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Nationalkonservative Jugend: Rechte Jugendliche in Polen - Jakubs Kreuzzug gegen Schwule und Lesben

Er ist gerade erst 15, und doch kennt ganz Polen Jakub Baryła. Ein Foto machte ihn berühmt. Regungslos stellt er sich einem Protestmarsch von Schwulen und Lesben entgegen, er reckt das Kreuz wie ein Schwert. So wurde Jakub zum Helden der polnischen Rechten. Wer dieser Junge? Und was sagt uns das über sein Land?

Von Joachim Rienhardt

Polen: Der Rechtspopulismus wirkt sich besonders bei den Jungen aus

Jakub Baryła am 10. August vor dem Protestmarsch der Homosexuellen in Płock in Zentralpolen. Später tragen ihn Polizisten weg.

Sein Gesicht ist weich. Doch Jakub ist voller Zorn. Er fühlt sich wie ein Kämpfer, der sich mutig den Homosexuellen in den Weg stellt, die Gleichberechtigung fordern – aber seiner Meinung nach nur die Werte der Familie zersetzen.

"Ich habe nichts gegen Schwule", sagt Jakub zur Begrüßung im Bungalow der Familie nahe Pock, 120.000 Einwohner, knapp 100 Kilometer nordwestlich von Warschau. "Ich bin nur gegen diese perverse Ideologie. Die wollen mit ihren Parolen unsere Gesellschaft demoralisieren und allmählich den Kommunismus einführen."

Mit Sport-Shirt, Shorts, Sneakers und dem Undercut-Haarschnitt wirkt Jakub Baryła wie ein moderner Teenager. Doch seine Überzeugungen stammen aus einer erzkonservativen, katholischen, reaktionären Welt. In seinem Zimmer hängt das Bild von Mutter Maria, darunter das des fortschrittsfeindlichen Papstes Pius X. Daneben eines von Jesus mit Krone. Symbolisch wurde der vor drei Jahren von der katholischen Kirche im Beisein des polnischen Staatspräsidenten zum König des Landes erklärt.

Opfer sind immer die Polen

Natürlich gibt es in Polen aufgeklärte Menschen wie den Warschauer Professor Jacek Kochanowski, der twitterte, dieser Junge habe wohl nicht alle Tassen im Schrank. Aber von den Rechten wie Marek Jdraszewski, Erzbischof von Krakau, wird er gefeiert. Er sieht sein Land nach der "roten Pest" des Kommunismus nun von der "Regenbogen-Pest" bedroht. Der Junge habe, so der Kirchenmann, "im Namen der Reinheit des Herzens" gezeigt, wo die Grenzen sind. "Es ist ein Zeichen, das Hoffnung weckt."

Jakub Baryla

Jakub Barya: Der 15-jährige Gymnasiast ist durch seine Aktion gegen die Homosexuellen zu einer Galionsfigur der Rechten geworden. Er wurde ins Fernsehen eingeladen. Ein Erzbischof beglückwünschte ihn zu seinem Mut, sich gegen die "Regenbogen-Pest", wie er die Homosexuellen-Bewegung nennt, aufzulehnen.

Tatsächlich ist es eher das Gegenteil. Die polnische Jugend macht einem Angst. Im ehemaligen Musterland der EU ist Jarosaw Kaczyski, dem Chef der nationalkonservativen PiS-Partei, nicht nur das Wunder gelungen, den Aufbruch Richtung Westen komplett zu stoppen und das Land auf strammen, nationalistischen Anti-EU-Kurs zu trimmen. Auch ohne Amt ist er der starke Mann im Land.Er wird wohl auch nach den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag mit seiner Partei das Land führen. Denn er wird nicht nur von der Kirche und Wendeverlierern gestützt, sondern gerade auch von den Jüngeren. Es gilt sogar: je jünger, umso rechter. Bei den letzten Wahlen haben jeweils über 60 Prozent der Erstwähler die regierenden Rechtspopulisten gewählt oder noch weiter rechts.

"An meiner Schule denken 95 Prozent so wie ich", sagt Jakub Baryła, der Junge mit dem Kreuz. Vor zwei Jahren noch habe er mit der Linken sympathisiert und sei von allen ausgelacht worden. Jetzt gehört er zu einem großen Freundeskreis, der sich regelmäßig in einer selbst gebauten Hütte im Wald zum Diskutieren trifft. Ihnen ist auch Kaczyski "zu sozialistisch". Aber sie sind sehr wohl empfänglich für dessen Hetze. Vor vier Jahren ging es gegen die Flüchtlinge. Dann waren die Deutschen dran. Jetzt hat Kaczyski die Lesben und Schwulen als "Bedrohung" für sein Land ausgemacht.

