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Last Call: Wie Hitler die Flüchtlingslage so sieht…

Wenn gar nichts mehr hilft, bemühen die Briten Hitler. Und - er ist wieder da - wird für die Flüchtlingsdebatte bemüht. Nur ein Anzeichen dafür, dass die Diskussion auf der Insel aufs dem Ruder läuft. 

Die Briten, das stand an dieser Stelle schon mehrmals, sind ausgesprochene zuvorkommende und höfliche Menschen. Ihre größte Sorge ist, anderen zur Last zu fallen. Das ist kein Klischee.

Es gibt ganze Bücher und neuerdings sogar eine Fernsehserie darüber, „Very British Problems“. Man entschuldigt sich hierzulande für alles, auch wenn man gar nicht schuld ist und etwa in der U-Bahn fremde Ellbogen in die Rippen gerammt bekommt. Immer: Sorry. Obendrein wird im Alltag alles Mögliche möglichst umschrieben. Man sagt zum Beispiel im Restaurant nie „Das schmeckt nicht“, selbst wenn es ganz und ungar entsetzlich schmeckt. Man sagt statt dessen maximal „Könnte ich noch etwas Pfeffer haben“ und gratuliert dann dem Koch. So ungefähr jedenfalls.

Diese Umgangsformen gelten allerdings nur für den Alltag; sie gelten nicht in der Politik und vor allem nicht in der Presse. Wären Zeitungen Menschen, viele britische Printprodukte wären Hooligans und schlimmer. Seit Wochen ätzen und schäumen viele Blätter gegen die Flüchtlinge aus Afrika und Syrien, die in Calais in einem Dschungel hausen und versuchen, ein bisschen Leben zu ergattern, in dem sie ihr Leben aufs Spiel setzen und sich unter LKW-Achsen klemmen oder auf fahrende Züge springen, die via Euro-Tunnel nach England fahren.

Die Zeitungen, natürlich nicht alle, aber viele, schreiben durchweg von „migrants“, von Migranten, wenn sie Flüchtlinge meinen und falls sie überhaupt so freundlich sind und nicht menschenverachtende Vokabeln benutzen wie „Mob“ (Daily Mail), „Kakerlaken“ (Sun), „Horde“ (Daily Mail) oder Insekten-Schwarm (Premierminister David Cameron). Die Sprache der Politiker ist nämlich auch nicht viel besser. Vergangene Woche nannte der Außenminister Philip Hammond die Flüchtlinge in Calais eine „marodierende Masse“, die eine Gefahr für die europäische Gesellschaft darstelle.

Fakten werden verdreht oder verschwiegen

Das ist in gleich mehrfacher Hinsicht grober Unfug. In Wahrheit ist die Zahl der Flüchtlinge in Großbritannien sogar gesunken. Im vergangenen Jahr beantragten 26 000 Menschen Asyl dort, nur 10 500 wurden akzeptiert. Das Land nahm gerade einmal 187 Syrer auf. In Worten: einhundertsiebenundachtzig. Die Türkei beherbergt zur Zeit 1,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, der kleine Libanon mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern noch mal 1,2 Millionen. Der „Guardian“, eine der wenigen Stimmen der Vernunft auf der Insel, rückte das dann mal zurecht: „Ein Land das von der Bevölkerung her rund 100 mal kleiner ist als die EU hat bereits 50 mal mehr Flüchtlinge aufgenommen als die EU zu übernehmen gedenkt.“ So was liest man hier verdammt selten. Die britische Hilfe beschränkt sich auf den Einsatz der Royal Navy, deren Fregatten in humanitärer Mission im Mittelmeer kreuzen und arme Kreaturen an Bord nehmen, die sie dann in italienischen Häfen wieder abladen. Mission accomplished.

Wenn wir hier englischen Freunden erzählen, dass Deutschland bis zu 800 000 Menschen aus den Kriegsgebieten aufnimmt, staunen die immer, weil hierzulande die paar Tausend Flüchtlinge am Eurotunnel zu einer nationalen Katastrophe hochgejazzt werden. Die „Daily Mail“ entblödete sich nicht zur der Frage: „Wir haben Hitler ferngehalten. Warum können unseren kraftlosen Politiker nicht ein paar tausend erschöpfte Flüchtlinge stoppen?“

Er ist wieder da, Hitler jetzt auch noch. Vielleicht aber sogar naheliegend, wenn auch in komplett anderer Richtung. Vor ein paar Wochen unternahmen ein paar aufrichtig Angewiderte ein Online-Experiment. Sie stellten Kommentare des Nazis Robert Ley aus seiner Schmährede „Wir oder die Juden“ und auch Originalzitate von Hitler auf die Webseite der „Daily Mail“ und tauschten „Juden“ durch „Migranten“. Die „Daily Mail“, muss man wissen, hat den erfolgreichsten Online-Auftritt de Welt; sie generiert jeden Tag Millionen Klicks. Und unter diesem Publikum, das liegt in der Natur der Sache, sind auch viele Idioten und extreme Rechtsausleger.

Es kann nicht richtig überraschen, dass die Nazi-Zitate bei einigen auf fruchtbaren Boden fielen und die Posts mehrheitlich goutiert wurden. Nach Camerons Schwarm-Vergleich schaukelten sich die Kommentare noch mehr hoch und toppten das schon peinliche Original: Die Flüchtlinge wurden zu Hunden, Kaninchen, zur Pest und zum Abschaum. Die Online-Feiglinge, auch das liegt in der Natur der Sache und ist kein spezifisch britisches Problem, verschanzen sich genau wie in Deutschland natürlich hinter Pseudonymen.

Neulich schrieb mir eine Bekannte aus Frankreich, dass der Ton der britischen Debatte die Menschen auf der anderen Seite des Kanals zunehmend verstöre, nicht nur die im Dschungel von Calais. Die Bürgermeisterin dort, Natacha Bouchart, drohte sogar Cameron direkt: Er solle aufhören, sich öffentlich zu beklagen und damit zu drohen, die Armee zu schicken. Sonst würden sie die Tore einfach aufmachen. Mit großer Freude las ich dann, dass eine Gruppe von Flüchtlingen selbst das Tor aufgemacht hat und durch einen von den Briten gespendeten Hochsicherheitszaun marschierte. Sie tippten einfach auf die abgegriffenen Tasten des Zahlenschlosses, und schwups sprang das Tor auf. Danach wieder Zeter und Mordio in den Blättern.

Natürlich schämen sich viele Briten dafür, und natürlich gibt es auch seriöse Medien wie den schon zitierten „Guardian“, den „Independent“ oder die BBC, die dagegen anschreiben und -senden. Aber sie gehen ziemlich unter in der Flut aus Populismus. Und das lässt nichts Gutes ahnen für die Zukunft.

Im kommenden Jahr stimmt Großbritannien über den Verbleib in der Europäischen Union ab. Rhetorisch verabschiedet sich das Königreich schon jetzt.

Sorry.

P.S.: Es kam natürlich, wie es kommen musste. Ein Mensch, der sich unter dem Pseudonym „Sepp“ versteckt, postete "Ich ficke die alle in den Arsch". Wen „Sepp“ damit meinte, ließ er offen. Die Flüchtlinge? Die Briten? Hm. Feige Idioten, das wollte ich damit sagen, sind eben kein rein britisches Online-Phänomen.