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Last Call: Der Hoden-fressende Killerfisch und andere Gefahren

Die britische Presse ist für Michael Streck oft schwer zu ertragen, zu gruselig sind die Meldungen, die ihm in manchen Blättern begegnen. Und jetzt kommt auch noch der hodenfressende Killerfisch in britische Gewässer!

Manchmal neige ich zur Hypochondrie. Nicht immer, aber doch manchmal. Schon deswegen ist Zeitunglesen in England für mich nicht immer das pure Vergnügen. Fast jeden Tag entdecke ich Krankheiten, von deren Existenz ich nicht mal ahnte. Viele dieser Unpässlichkeiten oder Gefahren treffen glücklicherweise nur auf Frauen zu, sonst wäre es noch schlimmer mit meiner Hypochondrie. Etwa, dass es ungesund sein soll, während der Schwangerschaft Grashüpfer zu essen. Glauben jedenfalls werdende Mütter aus Uganda; ihr Nachwuchs, so geht die Mär, könne andernfalls den Insekten ähneln. Aus dem selben Grund verzichten moldawische Schwangere auf den Verzehr von Fischköpfen; ihre Kinder könnten später sonst aussehen wie der SPD-Politiker Günter Verheugen.

Diese und ähnliche Meldungen erscheinen vornehmlich in der auf Gebrechen spezialisierten „Daily Mail“, einer auch jenseits davon ziemlich unappetitlichen Zeitung. Dieser Publikation war auch zu entnehmen, dass Frauen über 50 unsichtbar seien. Mit 49 geht es gerade noch so eben, mit 51 aber verschwinden sie offenbar subito vom Radar der Männerwelt.

Jene Männerwelt lebt allerdings auch gefährlich, was zur Zeit und mittelbar auch mit Fischköpfen zusammenhängt. Vor ein paar Wochen berichtete die Zeitung „Daily Star“ darüber, dass die globale Erderwärmung zu einem sehr unangenehmen Nebeneffekt abseits von schmelzenden Gletschern und Polkappen geführt hat. Ein „testicle eating killerfish“, ein Hodenfressender Killerfisch sei auf dem Weg in britische Gewässer.

Das Tier firmiert in Fachkreisen unter dem Kampfnamen „Nutcracker“, Nussknacker, und hat an der brasilianischen Küste bereits zwei Männer angegriffen, in dem es mit seinen rasiermesserscharfen Zähnen deren – nun ja – Nüsse knackte. Der Pacu, so heißt er richtig, ist ein Verwandter des Piranha, im Gegensatz zum bekannteren Vetter aber offenbar kein Allesfresser, sondern ein auf die männlichen Keimdrüsen fokussierter Feinschmecker. So stand das da. Es kann allerdings auch sein, dass der Fisch aus Südamerika nur gerne Nüsse isst und zwar richtige. Das ist sogar wahrscheinlicher, klingt aber nicht so verwegen und gefährlich. Ein vegetarischer Pacu würde es vermutlich nie in die Zeitung schaffen. Da muss man die Kollegen schon verstehen. Der Pacu wurde dem Vernehmen nach bereits in Dänemark und Frankreich gesichtet, und von Frankreich ist es nicht weit nach England, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, dass ganze Galaxien zwischen Insel und Kontinent liegen.

Diese Dinge finde ich hier fast täglich in den Zeitungen. Meistens sind es keine erbaulichen Geschichten. Der an sich seriösen „Times“ war neulich zu entnehmen, dass iPad-Lesen im Bett das Diabetes-Risiko erhöhe. Und zwar schlicht deshalb, weil man im Bett bitteschön schlafen soll. Allerdings nicht zu viel, weil zu viel Schlaf auch nicht nützlich ist und – im Gegenteil – bis zu fünf Lebensjahre kostet und krank macht. Es sei denn, noch mal Bett, man leidet unter einer Unpässlichkeit des Namens „Restless Genital Syndrome“, die erstaunlicherweise nur Frauen befällt und bei denen „spontane und ungewollte Orgasmen“ hervorruft und zwar gänzlich ohne männliche oder weibliche Mithilfe. Die unfreiwillige Aneinanderreihung von Höhepunkten soll nach Diagnose eines niederländischen Forschers für die Patientin alles andere als freudvoll sein. Man kann sich schließlich auch an Lachs und Kaviar überfressen.

