Kingfisher-Chef Mallya König Midas von Indien


Indien ist eine der aufstrebenden neuen Großmächte. In einer siebenteiligen Serie hat stern.de den faszinierenden Subkontinent porträtiert. Vijay Mallya ist der Star unter Indiens neuen Superreichen. Er hat ein Faible für Details und vergoldet alles, was er in die Hand nimmt. Fast alles.
Von Teja Fiedler, Mumbai

Die ergrauten Haare sind im Genick etwas zu lang. Die Ringe an den Fingern beider Hände sind etwas zu groß und hochkarätig. Und aus dem Alter, in den Ohrläppchen kleine Glitzersteinchen zu tragen, ist er irgendwie hinaus. Doch Übertreibungen haben Vijay Mallya noch nie gestört. Sie sind sein Markenzeichen. Ob sich der Milliardär mit der Sandpapierstimme nun selbst zum "King of Good Times", König schöner Zeiten, stilisiert, ob er etwas mehr als zwanzig Luxusanwesen in allen Ecken dieser Welt sporadisch bewohnt oder eines seiner 260 Luxus-Autos hin und wieder eigenhändig chauffiert; oder ob er sich auf seinem Bötchen "Kaiserin von Indien" aufhält, das immerhin fast hundert Meter misst und vor drei Jahren die Mini-Jolle "Prinzessin von Indien" ablöste, die nur etwa halb so lang war, (dafür aber als Vorbesitzer Elizabeth Taylor und Richard Burton hatte) - der Dr. Mallya hat es halt nun Mal gerne eine Nummer größer.

Bei so viel Glamour stört es kaum, dass die Herkunft seines Doktortitels - ehrenhalber - höchst unklar ist. Zwei nicht sonderlich prominente Universitäten in den USA, von denen zumindest eine gar keine Ehrendoktorwürden verleiht und die andere ein Fernstudiuminstitut war, wurden in der Vergangenheit abwechselnd für die Vergabe des Doktorats im offiziellen Curriculum des Vijay Mallya bemüht. Und es ist nicht viel mehr als ein kleiner Fleck auf seiner schimmernd weißen Weste, dass er 1986 wegen eines Devisenvergehens kurz verhaftet, aber nie verurteilt wurde. Irgendwie verlief das Verfahren im Sande und im heutigen Indien des Turbokapitalismus ist Devisenschmuggel als Strafbestand sowieso abgeschafft.

Widerwilliger Respekt vom Geldadel

"Flamboyant", in etwa mit 'grell, überladen' zu übersetzen, ist das Attribut, das den 52-Jährigen mit dem stattlichen Bauchansatz auf Schritt und Tritt begleitet. Doch wenn anfangs Indiens alter Geldadel vom Zuschnitt der Tatas oder Birlas den Erben der damals mittelgroßen Brauerei Kingfisher' naserümpfend belächelte, zollt er ihm heute, wenn auch leicht widerwillig, Respekt. Denn Vijay Mallya hat sich in den 25 Jahren, die er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters das Unternehmen führt, als erfolgreicher und gerissener Geschäftsmann erwiesen.

Kingfisher Bier ist heute auf dem Subkontinent allgegenwärtig, gezielte Einkäufe von Spirituosen-Herstellern rund um den Globus machten Mallyas "United Breweries"-Konzern zum drittgrößten Getränkeproduzenten weltweit. Dabei weiß 'Dr. Mallya', wie ihn seine Mitarbeiter zu nennen haben, jedoch ziemlich gut, wann er auch mal zurückstecken muss. Als er etwa erfuhr, dass Pepsi und Coca Cola sich auf dem indischen Markt etablieren würden, stieß er schnell die vom Vater geerbte Softdrink-Produktion ab. Gegen die größten Limonadehersteller der Welt sah er keine Chance.

Mit eigener Airline auf dem Sprung

Doch gemeinhin geht der ehemalige Hobby-Autosportler in die Offensive. 2005 startete er die 'Kingfisher Airlines' und nun prangt der Wappenvogel Kingfisher, der deutsche Eisvogel - genau so knall bunt wie der Gründer selbst - in ganz Indien nicht mehr nur auf Bierflaschen. Innerhalb von drei Jahren schaffte es 'Kingfisher Airlines', sich als Indiens edelste und doch erschwingliche Fluglinie zu etablieren. Wer bei Kingfisher einsteigt, sitzt in einem neuen Flugzeug, erhält auch auf Inlandsflügen ordentliche Mahlzeiten, hat in der Economy-Klasse sein eigenes Video- und Audio-Programm und wird auf jedem Flug vom Chef persönlich per Video-Botschaft begrüßt. Als "willkommener Gast" (Mallya hat dem Personal verboten, je von "Passagieren" zu sprechen) und betreut von einer Kabinencrew, die "ich selbst handverlesen habe".

