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stern-Reportage

Elite des Landes: Generation Mandela: Sie waren Südafrikas Hoffnung - nun leben sie inmitten von Korruption

Sie waren die Hoffnung Südafrikas. Aufgewachsen in Freiheit. Doch auch die neue Elite des Landes lebt inmitten von Korruption und Misswirtschaft. Die Reichen werden reicher. Und die Armen vergessen.

Von Joachim Rienhardt

Südafrika: Nach dem Ende der Apartheid herrscht noch immer Armut

Zum Pferderennen in Durban trifft sich jedes Jahr die neue Oberschicht Südafrikas mit Politikern des Landes. Privatpartys wie diese kosten 500 Euro Eintritt

Viel mehr als ihr Glaube an Gott ist Cynthia Xoliswa von ihrem Leben nicht geblieben, aber auch heute hat sie es nicht zum sonntäglichen Kirchgang geschafft, einst der Höhepunkt ihrer Woche. Wieder hat sie die ganze Nacht nicht in den Schlaf gefunden. Ein ums andere Mal ist sie aufgestanden, hat kontrolliert, ob tatsächlich alle Fenster und Türen fest verschlossen sind und auch die Gitter davor, die sie gerade erst hat anbringen lassen.

Erst frühmorgens, bei Sonnenaufgang, ist ihre Angst dem Schlaf gewichen. Jetzt ist es schon kurz vor Mittag, und Cynthia Xoliswa ist gerade aufgestanden. Fahl ihre dunkle Haut, die Augen müde. So geht das seit der unheilvollen Nacht im Oktober vergangenen Jahres, als Einbrecher sie heimsuchten, obwohl bei ihr nicht viel zu holen ist. Etwas Fleisch, gefrorenes Gemüse, einen Zipfel Wurst, eine Tüte Milch, die restliche Butter, Ketchup. "Sie haben den Kühlschrank komplett leer geräumt", sagt Cynthia Xoliswa. "Seither denke ich jede Nacht: Was passiert, wenn die wiederkommen?"

Aufbruchsstimmung

Sie lebten immer in Armut hier in Ndevana, einer weit zerstreuten Siedlung mit 15 000 Einwohnern im hügeligen Nirgendwo der Ostkap-Provinz, einst den Schwarzen vom Apartheid-Regime als Siedlungsgebiet zugewiesen. Cynthia Xoliswa war als örtliche Sekretärin der South African National Civic Organisation (Sanco) aktiv im Kampf gegen die Unterdrücker. Sie fühlte sich unendlich stolz, als er endlich gewonnen war. Schwarze Kinder an Schulen für Weiße, ein Strand für alle, keine gesonderten Warteschlangen mehr, keine getrennten Sitzplätze im Bus.

"Hier herrschte Aufbruchsstimmung", sagt Cynthia in ihrem Wohnzimmer, in dem zwei Hunde aus Porzellan den Fernseher bewachen. Dann legt sie ihre Hände in den Schoß, und ihre Stimme wird leise. "Heute ist die Situation schlimmer als früher. Überall Armut, Arbeitslosigkeit, Drogensucht."

Sie ist jetzt 65 Jahre alt. Täglich klopfen wildfremde Menschen an ihre Tür, um zu betteln. Beim Nachbarn wurde viermal eingebrochen im vergangenen halben Jahr. Es kommt häufiger vor, dass Frauen in Cynthias Alter von Einbrechern im Crack-Rausch vergewaltigt werden. Vor drei Wochen hörte sie Schüsse peitschen, nur 300 Meter von ihrem Haus entfernt starben vier Jugendliche nach einer Schießerei. "Hat sich unser Kampf gelohnt?", fragt Cynthia Xoliswa. "Manchmal denke ich, es war alles vergebens."

