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"Spiegel"-Bericht Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt: Ex-V-Mann erhebt im Fall Amri schwere Vorwürfe gegen Behörde

Eine Frau mit kurzen, rotbraunen Haaren und einer grauen Daunenjacke stellt vor der Gedächtniskirche in Berlin eine Kerze auf
Einen Tag nach der LKW-Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin kommen Menschen zum Tatort, um sich selbst ein Bild zu machen und ihre Trauer auszudrücken. Nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche legen sie Blumen nieder und zünden Kerzen an. Es herrscht eine bedrückende Stille. Die sonst so lebhafte Stadt Berlin scheint innezuhalten angesichts von mindestens zwölf Toten und Dutzenden teils schwer Verletzten vom Montagabend. Der mutmaßliche Fahrer des Lastwagens, der auf dem vollen Weihnachtsmarkt bis zu 80 Meter weit durch die Menschenmenge fuhr, ist womöglich noch bewaffnet und auf freiem Fuß. In Berlin herrscht eine erhöhte Sicherheitsstufe. Doch das hält die Trauernden nicht davon ab, zum Breitscheidplatz zu kommen und derer zu gedenken, die getötet oder verletzt worden sind.
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Der frühere V-Mann der nordrhein-westfälischen Polizei im Fall Anis Amri erhebt einem Bericht des "Spiegel" zufolge schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden. Demnach sei der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu verhindern gewesen.

Der frühere V-Mann der nordrhein-westfälischen Polizei im Fall Anis Amri erhebt laut "Spiegel" schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden. Das Attentat Amris im Dezember 2016 am Berliner Breitscheidplatz wäre zu verhindern gewesen, sagte der als "VP01" bekannt gewordene Informant dem Magazin laut Vorabmeldung vom Freitag. "Wir hätten ihn stoppen können, aber wir haben es nicht gemacht."

Survivors Russell Schulz Breitscheidplatz_18.55Er habe vielfach vor Amri gewarnt, die Warnungen seien aber erfolglos geblieben, sagte der Informant "VP01". Er war unter dem Decknamen Murat Cem in eine Islamistenzelle um den Hassprediger Abu Walaa eingeschleust worden und während der Ermittlungen im November 2015 auch auf Amri getroffen. Sofort habe Cem vor dem Tunesier gewarnt, schrieb der "Spiegel".

Warnung vor Amri: "Passt gut auf"

Später berichtete Cem demnach von Amris Plänen, Kalaschnikows zu kaufen, um damit einen Anschlag in Deutschland zu begehen. Seinen Angaben zufolge wollte er Amri demnach bei dieser Gelegenheit überführen und schlug der Polizei einen überwachten Kauf vor. "Ich habe denen gesagt: 'Komm lass uns das machen, lass mich mit dem Amri die Waffen kaufen gehen'", sagte Cem dem Magazin. "Aber die wollten das nicht."

Auch nachdem die Berliner Polizei für Amri zuständig geworden sei, habe er seine Warnung erneuert. "Passt gut auf den auf", sagte Cem laut eigenen Angaben im September 2016 einem Beamten aus NRW, wie der "Spiegel" weiter berichtete. "Der ist wirklich gefährlich." Drei Monate später beging Amri den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und tötete zwölf Menschen.

Cem beklagte laut "Spiegel" zudem ein "katastrophales Leben". Er fühle sich nach Amris Anschlag von der Polizei fallen gelassen, sagte er dem Magazin. "Viele Menschen verwünschen den Tag, an dem sie mich trafen." Er verfluche den Tag, an dem er Amri begegnet sei.

Polizei NRW beantwortet keine Fragen

Cem alias "VP01" lebt dem Bericht zufolge inzwischen unter falschem Namen im Zeugenschutzprogramm und bezieht Hartz IV. Er erhalte kaum Hilfe von der Polizei.

Wie der "Spiegel" weiter berichtete, ließ die nordrhein-westfälische Polizei einen umfangreichen Fragenkatalog des Magazins inhaltlich unbeantwortet und verwies darauf, dass V-Mann-Einsätze grundsätzlich geheim seien. Dem Magazin zufolge begleitete ein "Spiegel"-Team den früheren V-Mann zuletzt über viele Monate. Cem äußerte sich demnach bislang weder vor Gericht noch in den laufenden Amri-Untersuchungsausschüssen zum Fall des Attentäters vom Breitscheidplatz.

tim AFP

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