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Aus stern Nr. 49/2004: Deutschland, deine Hunde

Die Politik nimmt das wirre Reformstück vom Spielplan. Der Wahlkampf 2006 hat begonnen - mit Patriotismus, Werten und manchem, was das Herz erwärmt. Aus stern Nr. 49/2004.

Deutschland ist müde. Illusionslos, hoffnungslos, antriebslos. Niedergedrückt von depressiven Schüben. Ließe sich die Nation auf die Couch legen, hätte der Therapeut psychische Erschöpfung festzustellen. Stillstand. Keine Bewegung, nirgends. Politik, Wirtschaft, Medien, Kultur - in Deutschland nichts Neues. Kreativpause. Ein Volk nimmt den Blues.

Den Reform-Blues. Jahre, lange Jahre - wer zählt sie noch? - hat das Land nichts anderes gekannt als Reformstau. In selbstquälerischer Lust das eigene Versagen besprochen. "Deutschland bankrott?", "Sozialfall Deutschland", "Reformwüste Deutschland" - die Talkshows, alle, alle und immer mehr, wurden selbst wahnhafte Therapiestunden kollektiven Wahns. Aufschäumender Euphorie im Reformjahr 2003 folgte in diesem Sommer die Hartz-Hysterie. Und dann der Absturz.

Hört der Deutsche heute "Reform", lässt er den Schäferhund von der Leine. Es ist zu viel geredet und zu wenig getan worden. Und das Wenige war vielen schon zu viel. Zu viel an Durcheinander, an Plan- und Perspektivlosigkeit. Wer keinen Schäferhund hat, igelt sich ein. "Mir gäbet nix", sagt der gemeine Schwabe, wenn es an der Haustür klingelt. "Wir geben nix, und wir nehmen nix", sagt der gemeine Deutsche, wenn ihm die Politik heute zu Leibe rückt. Knapp die Hälfte der Deutschen blieb bei den 14 Wahlen dieses Jahres zu Hause. Angststarr halten die Verstörten ihr Geld beisammen - und die Unternehmer investieren nicht mehr. Die Nation wartet auf Erlösung. Irgendwann. Durch irgendwen.

Die Medien auch. Denn sie werden mit haftbar gemacht für die polit-ökonomischen Zumutungen. Wir können es nicht mehr lesen/hören/sehen, ruft das Publikum. Auflagen bröckeln, Quoten schmelzen. Mit Abwendung wird bestraft, wer keine Flucht in andere Welten eröffnet. "Christiansen" kann den Dom zur sonntäglichen Reformmesse nicht mehr füllen: Knapp fünf Millionen Zuschauer versammelten sich dort noch vergangenes Jahr, jetzt sind es eine halbe Million weniger. Tendenz fallend. Dem großen Talk-Fressen folgt kollektives Würgen. Keiner weiß, was danach kommt. Das große Kotzen?

Was bleibt, ist Lärm. Der Lärm einer Palaver-Gesellschaft. Die alles will und nichts bewegt. Mitbestimmung, Feiertage, Arbeitszeit, Schulden, Gesundheit, Pflege, Steuern - man müsste, man sollte, man könnte. Aber man will nicht, und man kann (es) nicht. Die Wirtschaftsverbände rufen nach Abbau der Mitbestimmung, aber kein Konzernchef will sich daran die Finger verbrennen. Verlangen längere Arbeitszeit, doch niemand kündigt Tarifverträge. Gerhard Schröder hat sich mit dem 3. Oktober verirrt, Angela Merkel mit ihrer Prämie entzaubert. Die Politik begreift, dass die Volksseele wund ist.

Also Themenwechsel. Das Reformstück ist abgesetzt. Für diese Spielzeit. Neue Inszenierung, neues Bühnenbild, neue Parolen. Der Wahlkampf 2006 hat begonnen. Wir müssen uns mehr um die Psychologie kümmern, raunen die politischen Therapeuten. Das Land hochsingen, wenn es nicht von allein auf die Beine kommt. Die Menschen an die Hand nehmen, wenn sie sich allein gelassen fühlen. Wärme säen, wenn wir Vertrauen ernten wollen. Angela Merkel möchte keine Radikalrefomerin mehr sein, spricht nun von "notwendigen Veränderungen" statt von Reformen. Und räumt mit Edmund Stoiber den Querulanten Horst Seehofer ab. Bloß kein Reformstreit mehr!

Patriotismus, nationale Interessen, identitätsstiftende Werte verdrängen die Reformen vom Kampffeld der Politik. Christlich eingefärbt bei der Union, Weltmacht-ambitioniert bei der Koalition. Islamistische Bedrohung, Angst vor Überfremdung kommen gerade recht, um abendländische Leitkultur zu beschwören. Fast hätte die Union den Patriotismus verschenkt an Gerhard Schröder, der womöglich mehr als fünf Millionen Arbeitslose im nächsten Jahr mit triumphalem Einzug in den Weltsicherheitsrat und nationaler Besoffenheit bei der Fußball-WM 2006 zu kontern gedenkt. Also: schleunigst nachgezogen.

Aber schon spielt der Kanzler seine stärkste Karte aus - Sympathie. Plaudert plötzlich frank und frei von der Adoption seiner kleinen Viktoria, die doch eisern tabu sein sollte. Und Ehefrau Doris wirbt herzerhebend für Hunde-Accessoires einer Drogeriekette - 50 Cent von jedem Stück gehen an Tierheime. Fußball besetzt, Kinder besetzt, Tiere besetzt. Was bleibt da Angela Merkel? Freibier und schönes Wetter. Dann vielleicht doch besser "notwendige Veränderungen".

Hans-Ulrich Jörges / print
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