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Sex-Skandal statt Reformen Berlusconi und Ruby halten Italiens Medien auf Trab


Italiens Medien schwelgen in wüsten Auszügen aus Mitschnitten von Telefongesprächen. Berlusconi steht (wieder einmal) im Zentrum eines Sex-Skandals. Der Ministerpräsident wehrt sich: Er habe eine feste Freundin. Die Opposition fordert seinen Rücktritt.

Im In- und Ausland hat man sich fast daran gewöhnt: Die Nachricht, Silvio Berlusconi befinde sich aufs Neue im Zentrum eines Sex-Skandals, regt niemanden mehr so richtig auf. Was allerdings bisher aus den Ermittlungsakten der Mailänder Staatsanwaltschaft an die Öffentlichkeit drang, sorgte dann doch für Wirbel. Einen ganzen Harem junger Frauen soll der italienische Regierungschef in seinen Mailänder Wohnungen gehalten haben. Für Geld, Schmuck und Wohnung seien die "ragazze" ("Mädels") - zu heißen Nächten in der Villa des Premier eingeladen worden.

Vor allem linksorientierte Medien schwelgen in Auszügen mitgeschnittener Telefongespräche. Von "Bunga-Bunga" ist wieder die Rede, von alten Männern und jungen Frauen. Während die Verdächtigten aufs Neue beteuern, "Bunga-Bunga" sei nur ein Scherz, vermuteten andere wüste Praktiken. Mitschnitte wie der eines Telefonats zwischen einer Berlusconi-Parlamentarierin mit dem Chef von Berlusconis TV-Sender Rete 4, Emilio Fede, taten ihr Übriges. "Du hast zwei Freundinnen dabei? Also Bunga-Bunga, Mist", wird Maria Rosaria Rossi der Regierungspartei PdL (Volk der Freiheit) am Dienstag zitiert.

Berlusconi will sich das nicht gefallen lassen. "Machenschaften", war seine erste Reaktion. In einer Videobotschaft ging er noch weiter in die Offensive: Er habe seit der Trennung von seiner Frau Veronica Lario eine feste Freundin und noch niemals Sex gekauft, protestierte der 74-Jährige. Seitdem rätselt Italien, wer die Frau an der Seite des Premier sein könnte. Berlusconi hüllt sich in Schweigen. Und viele haben den öffentlich gemachten Scheidungsgrund seiner Ex-Frau noch in den Ohren: Sie könne nicht mit jemand leben, der sich mit Minderjährigen treffe.

Im Zentrum der neuen, alten Ermittlungen der Staatsanwälte steht tatsächlich ein blutjunges Partygirl: Die heute 18-jährige Marokkanerin "Ruby Rubacuori" ("Ruby Herzensdiebe"), die bürgerlich Karima El Marough heißt, soll schon mit 17 zum angeblichen Harem Berlusconis gehört haben. Sie habe im vergangenen Jahr zahlreiche Nächte auf dem Luxus-Anwesen des Cavaliere verbracht, hieß es.

Die Brünette mit einer Vergangenheit auf der schiefen Bahn hatte schon 2010 für Aufregung gesorgt. Sie war im Sommer wegen Diebstahls festgenommen worden. Im Oktober platzte die Bombe, dass Berlusconi sie mit einem Anruf höchstpersönlich vor dem Gefängnis bewahrt hatte. Der Cavaliere soll damals der Polizei empfohlen haben, die Marokkanerin lieber einer Regionalabgeordneten seiner Regierungspartei anzuvertrauen, statt sie festzusetzen. Heute steht eben diese Abgeordnete Nicole Minetti unter dem Verdacht, den Mailänder "Harem" für Berlusconi kontrolliert zu haben.

Ruby und der Medienzar haben bisher bestritten, Sex miteinander gehabt zu haben. Die Ermittler halten Telefonmitschnitte dagegen, in denen sich Ruby alias Karima anders äußert: "Er hat mir versprochen, mich mit Gold zu überschütten, wenn ich alles ableugne", zitieren Medien aus einem Gespräch des Mädchens mit einer Freundin. Sie habe fünf Millionen für ihr Schweigen gefordert. Ob das als Beweis ausreicht, ist jedoch fraglich. Und da gerichtliche Untersuchungen in Italien gewöhnlich lange dauern, ist ohnehin nicht so bald mit einem Ergebnis des neuerlichen Showdowns zwischen den Mailänder Richtern und Berlusconi zu rechnen.

Berlusconis Minister beteuerten indes ihre Solidarität mit dem Regierungschef. Doch angesichts der eben erst knapp überstandenen Regierungskrise kann der Skandal dem Kabinett nur Sorgen bereiten. Staatschef Giorgio Napolitano fordert Aufklärung, die Opposition hingegen aufs Neue lautstark den Rücktritt Berlusconis. Neben dem Image-Schaden für ganz Italien scheint das größte Problem jedoch der absehbare politische Stillstand. Denn anstatt um die Probleme des unter der Wirtschaftskrise leidenden Landes wird es wohl auch in den kommenden Wochen erneut nur um die privaten Affären des Cavaliere gehen.

Kathie Kahle, DPA DPA

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