Tatsächlich nimmt sich Mallya die Zeit, alle seine Stewardessen höchstpersönlich auszuwählen. Er hat den schönen Satz geprägt: "Mädchen, die bei uns nicht landen, werden Models." Gerüchten, er würde die Aspirantinnen zu intensiv prüfen, weist der zum zweiten Mal verheiratete Milliardär zurück: "Wenn man mit jemanden zusammengeht, dann hat man dabei zu bleiben. Ist erst einmal das Vertrauen weg, dann wird es schwierig." Eins darf Mallya zu seinem Leidwesen nicht: sein Bier und seine Hochprozenter an Bord ausschenken. Auf indischen Inlandflügen ist Alkohol verboten. Doch seit er den Billigfieger 'Deccan Air' erworben hat, ist das Kingfisher-Luftfahrtunternehmen drauf und dran, auch internationale Routen zu bedienen. Für 2010 hat Mallya neben anderem Fluggerät schon vorsorglich fünf Airbus 380 bestellt. Und die große Bollywood-Hoffnung Deepika Padukone, schön und kurvig, als offizielle Kingfisher Botschafterin angeheuert.

Protz als Geschäftsmodell

Gern sieht sich der Mann, der natürlich privat nur im Privatjet fliegt, am liebsten in einem umgebauten Airbus 320, als modernen König Midas: Was ich anfasse, wird zu Gold. Gern sieht er sich auch als indisches Gegenstück zu Richard Branson, dem Besitzer von Virgin Air und begeisterten Ballonfahrer, auch wenn er nicht dessen rustikalen Charme besitzt. Zu Hause in Sausalito/Kalifornien - dort lebt seine Frau mit den beiden Kindern und dort hält sich der rastlose Vijay auch am häufigsten auf, wenn er nicht durch Indien tourt - sind die Wände seines Wohnpalasts angeblich voll gepflastert mit echten Renoirs, Chagalls und so weiter und ein goldener Steinway-Flügel trägt neben einem zum Waschbecken umgebauten antiken Brunnen zur Gemütlichkeit bei.

Vielleicht ist dies alles ein Zeichen für mangelnden Geschmack, vielleicht aber auch schlaue Kalkulation. "Ich verkörpere das neue, das junge Indien, das Land der tausend Möglichkeiten." Die Rechnung scheint aufzugehen. Was in Old Europe und vielleicht sogar in den USA als zu protzig angesehen würde, ist für die aufstrebende Mittelklasse der gelebte 'Indian Dream', den sie auch gerne für sich verwirklichen würden: Seht her, ich habe es geschafft und habe keine Hemmungen, das zu zeigen!

Vollmundiges Scheitern

Drei blinde Flecken auf seiner glänzenden Erfolgsschiene aber müssen den abergläubischen Mallya, der in den Stunden keine Geschäfte abschließt, die laut dem Hindu-Horoskop ungünstig sind, denn doch grämen. Seine Ambitionen als Politiker floppten. Zwar wurde er im Jahr 2002 als Abgeordneter in Indiens Zweite Kammer gewählt, doch die von ihm gegründete Partei führt seither ein Schattendasein.

Sein Einstieg in die Formel Eins ist bisher keine Erfolgs-Story. Sein Team 'Force India' fährt meist hinterher, auch wenn das PR-Talent Mallya mit dem Slogan "Die Stärke von eine Milliarde Inder" emotional geschickt seine Landsleute einbindet. Und sein jüngster Ausflug in die Sportwelt geriet zum kompletten Desaster. Das von ihm teuer zusammengekaufte Cricket-Team 'Bangalore Royal Challengers' belegte in diesem Frühjahr den letzten Platz. Und dabei hatte König Midas vor Saisonbeginn wie gewohnt getönt: "Ich habe Spitzengeld bezahlt, die besten Leute eingekauft. Warum sollten wir nicht ganz vorne dabei sein?"

Liebe Leser, die Serie "Planet Indien" ist im September dieses Jahres erschienen - also vor den Terroranschlägen in Mumbai. Wir haben uns entschieden, die Texte nicht entsprechend zu aktualisieren, d. Red.


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