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Planet Indien Cricket für Anfänger


Indien ist einer der aufstrebenden neuen Großmächte. In einer siebenteiligen Serie hat stern.de den faszinierenden Subkontinent porträtiert. Diesmal: Der Versuch den indischen Volkssport Nummer Eins, Cricket, zu erklären.
Von Teja Fiedler, Mumbai

Kann man Cricket verstehen? Ja, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Muss man Cricket verstehen? Nein, es sei denn, man war einst den Briten untertan. Neben so eigenwilligen Dingen wie Porridge oder Linksverkehr haben die Engländer auch das Schlagballspiel erfunden und in alle Winkel ihres Weltreichs exportiert. Unverständlicherweise stand die Abschaffung dieser kolonialen Erblast nicht ganz oben auf dem Programm der diversen Unabhängigkeitsbewegungen. Im Gegenteil, auch wo der Union Jack längst nicht mehr flattert, erfreut sich das überaus britische Spiel mit Schlagholz, anatomisch absurder Wurfbewegung und zahlreichen festgelegten Teepausen höchster Beliebtheit - in Englands ehemaliger Sträflingskolonie Australien ebenso wie im islamischen Staat Pakistan.

Doch niemand liebt Cricket so wie die Inder. Und weil es in keinem britischen Ex-Besitztum so viele Menschen gibt wie in Indien, sind die Cricket-Fans hier so zahlreich wie sonst nirgends auf der Welt. Dass ihr Lieblingssport einst von blassen Gentlemen mit nasalem Akzent gespielt wurde, die sich irgendwie die Zeit vertreiben mussten - vergessen. Heute hängt der Rikscha-Fahrer, Tagesverdienst 200 Rupien, drei Euro, stundenlang vor dem Fernseher oder hört wenigsten im Transistor-Radio die Übertragung eines Test-Matches, während er sich virtuos durch den Großstadtverkehr schlängelt. Und er kann und will mitreden über die Feinheiten eines für Außenstehende rätselhaften Sports. (siehe oben)

Gar nicht so simpel

Grundsätzlich ist die Idee von Cricket ja ganz einfach. Einer aus der einen Mannschaft schleudert den Ball, sein Gegner aus der anderen versucht ihn mit seinem Schlagholz zu treffen und möglichst irgendwohin zu befördern, wo niemand vom gegnerischen Team steht. Dann kann er losrennen zu einem Punkt, dem Wicket, bis der Ball zurückkommt. Das ist dann ein Run. Die Mannschaft, die mehr Runs erzielt als die andere, hat gewonnen.

Ja, wenn es nur so einfach wäre. Denn die wahren Cricket-Liebhaber, darunter mindestens 500 Millionen Inder, würden aufheulen ob dieser Erklärung, die zugeben etwa so gut ist wie die Wiedergabe eines Digital-Photos mit nur 1000 Pixel. Denn was dem Außenstehenden relativ monoton erscheint - in einem anständigen Match passiert dieses Schleudern-Schlagen-Rennen ein paar hundert Mal - ist für den Eingeweihten ein "subtle game", ein subtiles Spiel mit tausend Tücken und Varianten.

Wie man einen Kurvenball wirft

Das beginnt schon beim Ball an und für sich. Er ist ungefähr so groß wie ein Tennisball aber aus Kork, mit ein paar Lagen Schnur stramm umwickelt und in eine rote oder weiße Lederhülle mit genau sechs exakt vorgeschriebenen Nähten eingenäht. Diesen sehr harten Ball, eigentlich ist er mehr eine Leder-Kugel, schleudert der "Bowler", der Werfer, dem " Striker", dem Schlagmann, entgegen. Meist so, dass der Ball vor dem Schlagholz einmal aufspringt und möglichst so, dass der Striker ihn nicht richtig trifft.

