Jyllands-Posten "Es ist surreal"

Die dänische Zeitung Jyllands-Posten wird mit Bomben- und Morddrohungen überzogen, weil sie Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hat. Exklusiv für stern.de schildert Sprecher Tage Clausen die Stimmung in der Redaktion.

Die Atmosphäre in unserer Redaktion ist in Ordnung, wenn auch ein wenig surreal, wie in einem Gemälde von Salvador Dalì. Wir fragen uns: Ist das tatsächlich real? Mussten wir tatsächlich zweimal das Gebäude evakuieren, weil wir über das Telefon Bombenwarnungen bekommen haben? Sind wir wirklich alle gemeinsam in die nahe gelegene Kirche gegangen, weil ein paar Muslime sich über uns aufgeregt haben?

Wir haben nichts zu tun mit der Kirche. Wir sind bloß dort hingegangen, weil sie nah ist, und es praktisch war, dort während der Evakuierung unterzukommen. Eigentlich fürchten wir uns nicht vor Anschlägen.

Unsere Cartoonisten, von denen nur drei bei uns in der Redaktion arbeiten - die anderen sind Freie - sitzen in ihrem Büro, stehen aber unter Polizeischutz. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden drastisch erhöht. Unsere Eingänge sind alle bewacht. Polizeipatrouillen kontrollieren ständig das Gebäude. Es gibt zwar keine Metalldetektoren, aber jeder, der das Gebäude betritt, wird durchsucht.

Ob es in der Kantine vergiftetes Essen gibt? Ooops, da muss ich gleich mal den Koch warnen. Ansonsten arbeiten wir normal weiter. Wir haben heute sechs Seiten Berichte und vier Seiten Kommentare über das Thema veröffentlicht. Die Reaktionen von anderen Medien sind langsam ins Positive umgeschlagen. Erst dachten alle, die Karikaturen waren eine doofe Idee. Aber heute unterstützen alle unsere Meinungs- und Pressefreiheit. Schließlich geht es nicht darum, wie man die Cartoons findet, es geht ums Prinzip.

Der Einfluss, den die Veröffentlichungen auf die dänische Wirtschaft hat, ist sehr ärgerlich, aber dafür fühlen wir uns nicht verantwortlich. Wenn man sich mit "bloody" Diktatoren einlässt, muss man sich bewusst sein über das mögliche Risiko.

Aufgezeichnet von Kathrin Buchner

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