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Last Call: Der kleine Lord, die käuflichen Damen und das Kokain

Eigentlich ist es ja die Sache von Lord Sewel, wenn er mit Prostituierten kokst - aber auch wieder nicht: Denn der Baron, der genau dabei gefilmt wurde, ist im britischen Oberhaus für Anstand und Benehmen zuständig. Oder besser: war.

Das Konzept der Schadenfreude wird fälschlicherweise fast ausschließlich den Deutschen zugeschrieben. Vermutlich deshalb, weil es im Deutschen dafür ein Wort gibt, im Englischen aber nicht, und sich die Briten das Wörtchen einfach borgen. Sie borgen sich auch Zeitgeist und Kindergarten und Realpolitik und Mertesacker. Am häufigsten borgen sie sich aber Schadenfreude.

Zur Zeit taucht die Vokabel wieder verhältnismäßig oft auf in den englischen Medien. Das hat ursächlich mit John Buttifant Sewel, Baron of Gilcomstoun, zu tun, einem 69 Jahre alten Lord. Gestern eröffnete die BBC ihre Radionachrichten mit einem wundervollen Satz, der, sorry, seine ganze Schönheit nur auf Englisch zum Klingen bringt: „Lord Sewel, who was in charge of how Lords should behave, misbehaved“. Lord Sewel, der darüber wachte, wie sich Lords im Oberhaus zu verhalten haben, benahm sich daneben.

Das war die putzigste Untertreibung seit langem, und beim Sprecher schwang, leicht nasal, ein Hauch von Schadenfreude mit. Lord Sewel war von zwei Damen des Gewerbes dabei gefilmt worden, wie er mit ihnen Kokain schnupft und dabei im Brausekopf eine Art politische Generalabrechnung vornimmt. Er zahlte den Frauen jeweils 200 Pfund, zog mit einer zusammengerollten Fünf-Pfunde-Note drei Linien, eine davon lag auf den Brüsten einer Dame. Später trug John Buttifant den hellroten BH einer Anwesenden und dann wohl auch gar nichts mehr. Der „Telegraph“ schrieb, der Lord habe sich in einem „state of undress“ befunden, ergo: nackig. Es sind keine besonders schönen Bilder. Das liegt wohl daran, dass der Lord keine besonders aparte Erscheinung ist. Während der Orgie in seinem Appartement in London, drehte er ein Foto seiner Frau um, so viel Anstand hatte er. Man kann ihn auch durch die Wohnung rufen hören „Happy days are here again“.

Titelseite der Sun mit John Buttifant und BH

Mit den happy days ist Schluss. Scotland Yard ermittelt jetzt mal, seine umgedrehte Frau ließ mitteilen, dass ihr Mann vorerst nicht im gemeinsamen Heim in Schottland erwartet werde. Und seine politischen Ämter legte John Buttifant Sewel auch nieder.

"Das Verhalten einiger weniger schadet unserem Ruf"

Nun kann der Lord in seiner Freizeit eigentlich tun und lassen, was er will. Er kann BHs tragen oder auch nichts und mit Prostituierten Schampus trinken. Und Koks? Nun, das machen in London ziemlich viele Menschen und offenkundig mehr als sonstwo. Das Abwasser der Hauptstadt hat die höchste Kokain-Konzentration in ganz Europa. Sewel würde unter den ganzen Bankern und Werbern gar nicht weiter auffallen mit seinen Linien. Das Problem ist aber, dass er den Damen frank und frei erzählte, dass er in dieser kleinen Dienstwohnung schon 13 andere Frauen beschlief, dass er Asiatinnen für Huren hält und viele seiner Lord-Kollegen für Diebe und Gauner. Dass sie, auch er, öffentliche Gelder veruntreuen. „Ich muss nur auftauchen, und kriege schon 200 Pfund am Tag.“ Das stimmt nicht mal. Er kriegt sogar 300. Zur politischen Vertrauensbildung tragen die in der „Sun“ veröffentlichten Fotos und Videos nicht eben bei.

