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Last Call: London, stinkreich. Aber nicht sexy

Für 1000 Euro bekommt man in London gerade mal ein Zimmer zur Untermiete, Klo und Kochnische auf dem Gang. Da sich junge Leute oft keine eigenen Wohnungen mehr leisten können, ziehen sie zurück zu den Eltern. So auch die Tochter von Michael Streck.

Vor ein paar Tagen fuhr ich im Zug zurück nach London, und nicht weit entfernt saß mein Bürgermeister Boris Johnson. Er redete ununterbrochen auf einen Geschäftsmann ein. Nach zwei Stunden Zugfahrt stieg er aus, und sofort bildete sich um ihn die übliche Selfie-Traube. Johnson ist ein sehr charismatischer und flamboyanter Mann, intelligent und schnell und für einen Politiker ungewöhnlich witzig.

Ich kann ihn nicht ausstehen.

In seinen bislang sieben Jahren als Bürgermeister wuchs die Hauptstadt um 300 000 Menschen. Sie richtete sehr erfolgreiche Olympische Spiele aus, Bäume wurden gepflanzt, Radwege entstanden, Hybrid-Busse fahren nun. Und London wurde immer reicher. Das ist das Problem.

London wurde so reich, dass in dieser Stadt zunehmend nur noch Platz für Reiche ist. Und das macht die Stadt nicht unbedingt sexy. Zwei Begriffe wehen seit Monaten durch die Stadt: „Generation Boomerang“ oder auch Generation „Clipped Wing“.

Die Durchschnittsmiete liegt bei 2100 Euro

Beides meint ursächlich dasselbe. Leute, die sich mit Mitte 30, Mitte 40 und selbst Mitte 50 keine eigene Wohnung leisten können, sich deshalb eine Bude teilen oder gleich wieder bei ihren Eltern einziehen. Wir reden nicht mal von Studenten. Wir reden von gestandenen, erwachsenen Menschen. Die Zahl der „Flatsharers“ im Alter zwischen 45 und 54 stieg in fünf Jahren um mehr als 300 Prozent. Man muss wissen: Die Durchschnittsmiete in London liegt bei 1560 Pfund, gut 2100 Euro, 72 Prozent vom Lohn eines Londoners gehen für die Miete drauf. Ein Zimmer zur Untermiete kostet in dieser Stadt 692 Pfund, fast 1000 Euro. Ein Zimmer. 10 Quadratmeter. Klo auf dem Flur. Kochnische in einer Kochnischen-Küche. Für 1000 Euro bekommt man in Berlin drei Zimmer in einer schönen Gegend und mit Klo.

Das erklärt „Generation Boomerang“. Sie ziehen erst aus bei den Eltern und kehren nach einer langen Flugkurve wie ein Bumerang zurück. Oder sie merken nach kurzer Zeit, dass sie angesichts der wahnsinnigen Preise gar nicht flügge werden können wie Kinder das eigentlich sollten; „clipped wing“ bedeutet gestutzte Flügel. London ist die Hauptstadt der gestutzten Flügel und der Bumerang-Eltern.

Ein Zimmer unter der Treppe – wie bei Harry Potter

Neulich suchte eine junge Frau namens Alex Lomax ein Zimmer. Sie fand auch eines in Clapham, südlich der Themse, und sie dachte sie sei im Film. Im Harry-Potter-Film. Der Vermieter zeigte ihr eine Schräge unter einer Treppe. In so was wurde Jung-Harry von seiner schrecklichen Verwandtschaft gesteckt, den Dursleys. Aber es gibt offenbar ziemlich viele echte Dursleys. Die Studentin blickte auf eine Matratze und ein paar Plastiktüten. Beleuchtet war das Wohn-Ensemble von einer nackten Glühbirne.

Der Vermieter wollte 500 Pfund im Monat, 675 Euro. Lomas fragte ihn, ob das ein Witz sein sollte, und das konnte der Vermieter gar nicht verstehen. Man macht keine Witze über Wohnungen und Zimmer in London. Selbst wenn es nicht mal Zimmer sind und nicht mal Besenkammern. Dann ging er in die Küche, kochte einen Tee, und Lomas machte Fotos, twitterte die und schrieb darunter „F you London!“. Das große F steht natürlich für das, was Sie vermuten.

