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Kommentar: Der gekreuzigte Plastikpanther

Die Redaktion der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" wird, weil sie Karikaturen über den Propheten Mohammed veröffentlicht hat, von Muslimen mit Morddrohungen überschüttet. Das ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit - den sich niemand gefallen lassen muss.

Von Lutz Kinkel

Teenagern ist oft unglaublich langweilig. Die Pickel wachsen, die Haare auch, und zu tun gibt es wenig. Mein Freund Gerd, der in einem sehr liberalen Haushalt aufwuchs (Vater: Naturwissenschaftler, Mutter: Kunstlehrerin), fertigte in den endlosen Nachmittagsstunden gerne kleine Skulpturen. Für sein künstlerisches Statement zum Thema Religion nahm er eine Gummifigur des rosaroten Panthers und nagelte sie an ein Holzkreuz. Dieses Kreuz hängte er kopfüber an die Wand. Als ich die Installation sah, war ich stocksauer und verließ umgehend das Haus - ich hatte gerade meine Konfirmation hinter mir. Es dauerte noch ein Weilchen, bis wir gemeinsam über Monthy Pythons "Life of Brian" lachen konnten.

Und Karikaturen über Mohammed?

Darf man sie veröffentlichen, wie es die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" und einige andere europäische Blätter getan haben? Aus westlicher Perspektive gibt es dazu keine zwei Meinungen. Die westlichen Nationen sind säkulär, Religion und Staat getrennt, Gott ist zum satirischen Abschuss freigegeben. Das gefällt nicht jedem, aber wenn die Gerichte mit Streitfällen befasst sind, urteilen sie meist zugunsten von Meinungs- und Pressefreiheit. Die Bevölkerung ist damit einverstanden: Selbst auf die kleine stern.de-Umfrage "Hat man das Recht, Gott zu karikieren?" antwortete die große Mehrheit mit einem schlichten "Ja".

Diese Liberalität hat Konsequenzen. In den westlichen Gesellschaften ist (fast) nichts mehr heilig. Der mächtigste Mann der Welt, George W. Bush, muss es sich gefallen lassen, wenn seine verunglückten Aussprüche genüsslich in der Presse zitiert werden ("Erdgas ist hemisphärisch - Ich nenne es gerne hemisphärisch von Natur aus, weil es ein Produkt ist, was wir in unserer Nachbarschaft finden."). Der Papst hatte es auf dem Kölner Weltjugendtag mit einem "Gegenpapst" zu tun, der sich künstliche Brüste umschnallte und groteske Gedichte zitierte. Deutschlands Fußballer müssen damit klar kommen, von der britischen Presse in schöner Regelmäßigkeit als Nazis verunglimpft zu werden. Altkanzler Helmut Kohl fand sich nach dem Tod seiner Frau als "Single des Jahres" auf dem Cover der "Titanic" wieder, jeder Christopher Street Day ist ein öffentlichkeitswirksamer Abtanz auf die bürgerliche Familie. Kurzum: Konservative, die in westlichen Gesellschaften meinen, ihre Werte und Autoritäten seien sakrosankt, haben schon im Ansatz verloren. Sakrosankt ist die Meinungsfreiheit, der Pluralismus.

Das verlangt dem Einzelnen einige Strapazen ab.

Nämlich Rosa Luxemburgs Satz "Freiheit ist immer auch die Freiheit des anderen" täglich leben zu müssen. Diese Strapazen zeitigen indes auch einen Gewinn - sie schützen vor totalitären Versuchungen und erziehen zum gewaltfreien Wettbewerb der Argumente. Darauf sind Demokraten zu Recht stolz, und diesen Zustand gilt es zu verteidigen. Radikale Muslime, die derzeit die Redaktion von "Jyllands-Posten" mit Bomben- und Morddrohungen überziehen, machen im Prinzip denselben Fehler wie Stockkonservative im Westen - sie meinen, ihr Empfinden anderen aufzwingen zu können. Damit aber verkürzen sie nur den Abstand zwischen Realität und Karikatur: In der dänischen Zeitung wurde das Klischee des düsteren Taliban-Bombers gemalt. Wir müssen es schon aushalten, mit- und nebeneinander zu leben, auch wenn wir nicht dieselben Kulturen teilen.

"Jyllands-Posten" hat die Karikaturen übrigens nicht an die Moschee genagelt. Und der gekreuzigte Panther wäre nur dann eine böse Provokation gewesen, wenn Gerd ihn in der Kirche aufgehängt hätte. Aber das hat er nie getan.

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