HOME

Last Call: Populismus, Rassismus und ein Lied wie Ebola

Wir wohnen in einer Gegend mit einem ziemlich hohen Anteil an Zugezogenen aus der ganzen Welt. In Deutschland hat man dafür das Wortmonstrum „Migrationshintergrund“ erfunden. Es klingt so charmant wie Chemiebaukasten oder Zulassungsstelle.

Um die Ecke von unserer Wohnung liegt unser Mikrokosmos. Unser Lieblingsrestaurant ist türkisch, der Pub auf der Ecke ist englisch, aber die Besitzer sind Franzosen. Unser Bäcker kommt aus Tschechien, seine Angestellten aus den USA und England. Neben dem Bäcker ist ein österreichischer Laden, der Matratzen verkauft, „Austrian Bedding“. Bis wir hierher zogen, wusste ich nicht, dass die Österreicher für ihre Matratzen und Bettwäsche berühmt sind. Wir dachten eher an Torten. Aber Torten verkauft bei uns ein schwuler Chocolatier nebenan. Gegenüber von Österreich liegt China, Mister Lee, ein Imbiss. Daneben Sri Lanka, mein Zeitungsladen, und überhaupt Laden für alle möglichen Notfälle von fehlender Milch bis Briefmarken. Jeden Morgen hole ich dort einen Stapel Zeitungen, ganz old school. Und jeden Morgen rede ich mit meinem Zeitungsmann. Mal über das Wetter, mal über Deutschland, mal über Sri Lanka. Und zuletzt über England. Das ist so ein Ritual.

Zuletzt stand in den englischen Zeitungen sehr viel über Immigranten und Überfremdung. Mein Zeitungsmann aus Sri Lanka macht sich deshalb Sorgen. Es stand und steht darin, dass der Premierminister David Cameron die Zahl der Einwanderer aus EU-Ländern begrenzen will auf 100 000 pro Jahr. Das widerspricht natürlich geltendem EU-Recht auf freie Wahl des Wohnorts und ist grober Unfug. Die römischen Verträge müssten umgeschrieben werden, ein ziemlicher Wahnsinn. Der scheidende EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso war gerade in London. Barroso, der Portugiese, mag Großbritannien eigentlich ganz gern.

Er warnte, dass Camerons Konservative auf dem Weg seien, „einen historischen Fehler zu begehen“, falls sie sich immer weiter an den europäischen Rand treiben ließen. So weit, bis sie irgendwann den Rand überschritten und ganz draußen seien aus der EU – das worst case Szenario, „Brexit“. Das sagte der anglophile Barroso bei einem Vortrag in London, und das wiederum wollte Cameron nicht auf sich sitzen lassen.

Der Premier reagierte trotzig wie ein Kind. Er sagte, sein Volk, die Briten also, seien immer noch der Boss, und er diene seinem Boss, und die Briten, also der Boss, wollten die Zahl der Einwanderer dringend begrenzen. Basta. Er beruft sich dabei auf Umfragen, einige von ihnen reichlich obskur. Cameron sagte das im Übrigen bei der Eröffnung einer neuen Ford-Fabrik. Viele Arbeiter in der neuen Fabrik kommen aus Osteuropa. Aber das nur am Rande.

Die UKIP-Leute sind sich für nichts zu peinlich

Es ist merkwürdig zur Zeit in Großbritannien, schon aus der Geschichte heraus ein Einwanderungsland. UKIP, die United Kingdom Independence Party, macht seit Monaten massiv Stimmung gegen Einwanderer. Vor allem gegen solche aus Ost-Europa, und insbesondere gegen Rumänen, Bulgaren und Polen.

Nun ist UKIP glücklicherweise immer noch eine Minderheitenpartei, aber dummerweise mit einem Massenappeal. Nahezu ein Drittel aller Briten wäre nach neuen Umfragen offenbar bereit, die Partei zu wählen. Was in etwa dem Abschneiden bei der Europawahl vom Mai entspricht. Das Problem ist nun, dass die Konservativen acht Monate vor den Wahlen auf den Populismus-Zug springen und wie eine Art UKIP light daher kommen. Die Minderheitenpartei treibt die Regierungspartei vor sich her. Der Schwanz wedelt mit dem Hund. Also reden auch die Tories über Immigranten und je mehr sie alle darüber reden, desto mehr schreiben die Zeitungen darüber und berichtet auch das Fernsehen darüber. Und dann wird daraus wirklich: eine Debatte.

