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Rumänien-Serie, Teil 4: "Dann gibt's abends eben nur einen Tee"

Warum muss eine 72-Jährige immer noch zwei Mal die Woche arbeiten gehen? Weil die Rente für ihre Medikamente nicht reicht. Über das teure Leben mit einer kleinen Pension - und warum früher auch nicht alles besser war.

Von Karin Spitra, Bukarest

Es gibt Menschen, die hat das Leben so gebeugt, dass sie sich immer sehr aufrecht halten. So ein Mensch ist Florica Filip: 72 Jahre alt ist sie jetzt und geht so aufrecht, als hätte sie ein Lineal verschluckt. Für unser Gespräch hat sie sich herausgeputzt, eine "gute" Bluse angezogen. Die Wohnung ist aufgeräumt, sogar eine Flasche Sangria hat sie gekauft, für später, um nach dem Interview anzustoßen, dem ersten in ihrem Leben.

Schule, Hochzeit, Kind - und wohnen bei den Schwiegereltern

Florica wohnt am Stadtrand von Bukarest, in einer kleinen Blockwohnung - wo auch sonst. Sie fängt an zu erzählen: Von der Kindheit in der Stadt Galati, unweit des Donaudeltas und von unendlich langen heißen Sommern. Von strengen Eltern und von der Einsamkeit als Einzelkind. Vom Handelsgymnasium und der Liebe zu Zahlen. Irgenwann kommt noch eine andere Liebe dazu: Sie lernt einen Mann kennen und heiratet. "Er war beim Zoll und trug so eine schöne Uniform", seufzt sie - mehr erzählt Florica nicht von ihm. Er wird nach Constanza versetzt, der Hafenstadt am Schwarzen Meer, und Florica geht mit. Arbeitet dort als Buchhalterin bei einer Behörde. Wenigstens das müssen gute Jahre gewesen sein.

Dann der Umzug nach Bukarest, wieder seinetwegen. Sie ziehen zu seinen Eltern, in eine Blockwohnung mit drei Zimmern. Zu viert lebt man auf knapp 60 Quadratmetern, das war damals so. Bald ist man dort zu fünft: 1959 wird ihre Tochter geboren. Mit dem Mann geht es nicht mehr so gut, er soll getrunken haben. Erst 17 Jahre später kommt der Umzug in die eigene Wohnung, da ist Florica 41 Jahre alt. "Endlich", sagt sie. Über den Mann sagt sie nichts mehr. Es gab andere Sorgen.

Geld in der Tasche, nichts im Kühlschrank

"Langsam wurde es immer schwerer mit der Versorgung. Man hat nichts mehr zum Essen in den Geschäften gefunden, die Regale waren ständig leer", erinnert sie sich. Und dass man zwar Geld in der Tasche hatte, aber nichts im Kühlschrank. "Wir waren damals so verzweifelt, dass wir mitten in der Nacht aufgestanden sind, um uns anzustellen - immer in der Hoffnung, dass wir noch drankommen, solange es Waren gibt. Man war entweder müde oder hungrig - so haben wir gelebt", sagt Florica und sitzt dabei kerzengerade auf ihrem Stuhl.

Hilfe gab es nur durch die Rentner in der Familie - die hatten Zeit, tagsüber in der Schlange zu stehen. "Wer niemanden hatte, blieb hungrig", sagt sie. Dass die cleveren unter den Pensionären Campingstühle dabei hatten und trotzdem viele dabei zusammengebrochen seien "in den heißen Bukarester Sommern, wenn die Temperaturen über 40 Grad kletterten und es keinen Schatten gab." Dass man sich an der Rückseite der Geschäfte, am Lieferanteneingang, anstellen musste, "damit Ceausescu und seine Entourage bei den Fahrten durch die Stadt keine hungrigen Menschen sehen." Auch dass diese Zeit die Menschen deformiert habe, erzählt Florica - sie selbst eingeschlossen: "Ich habe damals jahrelang niemandem mehr ins Gesicht geschaut - nur noch auf die Einkaufstaschen." Und dann habe sie gefragt "Woher haben Sie das?". Richtig in den Weg gestellt habe sie sich.

Die Geburtsstunde der Korruption

"In dieser Zeit entstanden Korruption und Vetternwirtschaft", glaubt Florica. Man wollte Butter? "Natürlich gab es im Geschäft keine", erzält Florica - aber vielleicht kannte der Cousin der Nachbarin jemanden, der Zugang zu Butter hatte. "Also musste man den Cousin belohnen, die Butter deutlich teurer kaufen und dann war man auch noch der Nachbarin einen Gefallen schuldig. Es ging wirklich alles nur noch über Beziehungen."

