Italien Klinik-Skandal aufgedeckt


Krankenhaus-Skandal in Mailand: Eine Privatklinik soll jahrelang mit gefälschten Akten und überflüssigen Operationen das italienische Gesundheitssystems betrogen haben. Der Schaden geht in die Millionen.
Von Luisa Brandl

Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat den größten Klinikskandal Norditaliens aufgedeckt: Die Privatklinik Santa Rita im Zentrum der Metropole soll mit gefälschten Krankenakten und überflüssigen Operationen über Jahre hinweg das öffentliche Gesundheitssystem um 2,5 Millionen Euro betrogen haben. "Die Ärzte haben ohne Rücksicht auf die Patienten gehandelt und rein kommerzielle Interessen verfolgt," heißt es in der Anklage. 18 Ärzte und der Klinikbesitzer sind diese Woche verhaftet worden und stehen teils unter Hausarrest. Sie müssen sich wegen Mord, schwerer Körperverletzung, Betrug und Urkundenfälschung verantworten.

Unnötige Operationen

91 Patienten wurden nach Angaben der Ermittler ohne erkennbaren Grund, anders als zuvor diagnostiziert oder ganz und gar unnötig operiert. Viele von ihnen erlitten Verstümmelungen und quälen sich bis heute mit Schmerzen infolge der kriminellen Eingriffe. Fünf Patienten starben während oder nach den Operationen. In 20 Fällen wird die Todesursache der Patienten noch geprüft. Das Personal benutzte auf höhere Anweisung Utensilien aus versehentlich aufgerissenen Verpackungen. Nicht steriles Gerät wurde des Öfteren bei über 90-jährigen Patienten eingesetzt mit der Begründung, deren Lebenserwartung sei in jedem Fall gering.

Wegen Zyste ganze Brust abgenommen

Nach den Ermittlungen soll Tuberkulosekranken die Lunge entfernt worden sein. Etliche Patientinnen wurden wegen einer Zyste die ganze Brust abgenommen. Die Ärzte seien von Geldgier getrieben gewesen, heißt es. In abgehörten Gesprächen fielen Sätze wie: "Je mehr Du operierst, desto mehr zahle ich." Um eine volle Auslastung der Operationssäle zu erreichen, zahlte der Klinikbesitzer Francesco Pipitone pro OP mehrere hundert Euro Prämie, so dass willfährige Ärzte am Ende eines Monats inklusive Gehalt bis zu 28.000 Euro kassierten.

Die "chirurgische Plünderei" hatte nach Aktenlage sämtliche Stationen erfasst von der Thorax-Chirurgie über die Orthopädie, Neurochirurgie, Urologie bis zur HNO-Abteilung. Doch das Santa Rita ist womöglich kein Einzelfall. Der Regionalpäsident der Lombardei Roberto Formigoni erklärte, es liefen derzeit Untersuchungen bei zehn weiteren Kliniken.

Im ganzen Land nach Lungen gesucht

Einer der Hauptangeklagten ist der Chef der Thorax-Chirurgie, Pier Paolo Brega Massone. Der 43-jährige Chirurg, der inzwischen in Haft sitzt, protzte gegenüber Kollegen in einem abgehörten Telefongespräch, er habe die ganze Gegend um Mailand herum nach "Brüsten und Lungen abgefischt". Brega steht nun auch im Verdacht der Korruption. Im vergangenen Oktober, Monate vor dem öffentlichen Eklat in der Horror-Klinik, soll er einen Politiker der rechtskonservativen Partei Nationalallianz indirekt um Hilfe ersucht haben. Es seien Kuverts mit Bargeld durch die Sekretariate gereicht worden. Brega zielte darauf ab, den Direktor der staatlichen Krankenkasse mit Geld aufzuweichen, um ihn von der Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft abzuhalten und die hoch kochenden Ermittlungen zu stoppen.

Nach einer Hausdurchsuchung der Finanzpolizei in den Räumen des Santa Rita gab Brega seinen Mitarbeitern klare Anweisungen, wie sie Beweismaterial zu vernichten hätten. Der ihm nahe stehenden Krankenschwester Enza sagte er ins Telefon: "Lösche alles im Computer, was mit Thorax zu tun hat – und leere auch den Papierkorb des Rechners." Brega trug seinem Stellvertreter Pietro Prescicci, ebenfalls in Haft, auf, ehemalige Patienten zu kontaktieren, um die Aussagen mit ihnen abzustimmen. Zur Entlastung im Fall einer TBC-Patientin sagte Brera seinem Vize: "Du musst sie kommen lassen, sie soll einen Brief schreiben, dass sie sich im Krankenhaus wohl gefühlt hat, dass sie mit unserer Behandlung einverstanden war und dass sie über alles aufgeklärt worden ist."


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