Jakub zeigt stolz den Torbogen in der Innenstadt von Pock, wo er die Homosexuellen-Demonstrationen an sich vorbeiziehen sah. Eigentlich wollte er nur ein Plakat hochhalten. Doch als er eine Demonstrantin mit Regenbogen als Heiligenschein um den Kopf gesehen habe, habe er sich nicht mehr zurückhalten können. Er habe sich an den heldenhaften Priester erinnert, der sich im Jahr 1920 dem Einmarsch der bolschewistischen Truppen mit einem Kreuz entgegengestellt habe. "Da bin ich zu einer Kirche gerannt, um von einem Priester ein Kreuz zu holen", sagt er.

Die Demonstration in Wocawek trägt das Motto: „Polen unterm Kreuz“

Ein erzkonservativer Katholizismus vereint viele der Rechten. Diese Demonstration in Wocawek trägt das Motto: "Polen unterm Kreuz".

Kaczyski hat die Menschen hinter sich gebracht, indem er ihnen in den vergangenen Jahren nicht nur großzügiges Kindergeld, Steuersenkungen und Rentenerhöhungen versprach – er lieferte auch. Zwar werden Metropolen von der Opposition regiert. Doch landesweit hat die westlich geprägte Mittelschicht nichts mehr zu melden. In der Provinz wird ihm wie einem Messias gehuldigt. Wenn der offiziell 1,68 Meter kleine Mann von einer Klapptrittleiter zu den Seinen spricht, stürmen seine Anhänger zur Bühne, um ihren Heilsbringer zu berühren. Fast 20.000, natürlich vor allem junge Polen, haben sich der neu gegründeten Armee zur Territorialverteidigung angeschlossen, um im Notfall zu kämpfen. Manche Vereidigung wie zuletzt Ende September in Warschau überträgt das staatliche TV in die polnischen Wohnzimmer. Und Facebook sendet den Livestream in die Kinderzimmer. Im Stechschritt schreiten die paramilitärischen Kampftruppen in Tarnuniform über den Platz. Marschmusik scheppert aus riesigen Lautsprechern. An manchen Häuserfassaden hängen Plakate für die Helden-Epen aus dem Krieg, die von der staatlich finanzierten Filmwirtschaft nun am Fließband produziert werden. Die Bösen sind immer die Russen. Oder die Deutschen. Die anderen. Die Opfer sind immer die Polen.

Jeder Cent fürs Häuschen gespart

Es kümmert die meisten Polen nicht, dass die Regierung das Verfassungsgericht außer Kraft gesetzt hat, Schulbücher für den Geschichtsunterricht umschreiben ließ und missliebige Journalisten mundtot gemacht hat. Im Gegenteil. Sie finden es richtig. Soziologen wie Piotr Kocyba erklären das Phänomen mit der Geschichte. "Linke Ideologie hat sich in den Jahren der kommunistischen Zeiten diskreditiert, und Demokratie hat noch keinen hohen Wert", sagt der Wissenschaftler, der an der Technischen Universität in Chemnitz lehrt. Zu dem Hass auf die EU geselle sich das Unbehagen, dass es mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nicht schnell genug geht. "Da kommt das Gefühl auf, wir müssen es denen mal zeigen, wie es richtig geht."

Freiwillige Paramilitärs

Ende September marschieren in Warschau wieder einmal freiwillige Paramilitärs zu ihrer Vereidigung auf

"Kommunisten töten sofort, Sozialisten quälen ein Leben lang", lautet eine von Jakub Baryłas Parolen. Seine Mutter Marzena hört im Wohnzimmer schweigend zu. Manchmal, wenn er mal wieder Bibelstellen auf Latein zitiert, verdreht sie fragend die Augen. "Was soll ich machen?", sagt die 44-jährige Bankangestellte. "Von mir hat er das nicht." Mit dem Glauben wurde er von seiner Oma Anna infiziert. Die Mutter selbst geht nur einmal im Jahr in die Kirche, sie sei eher liberal. Ebenso ihr Mann, der in Solingen Wohnungen renoviert und nur alle sechs Wochen nach Hause kommt. Sie sparen jeden Cent fürs Häuschen und den kleinen Mercedes. Marzena Baryła macht selbst Honig, kocht Marmelade, räuchert Schinken. Es ist ein friedliches Zuhause. Die Eltern können sich beide nicht erklären, warum ihr Jakub sich der Demonstration entgegenstellte. "Aber ich bewundere seinen Mut", sagt die Mutter. Und natürlich war sie auch stolz, als er zwei Tage danach im Fernsehen gefeiert wurde. Der Moderator tat so, als sei es ihm gelungen, mit seinem Kreuz die Demo zu stoppen. In Wahrheit wurde er von der Polizei abtransportiert. Doch im Fernsehstudio durfte er zwanzig Minuten wie ein Staatsmann schwadronieren. Er trug Anzug und Fliege und am Revers die Nadel der Bewegung "Wacht auf", einer rechtsradikalen Gruppe, die sich mit anderen Ultranationalisten unter dem Dach der sogenannten Konfederacja vereinigt hat. Die weiß 20 Prozent der Jugend hinter sich. Bei den männlichen Jugendlichen ist die Zahl weit höher.

