HOME

Nemzow-Tochter im Interview: "Putin wird noch lange bleiben"

Schanna Nemzowa, Tochter des ermordeten russischen Oppositionspolitikers Nemzow, sprach mit dem stern über Putin, die russische Propaganda und die westlichen Wirtschaftssanktionen.

Von Andrea Votrubová

Moskau, Ende Februar 2015: Vier Schüsse, abgefeuert in Sichtweite des Kreml, strecken Boris Nemzow nieder, den Chef der russischen Opposition. Der 55-jährige war monatelang Hinweisen auf eine russische Militärintervention in der Ukraine nachgegangen und hatte die Ukraine-Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin aufs Schärfste verurteilt. Nun ist er tot.

Die Ermittler nahmen vier Tschetschenen und einen Inguschen fest und beschuldigten die Gruppe, Nemzow im Auftrag ermordet zu haben. Doch der angebliche Auftraggeber ist noch auf der Flucht. Am vergangenen Mittwoch kam Nemzows Tochter Schanna nach Berlin, um hier auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung eine Rede zu halten. Der stern traf sie ein paar Stunden vor der Rede zum Interview.

Frau Nemzowa, was haben die Ermittlungen zum Mord an Ihrem Vater ergeben?


Es gibt einen neuen Chef der Untersuchungskommission. Er will mir nur begrenzten Zugang zu Akten gestatten, Videos will er gar nicht frei geben. Mein Anwalt und ich haben beantragt, mehrere Zeugen zu vernehmen, darunter Tschetscheniens Präsident Rasman Kadyrow. Aber dafür sei es zu früh, heißt es. Meine Hoffnung schwindet, dass die Strippenzieher jemals vor Gericht gestellt werden.

Welche Erklärung haben Sie dafür bekommen, dass der Chef der Untersuchungskommission ausgewechselt wurde?


(Lacht) Keine. Angeblich hat sein Vorgänger, der wesentlich kooperativer war, keine Zeit mehr.

Welche Folgen könnte es für Sie haben, dass Sie nach Deutschland gekommen sind und kritisch über den Mord an ihrem Vater berichten?


Noch haben wir in Russland Bewegungsfreiheit, ich kann ein- und ausreisen. Was nach meiner Rückkehr passiert, weiß ich nicht, die Situation ist unberechenbar. Derzeit bin ich nicht im Visier der Staatspropaganda, das Ziel ist Michail Kassjanow, ein Oppositionspolitiker und Freund meines Vaters, weil er vor einem Monat in den USA reiste. Möglicherweise werde ich ein Problem mit meiner Arbeit bekommen. Ich arbeite als Journalistin für den Wirtschaftssender RBC. Das Management bat mich, keine politischen Stellungnahmen während meiner TV-Auftritte zu machen und daran halte ich mich. Aber ich bin frei, mich an meinen Vater zu erinnern, wo auch immer ich bin. Das tue ich gerade. Schweigen ist nicht meine Natur.

Wie wird sich Russland weiter entwickeln?
Politisch haben die Sanktionen nicht funktioniert, sie haben das Verhalten des Präsidenten Wladimir Putin nicht geändert. Aber ökonomisch funktionieren sie, der Lebensstandard sinkt, die Wirtschaft ist in einem schrecklichen Zustand und es wird immer schlimmer. Die Propaganda ist allerdings sehr effektiv, die Menschen stehen hinter Putin, weil sie glauben, sich gegen eine Bedrohung von außen vereinigen zu müssen. Russlands Zukunft ist düster.

Wie lange wird sich Putin unter diesen Umständen halten können?


Ich gehöre zu jenen, die glauben, dass Putin noch eine lange Zeit regieren wird. Er kündigte an, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2018 anzutreten. Dann wäre er weitere sechs Jahre an der Macht. Das ist sein Ziel. Und ich denke, es wird weiter Druck auf die Opposition geben, auch auf Journalisten und Aktivisten.

Worauf stützt sich Putins Macht?


Russland lebt vom Ölexport. Aber jetzt sinken die Ölpreise dramatisch und laut den Prognosen der Markanalysten ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie in den kommenden zehn Jahren wieder die Höhe von 100 Dollar pro Barrel erreichen. Das jedoch ist Voraussetzung, um den Staatshaushalt zu finanzieren. Der zweite Punkt ist das Fernsehen. Es verschafft Putin einen enormen Rückhalt. Die Russen kennen die Hintergründe in der Ukraine nicht, deswegen unterstützen sie den Krieg. Die Propaganda ist wirklich sehr aggressiv, nicht nur gegen äußere Feinde, also die Ukraine, die USA oder den Westen insgesamt, sondern auch gegen russische Dissidenten. Sie werden als nicht-menschliche Wesen vorgeführt. Das provoziert Hass.

Sie treten immer stärker in die Fußstapfen ihres Vaters und hielten am Mittwoch in Berlin eine Rede über die Freiheit. Werden Sie Politikerin - oder sind Sie es schon?


Ich bin keine Politikerin. Und eine Politikerin in Russland? (lacht). Ich mag meinen Beruf und alles, was ich nun in Berlin oder sonst wo tue, mache ich in Erinnerung an meinen Vater. Ich verteidige meinen Vater; ich möchte, dass zumindest einige seiner Ideale in Russland Realität werden. Zum Beispiel die Meinungsfreiheit.

Die Beziehung zwischen dem Westen und Russland sind wegen der Ukraine-Krise sehr schlecht. Wie kann es besser werden?


Ich bin dagegen, die Wirtschaftssanktionen weiter zu verschärfen. Sie treffen gewöhnliche Menschen, die ihre Arbeitsplätze verlieren. Aber sie sind nicht verantwortlich für Putins Verhalten. Man muss etwas gegen die Propaganda tun. Die Menschen in Russland verstehen nicht, dass die westlichen Gesellschaften Diskussionen führen. Man kann da nicht jede Entscheidung so leicht durchsetzen. Man muss seine Ansichten begründen und Respekt vor anderen Meinungen haben. In Russland ist das nicht der Fall. Was Putin sagt, gilt. Putins Propagandisten zu attackieren, wäre eine bessere Idee, als Waffen in die Ukraine zu liefern.

Glauben Sie, dass die Sanktionen Putin von weiteren Aggressionen abhalten?


Ich glaube nicht, dass er im Augenblick plant, irgendeinen EU-Staat anzugreifen. Andererseits würden ihn die Sanktionen nicht aufhalten.

Mitarbeit: Lutz Kinkel