Das sieht immer etwas komisch aus, natürlich nur für uns Ignoranten, oh Cricket-Fans!, weil dabei der Arm durchgestreckt über den Kopf geführt werden muss. Der Arm des Bowlers katapultiert den Ball also ähnlich wie ein mittelalterliche Wurfmaschine brennende Pechkugeln gegen eine belagerte Stadt. Er tut es entweder mit hoher Geschwindigkeit bis über 140 km/h oder heimtückischem Effet. Letzterer lässt sich am besten erzeugen, wenn eine Seite des Balls besonders glatt, die andere dagegen ziemlich rau ist. Also poliert der Werfer eine Seite des Bällchens am Hosenbein - Cricketplayer tragen lang! - und hilft oft der Glätte mit Spucke oder Schweiß nach. Andere Körpersäfte oder gar körperfremde Flüssigkeiten sind als Schmiermittel nicht erlaubt und gelten als höchst unsportlich genauso wie das Zupfen an den Ballnähten, das Einkerben der Lederhülle mit den Fingernägeln oder das Einreiben des Balles mit Sand.

Die subtile einseitige Ballbehandlung kreiert beim Wurf auf Grund der gleichen physikalischen Gesetze, die ein Flugzeug in die Luft heben, rund um die Cricketkugel hier einen Sog, da eine Turbulenz, und so fliegt sie eigentlich nie tumb geradeaus sondern immer ziemlich krumm, und das ruft bei den Fans besondere Begeisterung hervor. Falls sie auf der Seite der Werfer sind. Die TV-Kommentatoren überschlagen sich mit ihrem Preis für die Varianten des "Delivery", des Ballwurfs: diesen unglaubliche Drall, diese tödliche Kurve nach innen oder außen, diesen Wechsel zwischen einem High-Speed-Geschoss und einem Langsam-Ball, an dem der Schlagmann vorbei brettelt, weil er auf was viel Schnelleres gefasst war.

Orgasmische Jubelszenen

Kommen wir zur Gegenseite. Dem Schlagmann. Er hat einen Helm mit Gesichtsschutz auf. Den braucht er. Eine Cricketkugel mit 140 km/h voll auf die Zwölf zu kriegen ist kein Spaß. Er soll den Ball natürlich mit dem Bat, dem Schlagholz abwehren, wenn es geht, so weit weg wie möglich. Das schafft er wegen der tückischen Art der Delivery nicht immer. Wenn er es voll hinkriegt, dann herrscht Jubel. Rollt der Ball nämlich nach seinem Schlag über die Begrenzung des ellipsenförmigen Felds hinaus (warum es nicht kreisrund ist? angesichts des Ursprungslandes von Cricket wohl eine müßige Frage), macht er vier Punkte auf einmal. Drischt er ihn bis in die Zuschauerränge kriegt er sogar sechs Runs. Dann hüpfen die männlichen Zuschauer im Stadium vor Begeisterung und die sonst in der Öffentlichkeit eher prüden Inderinnen winden sich gerade zu orgasmisch. (letzteres mag allerdings auch mit dem guten Aussehen mancher der Spieler am Schlagholz zusammenhängen, so einer wie Jungstar Dhoni ist Teenagerschwarm Nummer Eins)

Trifft der Striker den Ball aber nicht, dieser dafür das seltsame knapp hüfthohe Holz-Gestänge namens Wicket hinter dem Striker ... oh, oh. Dann ist der Schlagmann draußen und die Mannschaft des Werfers führt einen Freudentanz auf. Genauso schlimm ist es, wenn der Striker den Ball zwar schlägt, aber einer der gegnerischen Spieler, die da scheinbar tatenlos die meiste Zeit auf dem Feld herumlungern, ihn im Fluge fängt, bevor er aufgehüpft ist. Auch das gilt als Wicket und weg ist der Unglücksrabe. Die Zuschauer rasen, ganz besonders wenn der Ball mit einem Hechtsprung gefangen wird. Der scheint aus meiner Laiensicht meist nicht besonders eindrucksvoll, jeder Bundesliga-Torwart fliegt ganz anders durch die Luft. Doch wissen das die Inder, die in der Fifa-Rangliste irgendwo um Platz 130 in der Nachbarschaft von Swasiland dümpeln?

