder stillschweigend begraben.

Gleichsam als Ersatz für die vielen Mini-Renten gibt es in Italien die so genannte "liquidazione". Scheidet ein Arbeitnehmer aus einem Betrieb aus, muss ihm der Arbeitgeber für jedes Jahr im Betrieb einen Monatslohn zahlen - auch dann etwa, wenn ein Arbeiter oder ein Angestellter aus freien Stücken kündigt. "Da kommen etwa bei 20 Jahren und mehr im Betrieb oftmals hübsche Summen zusammen", meint eine Sekretärin, die unlängst auf diese Weise rund 30.000 Euro einstecken konnte. Für den Staat ist das eine günstige Regelung: Es zahlt der Arbeitgeber. Meist senkt der allerdings schon zum Beginn einer Einstellung das Gehalt wohlweislich um den betreffenden Betrag ab.

Karitative Einrichtungen und Schwarzarbeit

Andere Formen des sozialen Netzes gibt es in Italien nicht, etwa für diejenigen, die nie ein rechtes Arbeitsverhältnis gefunden haben. "Da bleibe nur karitative Einrichtungen, in Italien ist das meist die Kirche." Ein weites Netz ist allerdings die Schwarzarbeit. Steuerfahnder des römischen Finanzministerium gingen bei einer Schätzungen vor einiger Zeit davon aus, dass die Schattenwirtschaft etwa ein Viertel des "normalen Sozialprodukts" erwirtschaftet - jenseits aller Steuern und Abgaben für die Sozialversicherung.

Angesichts einer Arbeitslosigkeit von weit über 30 Prozent in manchen südlichen Regionen sind sich Experten sicher, dass ohne diese "italienische Lösung" viele Menschen im Mezzogiorno wirtschaftlich gar nicht überleben könnten. Goldenen Boden für die Schwarzarbeit bietet vor allem das Handwerk. Zwischen 60 und 65 Prozent der Produktion läuft hier nach amtlichen Schätzungen in einigen Sektoren am Fiskus und den Sozialversicherungen vorbei. "Der Vorteil liegt immer beim Arbeitgeber", meint ein Schwarzarbeiter in Rom. Aber auch Marco, der römische Friseur, profitiert davon.

Peer Meinert

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