Fingerbruch beim Büstenhalter-Fummeln

Eine im weitesten Sinne Bett-generierte Krankheit, der „Brassiere-Finger“, sucht wiederum bevorzugt junge Männer heim. Es handelt sich dabei um Verstauchungen oder sogar Frakturen der Hand bzw. der Finger, die durch unsachgemäßes Öffnen von Büstenhaltern entstehen. Chirurgen des St. George’s Krankenhaus in London berichten von Fällen übereifriger Kerle, deren Daumen (!) irgendwie zwischen Gummizug und Schulterblatt der zur Entkleidenden geriet und Gelenk und Bänder beschädigte. Danach: OP.

In den Schlafzimmerbereich fällt geschlechterübergreifend auch ein Syndrom, dass Mediziner neuerdings als „Sheet-Fitting-Palsy“ bezeichnen. Darunter leiden oft Menschen, die von Berufs wegen Betten beziehen und vom vielen Laken-Falten Blutklumpen kriegen.

Ganz Großbritannien ist im Übrigen flächendeckend von „Urban Hypothermie“ betroffen, einer Kalamität, die sich darin äußert, dass hiesige Menschen selbst bei Minustemperaturen T-Shirts (Männer) und Miniröcke (Frauen) tragen und nach durchzechten Wochenenden montags schwerst verrotzt und fiebrig die Arztpraxen fluten. Das halbe Land, mindestens, liegt regelmäßig auf der Pritsche.

Manchmal allerdings liest man auch über vergleichsweise angenehme Krankheiten. Ich würde mir beispielsweise wünschen, irgendwann mal „Xenoglossy“ zu bekommen; das ist die Fähigkeit, von jetzt auf gleich, eine fremde Sprache zu beherrschen. Überliefert ist der Fall der kleinen Rosemary aus Blackpool, die 1931 über Nacht plötzlich einen alt-ägyptischen Dialekt fließend beherrschte. Blöderweise können sich „Xenoglossy“-Patienten die Sprache selbst nicht aussuchen. Mit Alt-Ägyptisch konnte die kleine Rosemary am Ende doch nicht viel anfangen, weil alle Alt-Ägypter inzwischen ausgestorben sind und es außer ihr sonst kein Mensch mehr sprach.

Japaner leiden oft unter dem Paris-Syndrom

Sinnvoll wären heutzutage eher Chinesisch oder Japanisch. Oder für Chinesen und Japaner umgekehrt Französisch oder Englisch. Asiatische Touristen, vornehmlich Japaner, erkranken beim Besuch europäischer Metropolen nämlich verblüffend oft am sogenannten „Paris-Syndrome“, das sich inzwischen aber auch bis in die britische Hauptstadt ausgebreitet hat und dort natürlich „London-Syndrome“ heißt. Darunter versteht man eine kurzzeitige psychische Störung, weil Erwartungshaltung vor Besuch und Realität bei Besuch irgendwie auseinanderklaffen. Vielleicht dachten sie, dass Paris und London ungefähr so sind wie Tokio und waren dann ganz überrascht, dass dort verhältnismäßig wenig Menschen japanisch sprechen. Außer Japanern. Insbesondere japanische Frauen leiden in Paris und London unter Wahnzuständen, Schwindelgefühlen oder Verfolgungswahn, schlimmstenfalls in Kombination mit „Restless Genital Syndrome“, und müssen möglichst wieder schnell zurück nach Japan. Die Botschaften in Paris und London haben sogar Hotlines eingerichtet.

Fast jeden Tag kann man so was hier lesen. Es muss ein gefährliches Land sein. Wir waren gerade in Schottland, als mich die Nachricht vom schwimmenden Hodenfresser erreichte. Ich ging dann nicht ins Meer. Ich hatte einfach nicht die Eier.

Es war schlicht zu kalt.