Armut trifft inzwischen auch immer mehr Weiße – wie diese Kinder in einem Township in Johannesburg

Armut trifft inzwischen auch immer mehr Weiße – wie diese Kinder in einem Township in Johannesburg

Viele Schwarze fühlen sich verraten von den einstigen Weggefährten der Befreiungsbewegung African National Congress (ANC), die Südafrika nach wie vor fest im Griff hat. Ein knappes Jahrzehnt unter dem im Februar geschassten Präsidenten Jacob Zuma hat Südafrika um Lichtjahre zurückgeworfen. Zuma hat das Land wie ein Stammeskönig geführt. Mit seiner Clique hat er nicht nur geschätzt 13 Milliarden Euro abgezweigt, Staatsbetriebe ausgeblutet und Investoren verschreckt. Schlimmer, sie haben den Traum der Regenbogen-Nation entführt und vielen die Hoffnung auf ein besseres Leben genommen.

Die hatte Cynthia Xoliswa vor allem für ihre Enkel. Alle 20 gehören zur Generation der "Born Frees". So werden jene Südafrikaner genannt, die nach dem Ende der Apartheid geboren sind. Sie stellen gut die Hälfte der Bevölkerung. Viele von ihnen fühlen sich als Generation der Betrogenen – und werden nun zur Bedrohung. Für die Aussöhnung, die Wirtschaftskraft, den Frieden im Land.

Das ungleichste Land der Welt

Zwar haben es im neuen Südafrika sechs Millionen Schwarze aus der Armut in die Mittelklasse geschafft. Doch nie zuvor klafften die Lebensverhältnisse von Arm und Reich so weit auseinander. Südafrika gilt heute als das ungleichste Land der Welt. Manche sehen bereits neue Rassenunruhen heraufziehen. Nicht nur in den stets wachsenden Townships der großen Städte ist die Lage desaströs, sondern vor allem auf dem Land wie hier in Ndevana in der Ostkap-Provinz, auch "Heimat der Helden" genannt. Viele großen Anti-Apartheid-Kämpfer stammen von hier.

"Sie haben ihre eigenen Leute vergessen. Für sie heißt Freiheit, sich die Taschen zu füllen und an ihren Ämtern zu kleben", sagt Lina Deliwe, der älteste Enkelsohn von Cynthia, der gerade von der sonntäglichen Messe zurückgekommen ist. Ein halbes Jahr bevor Mandela sein Amt als Präsident antrat, wurde er geboren. Seine Mutter hat ihn bereits vier Wochen danach in die Obhut der Großmutter gegeben, um als Hausangestellte in Kapstadt Geld zu verdienen.

Als er dann zur Uni nach Kapstadt ging, hatte er das Glück, bei seiner Mutter wohnen zu können. Heute ist Deliwe der Stolz der ganzen Familie. Er hat in Verwaltungsrecht reüssiert, absolviert gerade ein Praktikum bei der Stadtverwaltung, Abteilung Personalwesen. "Ich war der einzige meiner Klasse, der es hier rausgeschafft hat", sagt er. "Das gelingt den wenigsten. Und die, die es schaffen, lassen sich hier nicht mehr blicken."

Nelson Mandela ist überall präsent in den Hütten in Ndevana, Ostkap-Provinz. Hier hat sich kaum etwas verändert

Nelson Mandela ist überall präsent in den Hütten in Ndevana, Ostkap-Provinz. Hier hat sich kaum etwas verändert

Schon jetzt am Vormittag wanken betrunkene Jugendliche in die Kneipe an der Ecke. Manche verdingen sich unten an der Hauptstraße als Autowäscher. Kaum einer von ihnen, der noch nicht im Gefängnis saß. Einbruch, Diebstahl, Mord – jedes Delikt ist hier vertreten. Direkt nebenan ist das "Empilisweni-Centre" in einem Flachdachbau hinter hohen Zäunen verschanzt. Finanziert wurde es von der staatlichen Lotterie als Tagesstätte für Aids-Waisen. Heute ist es die einzige Sozialstation der ganzen Stadt. Sonst gibt es nur den staatlichen Gesundheitsposten, besetzt mit drei Schwestern. Ein Arzt kommt einmal im Monat.

"Die Generation Born Free übersetzt free mit der Freiheit, alles zu tun, was verboten ist", sagt Nelly Gantesho, die Finanzchefin des Centers. Die meisten Kinder wachsen bei ihren Großmüttern auf, deren Rente das einzige Haushaltseinkommen ist. In vielen der Wellblechhütten hängt noch das Porträt von Nelson Mandela, wie ein Trostspender. Allein gestern haben die Helfer bei Hausbesuchen 29 unterernährte Kinder mitgenommen.

