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JAHRESTAG: »Alle sahen aus wie Zombies«

Ihr Gesicht war dunkelrot, die Lippen rollten sich nach oben, und ihr Kiefer klebte an ihrem Hals. Noch heute erinnert sich Seiko Ikeda genau an den Morgen des 6. August 1945, als sie einen riesigen Blitz am Himmel sah.

Noch heute erinnert sich Seiko Ikeda genau an den Morgen des 6. August 1945. Und sie weiß, es muss einen Grund geben, warum sie diesen Tag, den Abwurf einer amerikanischen Atombombe auf Hiroshima überlebt hat. Sie hat überlebt, um ihre Geschichte erzählen zu können - damit so etwas Schreckliches nie wieder passiert. »Das ist meine Pflicht«, sagt die 67-jährige Hausfrau. Etwa 140.000 Menschen sind vor 56 Jahren durch die Atombombe ums Leben gekommen, mindestens 60.000 starben später an den Folgen den radioaktiven Strahlung.

Seiko Ikeda war damals zwölf Jahre alt und zur Arbeit in einer Fabrik verpflichtet. Sie war gerade dabei, das leere Gebäude zu reinigen, als sie einen riesigen Blitz am Himmel sah. Kurz darauf hörte das Mädchen ein donnerndes Geräusch und wurde bewusstlos. Als sie wieder aufwachte, war ihr Haar verbrannt, ihre Kleider zerrissen, und Haut und Fleisch hingen in Fetzen von ihren nackten Armen und Beinen.

Weinend vor Schmerz und Angst schloss sie sich einer Menschenmenge an, die auf den Fluss zulief. Alle sahen aus wie Zombies, erinnert sich Ikeda. Sie musste über ein Meer von verkohlten Menschen steigen. Manche riefen nach Hilfe.

Eine Hand hielt sie am Knöchel fest, der Verletzte bat um Wasser. »Ich lief einfach weiter. Ich musste das tun«, erzählt Ikeda. »Aber die Erinnerung daran holt mich immer noch ein. Ich frage mich immer noch, was wohl mit ihnen passiert ist.

Langsam ins Leben zurück

Nach wochenlangem Leiden kehrte Ikeda allmählich ins Leben zurück. Ihr Gesicht fühlte sich merkwürdig an, aber es gab keinen Spiegel weit und breit. Eines Tages fand sie einen. »Was ich sah, war so furchtbar, dass ich meinen Augen nicht traute«, sagt sie. Ihr Gesicht war dunkelrot, die Lippen rollten sich nach oben, und ihr Kiefer klebte an ihrem Hals.

15 Operationen hat sie bis heute hinter sich, und die Narben auf der Haut sind fast verheilt. Nicht so die Narben auf der Seele. Seit fünf Jahrzehnten kämpft Ikeda für den Frieden. Ihre Botschaft für nukleare Abrüstung trägt sie unermüdlich in die Welt hinaus - auch zu den Atommächten USA, China und Indien: »Opfer gibt es nicht nur in Hiroshima und Nagasaki.«

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