Auch wir sind jetzt Bumerang-Eltern

Wir sind seit kurzem auch wieder Bumerang-Eltern. Die Tochter studierte erst in Glasgow und wohnt nun bei uns, weil sie in London weiterstudiert. Natürlich wollte sie nach vier Jahren nicht unbedingt wieder zu ihren Eltern, cool ist das nicht. Auch ich hätte es gehasst früher. Wir sprachen deshalb erst mal eine Bekannte im Pub an, Carole hatte immer wieder erzählt, dass sie günstig vermiete und gerne an Studenten. Das klang gut. Carole verlangte 730 Pfund. Das klang weniger gut. Allerdings war das Zimmer etwas größer als die Schräge unter der Treppe. Insofern: Schnäppchen. Alles unter 750 Pfund geht in London als Schnäppchen durch. Wirklich alles. Die Tochter gab die Wohnungssuche schnell auf. Es war hoffnungslos. Sie lebt jetzt bei uns unterm Dach, es ist ein bisschen schräg dort. Aber sie hat ein eigenes Klo. Was blieb ihr übrig? Und uns?

Boris Johnsons Vermächtnis: die Baukräne über der City

Das hätte ich Boris Johnson sehr gerne erzählt, als ich ihn im Zug so sitzen sah und er schnatterte und schnatterte. Neulich hielt er eine Rede, von der es später hieß, sie sei eine seiner besten „ever“ gewesen. Er sprach davon, dass die Lebenserwartung in London während seiner Jahre als Bürgermeister gestiegen sei und dass in den nächsten Jahren 200 000 neue Wohnungen und Häuser gebaut würden. Das ist grundsätzlich schön. Johnsons Vermächtnis an die Stadt sind jetzt schon die Baukräne, die die Skyline prägen. 236 Hochhäuser entstehen, darunter ist auch ein bisschen Wohnraum. Im Osten wurden gerade Appartements verkauft. Dort eröffnet in vier Jahren (!) der „Maine Tower“.

Eine Garage in Chelsea für eine halbe Million Pfund

Viele junge Leute standen Schlange, obwohl es noch gar nichts zu besichtigen gab außer ein paar Fotos und einem Modell vom Tower. Der Tower sieht ungefähr so aus wie ein Geschäftsbau in der Hamburger Hafencity. Schön ist anders. Die günstigste Wohnung, ein Zimmer, kostet 350 000 Pfund, 472 000 Euro. Das ist immerhin weniger als jene halbe Million Pfund, für die im vergangenen Jahr eine Garage in Chelsea veräußert wurde, insofern offenbar auch: Schnäppchen.

Garage in Chelsea für eine halbe Million Pfund

Alle Wohnungen waren nach ein paar Stunden verkauft. Vornehmlich an reiche Eltern, die sich erlauben können, ihren Kindern eine Wohnung zu schenken. Es müssen Leute sein wie der frühere BBC-Reporter Robert Peston, der soeben für eine saftige Gehaltserhöhung zum Fernsehkonkurrenten ITV gewechselt ist. Peston ist ein sehr kluger Journalist, sein Spezialgebiet Wirtschaft. Neulich trat er bei einem Literatur-Festival auf und sagte, dass er sich über die Wohnungsnot große Sorgen macht. Applaus. Dann sagte er, Eltern sollten einfach ihre Häuser verkaufen und das Geld den Kindern geben, damit die sich was Nettes kaufen können. Das sagte er wirklich. Er sagte aber nichts darüber, was Eltern tun können, die gar kein Haus haben, das sie verkaufen könnten. Zum Beispiel wir. Vielleicht sind wir inzwischen aber auch schlicht in der Minderheit.

Es gibt ja unendlich viele reiche Menschen in London, es ist die Stadt mit den meisten Millionären und Milliardären auf der ganzen Welt. Der Reichtum sei ihnen gegönnt. Ihre Kinder haben keine gestutzten Flügel und kehren auch nicht zurück wie ein Bumerang.

Ich beneide sie nicht. Im Gegenteil. Wir sind gerne Bumerang-Eltern. Aus purer Vernunft und weil es gar nicht anders geht. Und zugegeben auch, weil es ein bisschen so wie früher ist.

Aber bitte nicht Boris Johnson sagen.