Gangster als Vorbilder

In der örtlichen Highschool wird der Reis-Mais-Brei zum Mittagessen bereits um 10 Uhr in der Früh ausgegeben, weil die meisten Schüler mit leerem Magen kommen. Überall liegt Müll. Von der Latrine weht ein übler Geruch über den Schulhof. Nach der Pause zwängen sich je rund 80 Schüler in einen Klassenraum. Es herrscht Mangel an Lehrern, von denen die meisten diese Bezeichnung nicht verdienen. Viele würden an den Aufgaben scheitern, die sie ihren Schülern vorlegen. Die Posten werden von der Gewerkschaft verteilt. 80 Prozent der Schüler würden das Diplom für die Hochschule schaffen, verkündet der Schulleiter. Das ist die Quote, die der Propaganda der Regierung entspricht. Die verbreitet schamlos Erfolgsmeldungen, obwohl die meisten der Absolventen nur dürftig lesen und schreiben können, weil Mittel für Schulen nach wie vor auf dem Weg in die Provinz versickern.

"Diese Kinder sind künftig nicht nur arbeitslos. Sie sind schlicht nicht vermittelbar", sagt Lina Deliwe. "Das miserable Bildungssystem ist der größte Hemmschuh unserer Entwicklung." Der einzige Freund, der ihm aus Schulzeiten geblieben ist, ist auch der einzige, der einen Job im nahen East London ergattert hat – bezeichnenderweise in einem Callcenter, das Geld von säumigen Schuldnern eintreiben soll. Er heißt Aya Bulela.

Cynthia Xoliswa, 65, kämpfte einst als Aktivistin gegen die Rassentrennung. Ihre Enkel sollten es besser haben

Cynthia Xoliswa, 65, kämpfte einst als Aktivistin gegen die Rassentrennung. Ihre Enkel sollten es besser haben

"Gangster sind die Vorbilder der Jungs hier. Nur sie haben Geld für Klamotten und Handys. Deswegen träumen sie alle von einer kriminellen Karriere", sagt er. Dann schimpft er auf den ANC. "Die sagen, sie haben uns die Freiheit geschenkt. Hier sind 90 Prozent der jungen Leute arbeitslos. Was für eine Freiheit ist das?" Er hilft Deliwe bei dessen kleiner Privatinitiative, mit der er im Ort eine Bibliothek aufbauen möchte – mit Internetanschluss. Deliwe hat dafür den ersten Schwung Bücher aus Kapstadt mitgebracht. Jetzt macht er sich auf den Weg zum Fußballfeld. Kinder spielen barfuß wie zu Zeiten der Apartheid. Deliwe verteilt alte Trikots des FC Nette, die er sich über Freunde in Deutschland besorgt hat. Er hofft, die Jungs mit dem Sport von Drogen fernzuhalten.

"In den Metropolen drängen sich die Hilfsorganisationen", sagt Deliwe. Allein in Vrygrond, dem Township bei Kapstadt, wo er als Student bei seiner Mutter wohnte, gibt es 40 Freiwilligen-Vereine für 40.000 Menschen. Erst Anfang des Jahres hat dort eine Initiativgruppe von Lufthansa-Mitarbeitern eine weitere Schule eröffnet. "Aber hier auf dem Land passiert nichts. Dabei lebt hier die große Mehrheit. Hier wird Hilfe viel dringender benötigt."

Molotowcocktails

Auch bei dem einst vollmundig angekündigten Projekt der Regierung, das die Bedürftigsten mit Häusern versorgen soll, ist man um viele Jahre im Verzug. Oft bekommen jene den Zuschlag, die mit ANC-Funktionären befreundet sind. Normale Antragsteller rutschen auf den Wartelisten immer weiter nach hinten. Proteste gegen Korruption und Mangelversorgung gehören landesweit zum Alltag. Gerade erst machte sich die Wut der aufgebrachten Menge auch in King Williams Town Luft, nur wenige Kilometer von Ndevana entfernt.

