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Bürgerschaftswahl: Wo Hamburg tot und rot ist

Zwischen Faulsilos und Verladekränen hat die Hamburger Linke den größten Zuspruch. Bei der Bürgerschaftswahl am Sonntag bekam sie im nördlichen Hafenbereich 21,1 Prozent der Stimmen. Und keiner weiß, warum.

Von Sebastian Christ

Das Kopfsteinpflaster schmiert unter den Schuhen. Es ist nass, es ist kalt, es ist trüb. Die Hafenkräne tanzen im Hintergrund Viertelkreise, ein dickes Containerschiff liegt im Trockendock von Blohm und Voss, es ragt hoch hinaus, bis weit über die Giebel der drei Backsteinhäuser, die hier zwischen Werftanlagen, Verladeterminals und ungenutzten Industriebrachen stehen. Hier, am Südeingang des alten Elbtunnels, beginnt der Stadtteil Steinwerder. Nach Norden hin haben die Bewohner einen der schönsten Ausblicke in ganz Hamburg, direkt auf die Landungsbrücken und die im Bau befindliche neue Elbphilharmonie. Es ist schön hier, aber auch sehr einsam. Die Linke hat in dieser Gegend bei der Bürgerschaftswahl 21,1 Prozent der Stimmen bekommen. Die Politiker sind ratlos: Keiner weiß eigentlich so genau, warum.

"Das sind die einzigen Häuser hier", sagt der Schleusenwart vom Elbtunnel. "Sonst wohnt hier eigentlich niemand, das ist alles Industrie." Der Mann tapert zu seinem Arbeitsplatz zurück. Aus dem Hintergrund ist ein metallisches Knallen zu hören, ab und zu fährt ein Auto vorbei. Arbeiter machen Zigarettenpause unter dem Vordach einer Lagerhalle. Doch von den Linkswählern, die dem Stadtteil in Hamburg eine gewisse Berühmtheit beschert haben, ist weit und breit nichts zu sehen. Sie leben verteilt über das gesamte nordöstliche Hafengelände auf der Elbinsel Wilhelmsburg.

Auch dem Landesgeschäftsführer der Linken in Hamburg fehlen auf Nachfrage zuerst die Worte. Warum seine Partei gerade hier so gut abgeschnitten hat? Martin Wittmaack überlegt. Mhhm. Früher war die Sternschanze mit ihrer autonomen Ureinwohnerschaft die linke Hochburg schlechthin in Hamburg. Witmaack blättert in den Ergebnissen rum und entdeckt erstaunt die Zahlen: 489 Wahlberechtigte sind in Steinwerder und dem benachbarten Kleinen Grasbrook gemeldet. Beide Stadtteile werden gemeinsam ausgezählt. Die Wahlbeteiligung lag mit 26,4 Prozent rekordverdächtig niedrig. Nur 129 Elbinselbewohner gaben ihre Stimme ab, 27 wählten die Linke. Dann besinnt er sich und findet einen Erklärungsansatz im parteikompatiblen Sozialsprech: "Der Kleine Grasbrook ist ein prekärer Stadtteil", sagt er. "Für diese Menschen ist es vor allem interessant, wer für soziale Gerechtigkeit steht. Deswegen haben wir dort Stimmen gewonnen."

Reicher Norden, armer Süden

Der Gegensatz zum gegenüber liegenden Nordufer der Elbe könnte nicht größer sein. Im neuen Stadtteil Hafen City wohnt nur, wer es sich leisten kann. Die sündhaft teueren Wohnungen sind Teil eines städteplanerischen Experiments. Wohnen an der Elbe, wie früher, nur besser. Die Glasfronten der Häuser ragen zum Teil meterweit über die eigentlichen Fundamente hinaus. Von manch einem Wohnzimmer hat man den Eindruck, als könne man über das Wasser gehen. Die CDU hat hier mehr als 60 Prozent der Wählerstimmen bekommen.

Auf die Elbinsel Wilhelmsburg ziehen dagegen vor allem jene, denen die Mieten anderswo zu teuer sind. "Es sind zwar von der Bevölkerung her nur sehr kleine Stadtteile. Aber hier kann man deutlich das Problem dieser Stadt erkennen: die soziale Spaltung", sagt Martin Wittmaack von den Linken.

Kleiner Grasbrook und Steinwerder gehören flächenmäßig zu den größten Stadtteilen im Hamburger Zentrum. Und sie sind kaum besiedelt. Im Südwesten kreiselt sich die riesige Köhlbrandbrücke in die Höhe. Daneben befindet sich Hamburgs größtes Klärwerk, dessen eiförmige Faulsilos von der Elbe aus weithin sichtbar sind. Viele Industriebetriebe residieren in Steinwerder, und wenn man nachts mit dem Auto durch die menschenleeren Straßen fährt, glimmen von allen Seiten die Positionslichter der Schlote und Kräne.

Früher gab es hier Siedlungen, zum Teil mit gepflegten, kleinen Einfamilienhäusern. Sie fielen dem Ausbau der Hafenanlagen in den 60-er und 70-er Jahren zum Opfer. Übrig geblieben sind einige versprengte Häuschen. Beim Bezirksamt Mitte sind heute nur noch 62 Menschen mit Hauptwohnsitz in Steinwerder gemeldet. Etwas dichter besiedelt ist der Kleine Grasbrook, ein zerklüfteter Seitenarm der Elbinsel Wilhelmsburg. Aber das will noch nicht viel heißen.

Nur halb gesprungen

Auf den Straßen fahren mehr Lastwagen als PKW, viele Brücken werden noch von Stahlnieten zusammengehalten - sie stammen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt hier einige Wohnblocks, doch auch hier sind kaum Menschen zu sehen. Die CDU hatte auf dem Kleinen Grasbrook vor der Wahl eine ihrer größten Veranstaltungen abgehalten, mit Parteipromis wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. Viele geladene Gäste hatten sich damals verfahren, manche landeten auf der Teilinsel Veddel, andere im sogar vornehmen Blankenese.

Ole von Beust sprach an jenem Tag im Kaispeicher 52 vom "Sprung über die Elbe", jenem kühnen Zukunftsprojekt für die Hansestadt, zu dem auch der Plan für die Hafen City gehört.

Bei der Bürgerschaftswahl ist der Sprung für die CDU auf halber Strecke ins Wasser gefallen. Irgendwo zwischen den Architekturexperimenten im Norden und den Industrieanlagen von Wilhelmsburg. Auf dem Kleinen Grasbrook und in Steinwerder erzielte die CDU 17,2 Prozent.