Stürmung der Roten Moschee "Es sind viel mehr gestorben"


Zwei Tage nach der Stürmung der Roten Moschee in Islamabad gewinnen immer mehr Pakistanis den Eindruck, dass sie von der Regierung belogen werden, dass viel mehr als die offiziell angegebenen 102 Menschen gestorben sind. Die Wut unter der Bevölkerung steigt.
Von Steffen Gassel

Niaz Akbar weiß immer noch nicht, was mit seiner Schwester geschehen ist. Zwei Tage sind seit dem blutigen Kampf um die Rote Moschee vergangen. Genauso lange ist der junge Mann schon auf der Suche nach Aischa. Die 19-Jährige war Schülerin an der Madrassa Hafsa, der Koranschule für Mädchen, in deren Kellergewölben die schlimmsten Gefechte tobten. Hier starb der Anführer der Radikalen, Abdul Raschid Ghazi, im Kugelhagel. Seinen Tod hat das Militär noch während des Sturmangriffs gemeldet.

Doch ob Aischa überlebt hat oder nicht - das konnte Niaz bis heute niemand sagen. Nicht der Offizier, der die Liste der Überlebenden führt. der schüttelte den Kopf und schickte Niaz weiter zum Kollegen mit der Liste der Verletzten. Der Name der Schwester war nicht dabei. Da sagte der Soldat. "Geh und sieh nach, ob du sie auf dem Friedhof findest."

Rote Blütenblätter in der Mittagssonne

Das Gräberfeld hat keinen Namen, nur eine Nummer: H11. Seit die Regierung bekannt gegeben hat, dass hier 73 der 102 Leichen liegen, die nach offiziellen Angeben auf dem Gelände der Roten Moschee geborgen worden sind, ist der Acker im Süden von Islamabad zum letzten Anlaufpunkt vieler verzweifelter Angehöriger geworden. Doch auch der Besuch von H11 bringt ihnen keine Gewissheit: Die 67 Grabhügel in vier Reihen sehen einer aus wie der andere - Nummern oder Namen gibt es nicht. In der Mittagssonne streuen Jungen rote Blütenblätter aus Plastiktüten auf die Erdhaufen. Ein Hauch von Rosenduft liegt in der heißen Luft.

"Was ist das für ein Land, in dem die Regierung unsere Schwestern und Brüder erschießt - und sie uns danach nicht einmal beerdigen lässt", sagt Niaz. Die Männer in der Runde nicken. Sie alle sind zu spät gekommen. Nur die Totengräber sahen zu, als im Morgengrauen Busse und Lastwagen vorfuhren und Angestellte der Stadtverwaltung eine Bretterkiste um die andere abluden und in die Gruben legten. "Die waren größer als normale Särge. In manchen lagen zwei oder drei Tote", sagt einer der Arbeiter. Und nährt damit den Verdacht, der für Niaz und viele andere Pakistaner langsam zur Gewissheit wird: "Die Regierung lügt. Es sind viel mehr gestorben, als sie uns sagt."

Die Wut wächst

Aus der Ungewissheit wächst die Wut. In der Norwest-Grenz-Provinz, aus der Niaz' Familie stammt, haben sich gestern zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, drei Polizisten und vier Soldaten in den Tod gerissen. Auch politisch gerät Präsident Muscharraf unter Druck. Der Chef des islamischen Oppositions-Bündnisses MMA, Qazi Hussein Ahmad, zweifelte heute öffentlich die Angaben der Regierung an: In Wahrheit seien zwischen 400 und 1000 Menschen beim Sturm auf die Rote Moschee gestorben.

Wie er fragen sich viele Pakistaner: Warum wurden 1100 Leichensäcke bestellt - bei angeblich nur 102 Toten? Wo sind die Überlebenden - angeblich konnten noch am Dienstag 85 Menschen aus der Moschee fliehen? Und was ist mit den anderen? Vor dem Sturm hieß es, mindestens 700 harrten immer noch in der Roten Moschee aus. Die Antwort auf diese Fragen blieb Muscharraf auch bei seiner Fernsehansprache an die Nation am Donnerstagabend schuldig. Stattdessen rühmte er die Spezialeinheiten, die den Sturm auf die Moschee geleitet hatten - und bei denen auch er als junger Soldat Dienst geleistet hatte.

Ein Bild des Grauens

Wie schrecklich der Kampf gewesen sein muss, davon durften sich bisher nur die Journalisten ein Bild machen - auf einer vom Militär geführten Gruppentour. Besonders in der Madrassa Hafsa bot sich ein Bild des Grauens: Die beiden oberen Stockwerke waren mit Einschusslöchern übersäht, die Wände der Kellergewölbe rußgeschwärzt, Deckenventilatoren und Stahlregale von großer Hitze verbogen, im Boden und an den Wänden immer wieder Spuren von Granateneinschlägen. In vielen Klassenzimmern lagen zwischen Schutt und Scherben offene Schulhefte, Bücherstapel, einzelne Schuhe und Mädchenkleidung. Fromme Gedichte auf den Wänden der Innenhöfe gaben einen Eindruck von dem Geist, der hier geherrscht hat: "Diese Welt ist voller schöner Farben. Aber erst wenn wir ins Grab hinabsteigen, öffnet sich uns die wirkliche Welt."

Am Ausgang der Koranschule präsentierte das Militär die Reste des Waffenarsenals der Islamisten, darunter dutzende Kalaschnikows, leichte Maschinengewehre, Tausende Schuss Munition, drei Pepsi-Kästen mit Molotov-Cocktails, Handgranaten, selbstgemachte Sprengfallen, zwei Panzerminen und ein Selbstmordgürtel. Daneben lagen Funkgeräte und stapelweise CDs, fast alle mit dem Wort "Dschihad" beschriftet. "Die Waffen vermitteln Ihnen einen Eindruck davon, wie gefährlich diese Leute waren", erklärt ein Militärsprecher. "Wir werten es als unseren Erfolg, dass in diesem Kampf nicht viel mehr Leute gestorben sind." Doch Niaz hat, wie viele andere, das Vertrauen in Militär und Regierung verloren. "Das ist alles eine große Show", sagt er. "Muscharraf will der Welt beweisen, dass nur ein Militärdiktator dieses Land regieren kann."

Und dann erzählt er noch etwas. Zwei Tage vor dem Sturmangriff, am Sonntag, habe Aischa, seine Schwester ihn zum letzten Mal auf dem Handy aus der umzingelten Moschee angerufen. "Ich will hier raus", habe sie gesagt. "Aber die Soldaten schießen auf alles, was sich bewegt." - Für Niaz gibt es keinen Zweifel: "Aischa war nicht die Geisel der Islamisten. Sie war Muscharrafs Geisel."


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