Scherben, ausgebrannte Molotowcocktails, herausgerissene Steine liegen noch direkt vor dem Steve-Biko-Zentrum, das man zu Ehren des südafrikanischen Bürgerrechtlers hier an seinem Geburtsort gebaut hat. Steve Biko war der Mitbegründer der "Bewegung für schwarzes Selbstbewusstsein". Sein Wahlspruch hängt groß an der Wand: "Schwarze sind es müde, von der Außenlinie ein Spiel zu beobachten, das sie selbst spielen sollten. Sie wollen Dinge für sich selbst erledigen."

Lina Deliwe (r.) ist aus Kapstadt zurückgekehrt an den Ort seiner Kindheit. Er ist einer der wenigen, der den Menschen hier hilft

Lina Deliwe (r.) ist aus Kapstadt zurückgekehrt an den Ort seiner Kindheit. Er ist einer der wenigen, der den Menschen hier hilft

Den Buren ist jeder Protest von Schwarzen gegen die eigene Regierung eine Bestätigung, dass besser alles beim Alten geblieben wäre. Für sie ist die Befreiung von der Apartheid nach wie vor ein Betriebsunfall der Geschichte, und die Skandale des abgesetzten Präsidenten Jacob Zuma sind der Beweis, dass Schwarze nicht in der Lage sind, ein Land zu regieren.

Noch immer kommen täglich neue Einzelheiten ans Licht, wie Zuma mutmaßlich unter tatkräftiger Mithilfe der Unternehmerfamilie Gupta die höchsten Institutionen des Staates entmachtete und Milliarden von Dollar in die eigenen Taschen umleitete. Gerade sickern Details über den Auftrag Zumas an eine britische PR-Firma ans Licht, die auf Geheiß des Präsidenten für viel Geld Rassenhass schüren sollte, um von den eigenen Fehlern abzulenken.

Die Propaganda verfängt

Die Buren machen es den Hasspredigern einfach. Es kommt schon mal vor, dass sie in ihren Kakiuniformen per Autokorso nach Kapstadt fahren, um gegen Morde an weißen Farmern zu protestieren. Dabei versuchen sie den Eindruck zu erwecken, die Angriffe auf Farmen der Weißen seien politisch motiviert. Es handelt sich aber meist um Raubüberfälle, bei denen mehr Schwarze als Weiße sterben. Doch die Propaganda verfängt bei vielen Weißen im Land.

Sie fühlen sich ohnehin diskriminiert, weil die schwarze Bevölkerung per Gesetz auf dem Job-Markt bevorzugt wird, Black-Economic-Empowerment (BEE) genannt. Die Zahl der Weißen in Armut wächst rasant. Knapp eine halbe Million soll in Hüttenlagern leben.

"Die Spannung ist gewaltig", sagt Jan Philip van der Merwe, 35, kurz: "JP", ein Spross der alten, weißen Elite, dem früher allein die Hautfarbe eine Karriere und formidables Auskommen gesichert hätte. Obwohl er beste Schulen und Universitäten besucht, exzellente Abschlüsse sowie beste Verbindungen hat, kann er sich darauf heute nicht mehr verlassen.

Denis Goldberg, 85, saß als Weggefährte von Nelson Mandela lange Jahre im Gefängnis. Heute verurteilt er die Korruption der einstigen Freiheitskämpfer des ANC

Denis Goldberg, 85, saß als Weggefährte von Nelson Mandela lange Jahre im Gefängnis. Heute verurteilt er die Korruption der einstigen Freiheitskämpfer des ANC

Seine Mutter Susan kämpfte einst in den Reihen des ANC gegen das Apartheid-Regime, stieg zur stellvertretenden Außenministerin auf. JP schrieb über sechs Jahre hinweg viele Dutzend Bewerbungen – ohne Erfolg. "Auch ich fühlte mich ausgeschlossen", sagt er. Er überlegte, das Land zu verlassen. Viele seiner Altersgenossen sind längst weg. Doch er blieb. "Ich bin wohl einer der wenigen Weißen, die sich nicht über die Bevorzugung der Schwarzen beklagen", sagt JP. "Auf einen weißen Arbeitslosen kommen zehn schwarze. Es geht darum, Jobs für die große Mehrheit zu schaffen."

Geld-Olymp

JP sitzt hoch über Plettenberg beim Frühstückskaffee. Der Touristenort wird das Saint-Tropez Südafrikas genannt. Eine leichte Brise trägt das Schlagen der Meereswellen herauf. Adler kreisen über der Küste, die sich perlmuttfarben bis hinüber zu den Bergen des Garden Route National Park zieht. Seine Familie hat sich hier vor 20 Jahren ein Ferienhaus gebaut. "Die meisten haben immer noch ein Sicherheitsnetz, wenn es mal nicht so läuft", sagt JP. Er hat sich selbstständig gemacht, um die Quotenregelung zu umgehen. "Früher waren 80 Prozent der Bevölkerung ausgegrenzt", sagt er. "Nun müssen die Weißen Opfer bringen. Sie haben den Preis für die Vergangenheit noch nicht bezahlt."

Noch immer ist die weiße Elite im Besitz großer Teile des Kapitals sowie des Landes. Nur ein kleiner Teil der Schwarzen, meist hochrangige ANC-Mitglieder, sind in den Geld-Olymp aufgestiegen. Darüber wächst nicht nur der Frust in der schwarzen Mehrheit, sondern auch bei Mandelas Weggefährten. So auch bei Denis Goldberg, 1964 mit Mandela und sechs Weiteren zu viermal lebenslanger Haft verurteilt. Der 85-Jährige ist einer von zwei Überlebenden. Er darf heute als Stimme Mandelas gelten.

Eine Klasse in dieser Highschool in Ndevana hat bis zu 80 Schüler. Es gibt kaum Ausstattung, die Lehrer sind schlecht ausgebildet

Eine Klasse in dieser Highschool in Ndevana hat bis zu 80 Schüler. Es gibt kaum Ausstattung, die Lehrer sind schlecht ausgebildet

"Die Reichen werden reicher. Die Armen werden ärmer. Das Land ist nach wie vor gespalten. Dafür habe ich nicht 22 Jahre in Haft gesessen", sagt Goldberg in seinem Haus in Hout Bay, eine halbe Stunde südlich von Kapstadt. Er hat Lungenkrebs, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Seit Langem versucht er, den ANC wachzurütteln, hat Protestbriefe unterzeichnet. Er ist aufgebracht, wenn er über die ausufernde Korruption, mangelnde Bildung, Massenarbeitslosigkeit und das Drogenelend spricht. "Es gibt viele kleine Zumas im Land. Die Leute sind sauer, weil bei ihnen zu wenig ankommt", sagt er. "Wenn wir in Frieden leben wollen, müssen wir die Menschen zusammenbringen. Arm und Reich, Schwarz und Weiß."

Es staut sich der Hass in Südafrika

Seinen Wohnort nennt er einen Mikrokosmos, die fortbestehende geografische Apartheid ist gut sichtbar. Er selbst wohnt hoch über der Bucht im Viertel der Gemischtrassigen, Coloureds genannt. Im Tal reihen sich die Siedlungen der Weißen aneinander, bis hinauf nach Constantia, wo sich die Multimillionäre tummeln. Am Hügel auf der anderen Seite wuchern die Hütten der Armen immer weiter den Berg hinauf. Jeden Tag steigen Hunderte hinunter zur Hauptstraße und warten darauf, als Tagelöhner angeheuert zu werden.

Goldberg hat eine Kulturstiftung gegründet, mit der er die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft zusammenbringen möchte. Nach Jahren hat er immer noch kein Haus dafür gefunden. Er beobachtet, wie sich unter den Schwarzen Hass gegen die vielen Zuwanderer aus den Nachbarstaaten im Norden anstaut, die hier ihr Glück suchen. Er spürt die Ungeduld, besonders bei den Jungen. "Die interessieren sich nicht dafür, was früher einmal war. Die wollen studieren. Fortschritt, Wohlstand", sagt er. Etliche sagen, Mandela habe sie an die Weißen verkauft.