Da sei es heute schon besser, findet sie. Jetzt gebe es alles in den Geschäften. Wer kein Geld hat, könne versuchen, welches zu verdienen. Und das mit den Rentnern, für die das Leben kaum noch zu bezahlen wäre, lässt Florica auch nicht so einfach gelten. "Es hat ja auch einen Grund, dass viele so eine niedrige Rente haben - auch wenn das keiner erzählen will. Die haben einfach nicht gearbeitet." Meist seien das Frauen von hohen Parteibonzen oder Geheimdienstleuten gewesen, die nach 10, 15 Jahren auf krank gemacht hätten - und sich mit dem Segen eines geschmierten Arztes in die Frühpension verabschiedeten. "Ich habe 33,5 Jahre gearbeitet und bin regulär mit 55 Jahren in Rente gegangen", sagt sie stolz.

Geheizt wird nur das Schlafzimmer, abends

Deshalb hat Florica eigentlich auch genug Beitragsjahre für eine gute Pension: 616 RON bekommt sie, die Durchschnittsrente liegt bei 374 RON (110 Euro). Das Geld reicht dennoch nicht. Sie rechnet vor: "Ich wohne jetzt hier in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Diese 45 Quadratmeter gehören mir, aber ich zahle jeden Monat noch 200 RON für Betriebskosten, Strom, Kabelfernsehen und Telefon. Im Winter kommt noch die Heizung dazu, da sind es dann 50 RON mehr." Deshalb wird auch schon lange nicht mehr die ganze Wohnung geheizt. Die Kücke bleibt kalt, immer. "Wenn ich dort sitze, zünde ich die Gasflamme am Herd an und lasse sie auf höchster Stufe laufen. Noch geht das, weil jede Wohnung nur eine Pauschale zahlt, aber bald wollen sie Gaszähler installieren, dann ist auch das vorbei." Das Wohnzimmer wird nur geheizt, wenn Besuch kommt, das Schlafzimmer nur noch abends.

Zum Leben bleiben also noch 360 RON. Davon müssen dann auch noch Arztbesuche und Medikamente gezahlt werden. "Warum wohl gehe ich mit 72 Jahren noch arbeiten?", fragt sie." Ich brauche Arzeimittel gegen den hohen Blutdruck und gegen den Rheumatismus. Manchmal habe ich nicht genug Geld für beides, und dann muss ich mich entscheiden, wofür ich das Geld ausgeben. Ohne die Rheumamittel habe ich aber so große Schmerzen, dass ich nicht putzen kann. Also kaufe ich diese Pillen - und könnte an einem Schlaganfall sterben, weil ich die Medikamente gegen die Bluthochdruck aussetze. Es ist ein Teufelskreis."

Krankenhaus ginge - aber nur mit Schmiergeld

Ins Krankenhaus kann sie auch nicht. Seit über drei Jahren war Florica nicht mehr dort, eigentlich müsste sie dringend neue Untersuchungen machen lassen. Auch eine Überweisung hätte sie, "aber ich gehe nicht, weil ich kein Schmiergeld habe." Und sie erzählt, dass man allen etwas zustecken müsse: Von der Frau, die einem die Bettwäsche wechselt, über die, welche die Handtücher bringt, bis zur der Frau, die einem Blut abnimmt - und natürlich dem untersuchenden Arzt. Wer nicht schmiert, liegt dort, als sei er unsichtbar. "Das heißt jetzt nicht, dass jeder Geld bekommt - bei den meisten reichen auch Pralinen oder Kaffee oder so etwas, aber auch das muss man ja bezahlen."

Ihre Cousine sei in Timisoara am Herzen operiert worden, "das hat sie 3000 RON (ungefähr 895 Euro) gekostet. Das Geld musste sie dem Arzt in einem Briefumschlag zustecken. Zusätzlich kam dann noch die normale Rechnung in Höhe von 1500 Ron - sie musste sogar für den Faden zahlen, mit dem man sie wieder zugenäht hat."

"Sie dachten, ich bin in einer Sekte"

Also geht Florica mit 72 Jahren noch Putzen. "Meine Tochter dachte zuerst, ich bin in einer Sekte gelandet, weil ich plötzlich an drei Tagen verschwunden war." Zu groß war anfangs die Scham, um es zu beichten. Aber das war einmal, genauso wie die drei Tage pro Woche. Jetzt schafft es Florica nur noch zwei Mal die Woche: Von acht Uhr morgens bis nachmittags um vier - mehr geht wegen des kaputten Knies nicht. "Ich habe jetzt schon Angst, was einmal wird, wenn ich nicht mehr arbeiten kann. Dann kann ich eigentlich nur noch beim Essen sparen." So würden es viele alten Leute machen, die sich zwischen Essen und Arzneimitteln entscheiden müssten. "Dann gibt es abends eben nur noch einen Tee - sonst nichts."

Im nächsten Teil der Rumänien-Serie lesen Sie, warum einer 26-Jährigen nur die Flucht in die Großstadt blieb - und warum sie auch sonst gegen jede Menge Konventionen verstößt.

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