Türkei Ehrenmörder auf freiem Fuß

Er erdrosselte seine Schwester, weil sie zu freizügig gelebt haben soll. Der junge Mann wurde in der Türkei verurteilt – und sofort wieder auf freien Fuß gesetzt.

Äußerste Milde hat ein Gericht in einem "Ehrenmord"-Prozess in der türkischen Stadt Diyarbakir walten lassen. Der 17-jährige Angeklagte, der seine ältere Schwester erdrosselt hatte, wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und acht Monaten verurteilt - und freigelassen. Dabei stellte das Gericht in Rechnung, dass der Jugendliche aus dem Südosten des Landes drei Jahre in Untersuchungshaft verbracht hatte.

"Hättet ihm noch eine Medaille geben sollen"

Die unkenntlich gemachte Leiche war in einem Müllcontainer gefunden worden. "Ihr hättet ihm noch eine Medaille geben sollen", empörte sich die Zeitung "Hürriyet", die über den Ausgang des Prozesses berichtete. Der seit dem Verbrechen flüchtige Vater des Mädchens wurde in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er soll die Beine der 18- Jährigen festgehalten haben, als ihr Bruder sie mit einem Kabel erdrosselte.

Ihr "Vergehen" bestand darin, dass sie sich angeblich freizügig kleidete, mit Männern ausging und damit die "Ehre der Familie" beschmutzt haben soll.

Ehrenmorde in Deutschland

Auch in Deutschland werden Frauen von ihren Familienangehörigen umgebracht, weil sie der Familienehre Schaden zugefügt haben sollen: Derzeit beschäftigt sich das Berliner Landgericht mit dem Tod der 23-Jährigen Hatun Sürücü. Die junge Frau wurde von ihrem jüngsten Bruder erschossen, angeklagt sind aber alle drei Söhne der türkischen Familie.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Tod der Tochter in ihrer Familie abgesprochen und gemeinsam beschlossen wurde. Der jüngste Bruder sei ausgewählt worden, den Mord zu begehen, weil ihn die niedrigste Strafe erwarten würde. Die Familie bestreitet, den Mord vereint geplant zu haben.

Dieser und ähnliche Fälle haben dazu geführt, die Situation von Mädchen aus vorwiegend türkischen Familie kritisch zu beleuchten. In Deutschland wurden innerhalb der letzten zehn Jahre insgesamt rund 50 solcher Ehrenmorde gezählt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit darüber. Weltweit sterben laut Weltbevölkerungsbericht der UNO etwa 5.000 Frauen jährlich durch die Hand von Familienmitgliedern.


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