Das Modelabel Red is Bad in Warschau

Hippe Patrioten: Das Label "Red is Bad" verkauft der rechten Jugend die passenden Klamotten. Die Shirts sind häufig mit Schlachtszenen aus dem Zweiten Weltkrieg oder mit Kriegshelden bedruckt.

Wie seine Idole bei "Wacht auf" fordert Baryła frei verkäufliche Schusswaffen, täglich Religionsunterricht, die Feier der katholischen Messe in Latein und am liebsten das Ende der EU. Es ist schick bei der "Konföderation", gegen Juden und Schwule zu pesten. Jakub kennt jeden der Führer persönlich, hat von allen die Telefonnummer. Etliche wollen Polens ohnehin restriktive Abtreibungsgesetze weiter verschärfen und Schwangerschaftsabbruch selbst im Fall von zu erwartenden Totgeburten verbieten. Parolen, die früher den Hooligans vorbehalten schienen, sind salonfähig geworden. 

"Die wollen aus der Subkultur raus. Die wollen was bewegen", sagt der Soziologe Kocyba. Sie tragen Hipster-Bärte statt Glatze. Und statt Bomberjacken sind es Klamotten vom Modelabel "Red is Bad". In dem kühl designten Flagship-Store in Warschau hängen die teuren T-Shirts, Hoodies und Taschen. Sie sind mit Schlachtszenen aus dem Zweiten Weltkrieg bedruckt. Mit Porträts von Helden, die damals für den "Katholischen Staat der polnischen Nation" gekämpft haben. Oder dem Konterfei sogenannter "verstoßener Soldaten", die auch noch nach dem Krieg im Untergrund gegen die Sowjets gekämpft haben. Es gibt auch Hemden, die mit der rot-weißen polnischen Flagge als Logo wie Shirts von Tommy Hilfiger aussehen. Präsident Duda trägt sie zum Anzug, auch bei Staatsempfängen.

LGTB-Ideologie-freie Zone

Das Aufrüsten in Worten und Symbolen bleibt nicht ohne Folgen. Es gibt etliche Fälle von jungen Schwulen und Lesben, die auf der Straße verprügelt wurden oder sich aus Angst davor wochenlang zu Hause verstecken. Fast im Wochentakt erklären sich ganze Gemeinden per Ratsbeschluss zur LGTB-Ideologie-freien Zone. Im Fall der angehenden Tierärztin Honorata Sadurska, 25, hat sich sowohl die Kleinstadt Puawy, wo sie ihr Praktikum macht, als auch ihr Heimatdorf Koskowola zur schwulenfreien Zone erklärt.

Honorata Sadurska, 25

Honorata Sadurska: Die angehende Tierärztin lebt im ostpolnischen Koskowola. Als Bisexuelle und Aktivistin der Homosexuellen-Bewegung ist die 25-Jährige dort den Anfeindungen der Rechten ausgesetzt. Zum Schutz vor Übergriffen nimmt sie nun immer ihren Hund mit.

Die junge Frau hatte immer Probleme, seit sie sich vor drei Jahren als bisexuell geoutet hat. Selbst ihr Vater tut so, als würde er sie nicht kennen, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegnen. Vor Kurzem posteten angebliche Patienten auf der Website ihrer Tierklinik, dass die medizinische Versorgung unterirdisch sei, seit sie da arbeite. Und in ihrem Dorf haben ihr junge Männer im Park aufgelauert und Hassgesänge angestimmt, als sie dort nach Feierabend ihren Hund ausführte. 

"Bislang habe ich mich zu Hause immer noch sicher gefühlt", sagt Honorata bei einem kurzen Spaziergang in diesem Park. "Das hier war mein Rückzugsgebiet. Aber damit ist es jetzt auch vorbei." Sie erschrickt, als ein Junge vorbeigeht, der laut in sein Handy flucht. Nachts geht sie nur noch ungern ohne ihren Hund aus dem Haus. Sie überlegt wie so viele, das Land zu verlassen, das sie liebt. Zumindest aus ihrem Heimatdorf muss sie weg. Vielleicht nach Lublin, wo sie studiert hat. Aber sie möchte ihre Mutter ungern allein lassen. Und das Feld nicht kampflos räumen.

