VG-Wort Pixel

Gastbeitrag in "FAZ" Türkei: Verhafteter schildert, welche "Beweise" die Staatsanwaltschaft vorlegte

In der Türkei hat es seit dem Putsch zahlreiche Festnahmen gegeben
In der Türkei hat es seit dem Putsch zahlreiche Festnahmen gegeben
© DPA
Der Putschversuch in der Türkei ist ein willkommener Anlass für Präsident Erdogan, gegen Regierungskritiker vorzugehen. Ein türkischer Journalist schildert nun in der "FAZ", wie er festgenommen und welche "Beweise" ihm vorgelegt wurden.

Es ist schwierig, in diesen Tagen verlässliche Informationen aus der Türkei zu bekommen - Informationen aus erster Hand, von Menschen, die diese angespannte Zeit nach dem Putsch selbst miterleben, die vielleicht selbst Bedrohungen und Beschuldigungen ausgesetzt sind. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ist es gelungen, mit einem dieser Menschen zu sprechen. Der Journalist Bülent Mumay schildert in der Zeitung, wie er verhaftet wurde und was ihm in Haft widerfahren ist.

Dabei begrüßt auch Mumay klar die Niederschlagung des Putschversuchs - zu präsent sind die traumatischen Jahre nach dem letzten erfolgreichen Putsch 1980, als Hunderttausende Menschen festgenommen wurden. "Es besteht kein Zweifel, dass einige der Militärs, die am 15. Juli die Ära der Putsche wiederaufleben lassen wollten, Ähnliches vorhatten", schreibt Mumay. "Wie gut, dass die Putschisten nicht die Oberhand gewinnen konnten."

Zehntausende verloren in der Türkei ihre Jobs

Trotzdem: Die türkische Regierung handle nun kaum besser, als es die Putschisten wohl getan hätten. Zehntausende Menschen haben ihren Job verloren oder sind verhaftet worden. Dutzende Zeitungen und Fernsehsender wurden nach jenem 15. Juli verboten. Und auch bei Mumay selbst stand die Polizei plötzlich vor der Tür. Der Vorwurf: Unterstützung des Putsches und einer Organisation von Fethullah Gülen, die dafür verantwortlich gemacht wird.

Den vollständigen Bericht in der "FAZ" lesen Sie hier.

Tweets und regierungskritische Artikel

Wie Mumay berichtet, habe er sich plötzlich mit drei anderen Verhafteten in einer sechs Quadratmeter großen Zelle wiedergefunden. "Ein furchtbarer Raum mit Kameraüberwachung. Er war die ganze Zeit über in starkes Neonlicht getaucht, so dass wir kaum verstehen konnten, ob draußen gerade Tag war oder Nacht." Statt auf Betten hätten sie auf Beton schlafen müssen.

Drei Tage musste Mumay seiner Schilderung zufolge warten, dann wurde er dem Staatsanwalt vorgeführt, gespannt, welche Beweise dort auf ihn warten würden. Doch es wartete: fast nichts. Nichts außer einigen Tweets, einem ausgedruckten LinkedIn-Profil und ein paar älteren regierungskritischen Artikeln. "Am Ende der Befragung verstand ich, dass er nur Google für seine Recherchen benutzt hatte." Besonders stieß dem Staatsanwalt offenbar eine Solidaritätsaktion für den verurteilten"Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar auf, an der Mumay teilgenommen hatte.

Zwar wurde er nach der Befragung wieder freigelassen. Doch andere Journalisten, schreibt Mumay, hatten weniger Glück als er. Viele seiner Kollegen sitzen noch immer in Haft - darunter auch die Journalistin Nazli Ilicak. Sie ist 72 Jahre alt.

car

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker