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Jahrestag der Anschläge Terroristen richten vor seinem Café in Paris ein Massaker an – so geht es ihm heute

Grégory Reibenberg: "Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, dass wir zu zweit waren. Ich bin nach Hause gekommen und wenn ich noch hier bin, lebe ich. Ich habe keine Kugel abbekommen. Ohne mein Lächeln bin ich nichts. Es gibt einen Grund, am Leben zu sein. Du musst dem Leben ein Lächeln schenken. Wenn du willst, dass die Dinge in deinem Leben sich zum Positiven wenden, musst du lächeln. Man kann auch mit Narben im Gesicht lächeln – das ist nicht unvereinbar."
Grégory Reibenberg ist Eigentümer der Brasserie La Belle Équipe im 11. Pariser Arrondissement. Am Abend des 13. November 2015 eröffnen zwei Attentäter das Feuer auf die vollbesetzte Terrasse und den Innenraum. 20 Menschen werden ermordet, darunter auch Reibenbergs Frau Djamila, die Mutter seiner heute 11-jährigen Tochter Tess. Sie stirbt in seinen Armen.
Grégory Reibenberg: "20 Menschen sind in meinem Café gestorben, zehn davon waren Teil meines Lebens. Darunter die Mutter meiner Tochter und einige sehr gute Freunde."
Wie haben Sie Ihr Leben nach dem Tod Ihrer Frau im Griff behalten? 
Grégory Reibenberg: "Wenn du ein Kind hast, das dich an der Hand nimmt und dich dazu bringt, weiterzumachen, ohne dass du dir selbst zu viele Fragen stellst, läuft das instinktiv. Du bist nicht alleine, also kannst du dich nicht gehen lassen. Du kannst es dir nicht leisten, dich gehen zu lassen. Du bist ja ein Überlebender. Es gab Paare mit Kindern, da sind beide Eltern verstorben. Ich meine, wir waren ein Paar, aber meine Tochter konnte nach Hause kommen. Ich habe Verpflichtungen. Es ist instinktiv: Du hast ein Kind, du bist ein Überlebender, du musst das Beste draus machen und weiterleben, ganz einfach.
Meinem Kind eine solche Nachricht zu übermitteln, ist eines der schwersten Dinge meines Lebens gewesen. Es wird nicht schlimmer als das. Man kann so etwas nicht lernen, und ich wünsche diese Erfahrung niemandem. Natürlich gab es schwierige Momente für Tess, z.B. in der Schule. Doch das Leben geht irgendwie weiter. Ich habe das La Belle Équipe neu aufgebaut. Ich weiß, dass ich Glück hatte. Ich habe großes Glück, am Leben zu sein. Tess hat einen Vater, und sie weiß das zu schätzen, dass sie noch einen Vater hat."
Was denken Sie über die Attentäter?
Grégory Reibenberg: "Die interessieren mich nicht. Wissen Sie, ich denke nichts. Ich wünschte, wir würden nicht über sie sprechen. Ich würde mir wünschen, dass wir ihre Gesichter nicht im Fernsehen sehen. Dass wir ihre Namen nicht nennen. Wenn wir über den Zweiten Weltkrieg sprechen, was zeigen wir da? Brüderlichkeit, Helden, die Opfer. Zeigen wir Bilder von Hitler oder Himmler mit der Anzahl der Toten, für die sie verantwortlich sind? Nein. Darüber hinaus ist es das, was die Terroristen wollen. Anstatt über die Menschen zu sprechen, die gestorben sind, kennen wir die Namen der Mörder und dessen Gesichter. Wenn man Bilder zeigen will, zeig Fotos von denen, die gegangen sind, die schön waren und dessen Erinnerungen wir hochhalten sollten. Die anderen existieren nicht. Sie haben nie existiert. Sie sind nichts. Sie sind Kugeln. Das ist alles."
Grégory Reibenberg lebt und arbeitet weiter im 11. Pariser Arrondissement, dem Zentrum der Anschläge vom 13. November 2015. Die Attentäter morden an diesem Abend auch an vier weiteren Tatorten in der Nähe und am Stade de France im Vorort Saint-Denis. Insgesamt sterben 130 Menschen, 494 werden verletzt. Über seinen Kampf zurück ins Leben hat Reibenberg ein Buch geschrieben. Die Widmung lautet: "Für Tess, zur Erinnerung an Djamila."
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Grégory Reibenberg ist Eigentümer der Brasserie "La Belle Équipe",  einem von sechs Tatorten der Anschläge vom 13. November 2015 in Paris. Auch die Mutter seiner heute 11-jährigen Tochter kommt ums Leben. Im Interview erzählt er von seinem Alltag nach dem Terror. 

Paris/"La Belle Équipe", 13.11.2015: Die Terrasse seiner Brassiere "La Belle Équipe" ist voll besetzt, als die beiden Terroristen aus dem VW Polo springen und anfangen zu schießen. 20 Menschen sterben. Darunter auch Djamila, die Mutter seiner damals acht Jahre alten Tochter.

Heute ist Tess elf und erinnert ihn immer öfter an ihre Mutter. Wenn er sie schlafen sieht. Wenn sie Djamilas Schuhe und Kleider trägt. Manchmal fällt es ihm schwer, stark zu bleiben. Aber er reißt sich zusammen. Für seine Tochter.


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