Verkürzte Spiele für den indischen Arbeiter

Ein neuer Schlagmann tritt nach jedem Wicket auf und wenn deren zehn verschlissen sind, ist alles vorbei. Jetzt werden die Rollen getauscht und die bisherigen Schläger dürfen sich als Werfer, besser als Bowler, versuchen (unter echten "cricketers", Cricketspielern, ist das Wort werfen für ihre extravagante Art der Ballbeschleunigung verpönt.)

Internationale Test Matches sind ein tagelanges, munteres Hin und Her von Wurf und Schlag. Doch weil die meisten Menschen besonders im armen Indien nicht tagelang vor dem Fernseher sitzen können, ohne dass ihre Familien verhungern, gibt es inzwischen ODI -Partien (One Day Internationals) die, wie der Name sagt, innerhalb eines Tages zu Ende gebracht werden müssen. Und seit neuestem sogar eine Kompakt-Version, die nur noch drei Stunden und 120 Bowlings pro Team dauern. Was Traditionalisten so schmerzlich trifft wie Beethoven-Liebhaber eine Interpretation der Eroica Sinfonie in doppelter Geschwindigkeit. Aber für den Normal-Inder ist dieses Cricket Twenty 20 eine zeitlich zumutbare Feierabendgestaltung.

Im Sommer wurde in Indien erstmals innerhalb von lediglich sechs Wochen eine Twenty 20 Liga mit acht Mannschaften ausgespielt. Dabei traten auch knapp bekleidete und aus USA importierte Cheerleader-Trupps auf, was indische Traditionalisten zu düsteren Kommentaren über den Niedergang von Moral und Sitte anregte.

In sechs Wochen mehr verdient als in einem Jahr

Da aber unter den Besitzern dieser acht Teams so bekannte und einflussreiche Menschen wie Bollywood Mega-Star Shahrhukan oder der flamboyante Bierkönig und Fluglinienchef und Formel Eins-Rennstallbesitzer "Kingfisher" Dr. Mallya waren, drangen sie mit ihren Kassandra-Rufen nicht durch. Die Liga war ein voller Publikumserfolg. Die Spieler verdienten in sechs Wochen mehr als sonst in einem Jahr und deswegen machten auch australische Gaststars mit, die sonst mit indischen Cricketers eine herzliche Feindschaft verbindet. Nur der flamboyante Dr. Mallya war unglücklich, weil seine "Bangalore Royal Challengers" ganz unköniglich abschifften.

Nun wurde noch gar nicht von Cricket-Finessen wie "innings" gesprochen, von "overs", "wide balls" oder dem "wicket-keeper". Jeder dieser Begriffe würde elaborierte Erläuterungen und Erwägungen nach sich ziehen, deren volle Durchdringung erst jahrelange Auseinandersetzung mit dem komplexen Gesamt-Kunstwerk Cricket ermöglicht. Auch wurde noch mit keiner Silbe erwähnt, wie wichtig die Art des Untergrundes ist, ob hart oder weich, Rasen oder Sand. Oder Temperatur sowie Luftfeuchtigkeit und der Abnutzungsgrad des Balles. Indiens Zeitungen füllen damit tagtäglich ihre Sportseiten. Und im Fernsehen kommt Cricket noch häufiger als Shahrhukhan und das will etwas heißen. Doch lassen wir es gut sein: Denn wem Cricket nicht in die Wiege gelegt worden ist, ganz wird er es nie ergründen.

Liebe Leser, die Serie "Planet Indien" ist im September dieses Jahres erschienen - also vor den Terroranschlägen in Mumbai. Wir haben uns entschieden, die Texte nicht entsprechend zu aktualisieren, d. Red.


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