Jan Philip van der Merwe, 35, bewarb sich über sechs Jahre vergebens. Und befürwortet dennoch, dass heute Schwarze per Gesetz bevorzugt werden

Jan Philip van der Merwe, 35, bewarb sich über sechs Jahre vergebens. Und befürwortet dennoch, dass heute Schwarze per Gesetz bevorzugt werden

"Die großen Firmen haben versprochen, dass sie helfen, die Gräben zu schließen. Aber in Wahrheit werden die immer tiefer", sagt Goldberg. Er sorgt sich um den sozialen Frieden. "Teilen heißt überleben für uns alle." Das Apartheid-Regime habe ja auch nicht freiwillig die Macht abgegeben, sondern weil die Arbeiter gestreikt und die Wirtschaft zum Erliegen gebracht haben. Hat nicht Mandela allen mit auf den Weg gegeben, sich mit gleichen Mitteln gegen den ANC zu wehren, sollte die Sache mal aus dem Ruder laufen?

800 Ermittlungsverfahren gegen Zuma

Das soll nun Cyril Ramaphosa verhindern, ehemaliger Freiheitskämpfer, einst von Mandela als sein Nachfolger ausersehen, inzwischen zum hundertfachen Millionär aufgestiegen. Er möchte als großer Politiker in die Geschichte eingehen. Doch er hat nur die Hälfte der Partei hinter sich, die andere steht immer noch treu zu Ex-Präsident Zuma, gegen den knapp 800 Ermittlungsverfahren anhängig sind. Mit ihm würde wohl die Hälfte der Abgeordneten ins Gefängnis wandern, sollte der Staat ernsthaft durchgreifen. Vermutlich deswegen spielte Ramaphosa mit dem Gedanken, die Wahlen auf Herbst vorzuziehen. Gewinnt er, hat er freie Bahn.

Gerade ist er dabei, Minister zu feuern, die Führungsspitzen von Staatsbetrieben neu zu besetzen. Er versucht, bei seinem Balanceakt auch die radikale Linke von den Economic Freedom Fighters auf seine Seite zu ziehen. Deren Chef Julius Malema sagt schon mal, man müsse den Weißen die Kehle durchschneiden. Auf seinen Druck wurde auf dem ANC-Parteitag ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Enteignungen von Farmland ohne Entschädigung ermöglicht. Die Linke feiert. Investoren sind abgeschreckt. Das Ausland hat Südafrika mal wieder abgeschrieben.

Aus der Luft ist die Trennung des Lebens von Arm und Reich im Westen Johannesburgs gut sichtbar

Aus der Luft ist die Trennung des Lebens von Arm und Reich im Westen Johannesburgs gut sichtbar

"Es ist auch einfach, von Deutschland aus mit dem Finger auf uns zu zeigen", sagt Denis Goldberg und mahnt zu Geduld. Er hat durchaus Hoffnung. "Bislang sind 24 Jahre vergangen. Was sind 24 Jahre im Leben eines Volkes?"

Das ist die Marschroute für Lina Deliwe, den Enkel von Cynthia Xoliswa. Er möchte zu seinem persönlichen Marsch durch die Institutionen ansetzen, das System von innen verbessern, die Verwaltung effektiver machen. Deliwe trägt in seinem Büro, Stadtverwaltung Kapstadt, siebter Stock, einen Anzug, hat wie immer zum Dienst sein bestes Parfüm aufgetragen. Er kann dann besser arbeiten, hat keine Minderwertigkeitsgefühle, auch wenn er zu den Chefs eine Etage höher muss. Die meisten dort sind weiß. Stolz zeigt Deliwe auf den leeren Ausgangskorb auf seinem Schreibtisch. Er hat heute die bewilligten Anträge von 24 neuen Praktikanten bearbeitet und zugestellt.

Schlechter Schlaf

Natürlich ist es ein Dienstgeheimnis, wie viele davon weiß, schwarz oder coloured sind. Er verrät es nicht. Er sagt nur lächelnd: "Es sind auch Frauen dabei."

Auf dem Heimweg steht er im Bus im Stau, weil die Bahn mal wieder streikt. Langsam geht die Sonne unter, Dunkelheit bricht herein. Wie jeden Tag ruft er bei seiner Großmutter Cynthia an. Sie hat gerade die Türen und Fenster ihres Häuschens geschlossen und sämtliche Gitter verriegelt. Sie wartet im Bett auf den Schlaf, der mal wieder nicht kommen mag.

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