Das Problem ist darüber hinaus, dass der Baron gerade den Verhaltenskodex, den „Code of Conduct“, für alle Lords überarbeitet hat und erst vor ein paar Tagen zum Beispiel schrieb: „Das Verhalten einiger weniger schadet unserem Ruf. Skandale machen gute Schlagzeilen.“ Alle Lords sollten darauf achten, die persönliche Ehre hochzuhalten. Er schrieb gewissermaßen die Blaupause für seine eigene Kündigung. Ist aber auch eine vertrackte Nummer mit den Verhaltensregeln.

Viele Unternehmen haben einen „Code of Conduct“, nicht nur die Lords. Auch bei uns gibt es einen und jedes Jahr einen Zeichentrickfilm zur Schulung. Darin sieht man Menschen, die sich irgendwie fehlverhalten, allerdings kein Kokain und auch keine Prostituierten. Das Filmchen ist offenkundig für Leute gemacht, die sich gerade von einer Lobotomie erholen. Ein Sprecher fragt aus dem Off Sachen wie: „Was macht Detlef hier falsch? Und sollte sich Vivienne nun an eine Person ihres Vertrauens wenden?“ Besser ist es wohl. Alle sollen das gucken. Es gucken auch die meisten, und dennoch gibt es auch bei uns tatsächlich noch Menschen, die aus dem Zeichentrickfilm aber auch so was von gar nichts lernen und sich wenig geistreich verhalten und sogar gespenstisch dumme Sachen machen. Theorie und Praxis eben. Vielleicht, wer weiß?, würden aber ohne den Zeichentrickfilm noch mehr Mitarbeiter bei uns gespenstisch dumme Sachen machen.

Warum fällt immer derselbe Schlag Mensch auf?

Beim Drug Lord Sewel verhält sich die Sache allerdings noch etwas anders. Er war der Lord-Siegelbewahrer des Anstands und zugleich Fuchs im Hühnerstall. John Buttifant, früher ein Labour-Minister für Schottland und von seinem Freund Tony Blair ins Oberhaus befördert, ist nunmehr ein ehemaliger Lord und bald ehemaliger Ehemann. Und es ist irgendwie erstaunlich oder vielleicht eben doch nicht, dass immer derselbe Schlag Mensch verhaltensauffällig wird. Es sind mit erschütternder Regelmäßigkeit oft jene, die hehre Ideale predigen, damit allen entsetzlich auf die Nerven gehen, und dann selbst die hehren Ideale einreißen. Deshalb: Schadenfreude.

Der Hamburger Richter Roland Barnabas Schill zum Beispiel brachte es im Amt erst zu peinlicher und später auch zu viraler Berühmtheit mit seinem Tellerchen voll Koks in Rio.

Und während wir in den USA lebten, wurden in grotesker Häufung vor allem republikanische Abgeordnete oder christliche Hardliner beim Füßeln in Männertoiletten erwischt, die aber öffentlich und mit heiligem Zorn gegen Schwule wetterten.

Der landesweit bekannte Prediger Ted Haggard, Vorsteher der Mega-Kirche „New Life Church“ in Colorado, musste vor ein paar Jahren genau wie jetzt der Lord von seinen Ämtern zurücktreten. Reverend Haggard war ein Gottesmann der alten Schule – er geiferte gegen Abtreibung, aber meistens wütete er gegen Schwule, „Sünde, Sünde, Sünde“. Ich hatte mehrmals versucht, ihn für ein Gespräch zu gewinnen, war aber im Vorzimmer stets an seiner Tochter gescheitert, die mir freundlich bedeutete, ihr Vater sei „busy, busy, busy“. Was wohl stimmte. Der Reverend war nämlich verpfiffen worden von einem Call-Boy, mit dem er – teile und gebe – Koks schnupfte und, Sünde, Sünde, Sünde, Sex hatte. Zwischen Gott und bigott liegen zuweilen nicht mal zwei Buchstaben. Andererseits: Ted Haggard hatte auch keinen Code of Conduct als Leitlinie zur Hand. Sondern nur die zehn Gebote. Und von Koks und Call-Boys steht in der Bibel ja nichts.