Neuerdings sitzt ein UKIP-Mann auch im Parlament. Douglas Carswell. Er war von den Tories zu UKIP übergelaufen, und er gewann die Nachwahlen in Clacton, einem kleinen, heruntergekommenen Ort an der Küste. Carswell spielte die übliche UKIP-Angst-Karte: Überfremdung. Und es funktionierte. Er bekam 60 Prozent der Stimmen. Obschon alle Statistiken nachweisen, dass die Netto-Immigration gerade aus Ost-Europa seit 2007 eher sinkt. Ausgerechnet die konservative „Times“ fragt, warum niemand die Eier hat, das auch zu sagen. „Fragt die Leute, ob sie sich ernsthaft von – sagen wir Polen – auf einer persönlichen Basis bedroht fühlen. Und ihre Furcht stirbt.“ Die „Times“ konstatierte außerdem einen latenten Rassismus. Aber das will niemand hören.

Und also wird die Debatte weitergehen und weitergehen. Und UKIP wird wachsen und wachsen, weil die Leute doch eher das Original wählen als die Fälschung. David Cameron könnte darüber die Wahlen verlieren, weil sich UKIP und Tories mit ihrem Zuwanderungs- und Überfremdungsgeschwurbel gegenseitig Stimmen klauen und neutralisieren. Es gäbe dann auch kein Referendum über Europa, und damit hätte auch UKIP verloren.

Das hätte schon wieder was.

Bis es soweit ist, sind sich die UKIP-Leute für nichts zu schade und zu doof. In Brüssel wandten sie sich in ihrer Not und auf der Suche nach einem Koalitionspartner sogar an den Deutschen Martin Sonneborn, den Satiriker von „Der Partei“. Sie hielten Sonneborn für einen natürlichen Verbündeten. Er ist nämlich natürlich auch für einen britischen EU-Austritt, schon „weil Großbritannien nicht zum Kontinent gehört, das sieht man ja auf der Karte“. Sonneborn verbindet außerdem mit UKIP-Chef Nigel Farage die große Leidenschaft „vor Pubs zu stehen und Bier zu trinken“. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auf. Statt mit Sonneborn ging UKIP dann eine Allianz mit einem polnischen Rechtsradikalen ein, der darüber Witze macht (oder auch nicht), Frauen zu verprügeln. Lag irgendwie näher.

Das musikalische Äquivalent des Ebola-Virus

Auch daheim ist UKIP die Partei der unbegrenzten Peinlichkeiten. Gerade hat Mike Read, ein Discjockey und BBC-Moderator, ein Lied veröffentlicht. Es heißt „UKIP-Calypso“, ist natürlich pro UKIP und contra Einwanderung und ein Lobgesang auf Nigel Farage. Read äfft darin einen karibischen Akzent nach, verwahrt sich aber dagegen, ein Rassist zu sein. Der Song ist von betörender Schlichtheit, musikalisch und textlich. Es geht so: „Leaders committed a cardinal sin, open the borders let them all come in; illegal immigrants in every town – stand up and be counted, Blair and Brown.“ Und dann im Chor: „The EU live in Wonderland. Try to ban bent bananas and British Jam.“

Die Übersetzung spare ich mir.

Man kann diesen Stuss bei Amazon runterladen, es kostet 79 pence. Ein User schrieb, das Lied sei das musikalische Äquivalent des Ebola-Virus. Und er fragte sinnig: „Ist Calypso nicht ein bisschen zu ausländisch für UKIP?“

Das stand in der Zeitung. Ich zeigte die Geschichte meinem Zeitungsmann aus Sri Lanka, der seit vielen Jahren in Großbritannien lebt. Er flüchtete vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat, fliegt alle vier Jahre in die alte Heimat und fliegt mit dem Gefühl zurück nach London, dass er hier inzwischen besser aufgehoben ist. Er musste erst mal lachen über die Geschichte und das dümmliche Lied. Dann hörte er auf zu lachen, schnappte sich die Zeitung, ging nach China nebenan und fragte Mister Lee: „Hast du das hier schon gesehen?“