Zum zweiten Mal hat sie vor einigen Tagen in Lublin den Gleichberechtigungsmarsch organisiert. Auch diesmal ist er vom Bürgermeister verboten und erst kurzfristig per Gericht erlaubt worden. Die Paramilitärs von der Territorialverteidigung haben gleichzeitig zur Leistungsschau mit Picknick gebeten, Militär-Lkw und Panzerabwehrraketen aufgefahren. 1500 Gleichberechtigungsmarschierer stehen etwa ebenso viel Gegendemonstranten gegenüber. Sie skandieren: "Junge und Mädchen – eine normale Familie." Auf ihren Bannern steht: "Eine Nation, die empört ist, hat das Recht zu hoffen, aber wehe dem, der schweigend verrottet."

Honorata ist angespannt. Erst im Juli haben Rechtsradikale in Biaystok einen Gleichberechtigungsmarsch angegriffen und auf Demonstranten eingeprügelt. Die Staatsanwaltschaft erhob keine Anklage, weil die Opfer nicht in den Genitalbereich geschlagen worden seien. Auch jetzt werfen Randalierer Steine, Flaschen und Tomaten. Doch diesmal ist wenigstens die Polizei vorbereitet. Sie hält die Angreifer mit Wasserwerfern und Tränengas auf Distanz.

„Fridays for Future“ in Polen

"Fridays for Future" in Polen. Die Bewegung ist dort nur klein. Zu den Demonstranten gehört auch Ania Pawowska (mit Fahrrad).

Honoratas Mutter, eine pensionierte Juristin, ist stolz, dass ihre Tochter nicht klein beigibt. "Ich habe sie so erzogen, dass alle Menschen gleich sind", sagt sie. Auf dem Küchentisch liegt die "Gazeta Wyborcza", die einzige verbliebene liberale Tageszeitung des Landes. Kaczyski lacht ihr von der Titelseite entgegen. Im Wahlkampf hat er eine Herabsetzung des Renteneintrittsalters versprochen und angekündigt, dem Land noch lange als Politiker dienen zu wollen. Konrad Adenauer habe in Deutschland seine Kanzlerschaft erst im Alter von 73 Jahren überhaupt angetreten. Kaczyski ist 70.

"Klimastreik der Jugendlichen"

Nur ganz zaghaft entwickelt sich in Polen so etwas wie ein Aufbegehren. Ausgerechnet bei der Bewegung "Fridays for Future", die unter diesem Namen kaum einer in Polen kennt. Die Macher haben ihrer Aktion extra den polnischen Namen "Klimastreik der Jugendlichen" verpasst. "Es soll sich für die Leute so anfühlen, als komme es von innen, damit sie nicht denken, es sei vom Westen diktiert", sagt Ania Pawowska, 16, eine der Organisatorinnen in astreinem Englisch.

Ihre Mutter ist aus Boston. Sie weiß, dass sie Teil der Elite ist. Für ihre Familie ist Wohlstand nichts Neues. "Die meisten hier sind noch mit dem späten amerikanischen Traum von Haus, Auto und Familie beschäftigt. Sie haben Angst, sich diesen zu zerstören", sagt Ania. "Aber wir spüren, dass wir inzwischen gehört werden. Es gibt jede Menge junge Leute, die weltoffen sind."

Es sind vor allem Mädchen, fast 70 Prozent, schätzen Soziologen. Ihre Demos beginnen freitags um 16 Uhr, wenn die Schule vorbei ist. Die Hemmschwelle, mitzumachen, soll möglichst niedrig sein. "Viele, die dabei sind, haben zuvor noch nie eine Demo erlebt", sagt Ania.

Von der Stadt wird ihnen für ihre Treffen das Holzhaus im Zentrum zur Verfügung gestellt. Sie sind der Spaltung in ihrem Land müde. "Jeder lebt in seiner Blase. Das muss sich ändern", sagt Ania. Gerade deswegen möchten sie sich nicht von einer Partei vereinnahmen lassen. Sie spricht von Dialog, Gemeinschaftssinn, von Vielfalt statt Ausgrenzung und von wachsenden Teilnehmerzahlen. Doch im Vergleich zum restlichen Europa sind sie bescheiden. Politisch spielen sie bei der kommenden Wahl keine Rolle.

"Aber vielleicht wächst hier generell etwas heran", sagt Ania. Vielleicht sogar eine kommende Generation, die Hoffnung macht. Es klingt, als wolle sie sich selbst Mut machen. 

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